Joma — Blatt 47a
1MAN HOLTE IHM DIE KELLE UND DIE SCHIPPE UND ER HOB [VOM RÄUCHERWERKE] BEIDE HÄNDE VOLL AB UND TAT ES IN DIE KELLE, EIN GROSSER NACH SEINER GRÖSSE UND EIN KLEINER NACH SEINER KLEINHEIT, UND DIES WAR DAS MASS; DANN NAHM ER DIE SCHIPPE IN DIE RECHTE UND DIE KELLE IN DIE LINKE.
2GEMARA. Von der Schippe wurde ja bereits gelehrt: er nahm die Schippe und stieg auf die Höhe des Altars, nahm [Kohlen] auf und stieg herunter!? – Dort wird von der Kohlenschippe gesprochen, hier aber von der Schippe des Räucherwerkes. Es wird nämlich gelehrt: Man holte ihm eine leere Kelle aus der Gerätekammer und eine gehäufte Schippe Räucherwerk aus der Eutinoskammer.
3ER HOB BEIDE HÄNDE VOLL AB UND TAT ES IN DIE KELLE, EIN GROSSER NACH SEINER GRÖSSE UND EIN KLEINER NACH SEINER KLEINHEIT, UND DIES WAR DAS MASS. Wozu war am Versöhnungstage eine Kelle nötig, der Allbarmherzige sagt ja: beide Hände voll und er soll es bringen!? –
4Anders ist es nicht möglich; wie sollte er es denn machen: bringt er zuerst [die Schippe] und nachher [das Räucherwerk] hinein, so spricht ja der Allbarmherzige von nur einem Hineinbringen und nicht von zwei,
5und nimmt er das Räucherwerk in die Handteller, legt die Schippe darüber und geht hinaus, wie sollte er es, wenn es darin ist, machen: etwa die Schippe mit den Zähnen anfassen und hinlegen? Wenn man vor einem Könige aus Fleisch und Blut solches nicht tut, um wieviel weniger vor dem König der Könige, dem Heiligen, gepriesen sei er.
6Es ist also anders nicht möglich, und da es anders nicht möglich ist, ist so zu verfahren, wie wir es bei den Stammesfürsten finden.
7DANN NAHM ER DIE SCHIPPE IN DIE RECHTE UND DIE KELLE IN DIE LINKE. Der Bürger auf der Erde und der Fremde in den höchsten Himmeln!? –
8Die eine ist größer, und die andere ist kleiner; und selbst wenn beide gleichmäßig sind, wie dies bei R. Jišma͑él, dem Sohne der Qimḥith, der Fall war, so ist die eine heiß und die andere kalt.
9Man erzählt von R. Jišma͑él, dem Sohne der Qimḥith, daß er mit seinen Handflächen vier Kab aufnahm, indem er sprach: Alle Frauen haben Reben gezogen, aber die Rebe meiner Mutter stieg bis zum Dache. Manche sagen, durch Gerstengraupe, und zwar nach Rabba b.Jonathan, der im Namen R. Jeḥiéls lehrte, Gerstengraupe sei für Kranke zuträglich.
10Manche sagen, durch den Samentropfen, und zwar nach R. Abahu. R. Abahu wies nämlich auf einen Widerspruch hin: Es heißt: du hast mir die Kraft für den Krieg ausgesucht, und es heißt: der mich mit Kraft umgürtet!? David sprach vor dem Heiligen, gepriesen sei er: Herr der Welt, du hast mich ausgesucht und du hast mich angespornt.
11Man erzählt von R. Jišma͑él, dem Sohne der Qimḥith, daß er sich einst auf der Straße mit einem Araber unterhielt, wobei ein Spritzer aus dem Munde ihm auf die Kleider kam; da trat sein Bruder Ješebab ein und verrichtete an seinerstatt den Dienst. Ihre Mutter sah dann an einem Tage zwei [Söhne als] Hochpriester.
12Ferner erzählt man von R. Jišma͑él, dem Sohne der Qimḥith, daß er sich einst auf der Straße mit einem Hegemon unterhielt, wobei ein Spritzer aus dessen Munde ihm auf die Kleider kam; da trat sein Bruder Joseph ein und verrichtete an seinerstatt den Dienst. Ihre Mutter sah also an einem Tage zwei [Söhne als] Hochpriester.
13Die Rabbanan lehrten: Sieben Söhne hatte die Qimḥith, und alle übten sie das Hochpriesteramt aus. Die Weisen fragten sie: Was hast du getan, daß dir solches beschieden ist? Sie erwiderte: Nie: im Leben sahen die Wände meines Zimmers meine Haarflechten. Darauf entgegneten jene: Viele taten dies und erreichten nichts.
14Die Rabbanan lehrten: Mit seiner Faust, er darf für die Faustfülle kein Maßgefäß fertigen. Sie fragten: Darf er ein Maßgefäß für die Händefülle fertigen?
15Da heißt es: mit seiner Faust, hierbei aber nicht: mit seinen Händen, sondern: feingestoßene Spezereien, seine Hände voll; oder ist es diesbezüglich durch [das Wort] voll von der Faustfülle zu folgern? –
16Komm und höre: Dies war das Maß. Demnach durfte er, wenn er wollte, ein Maßgefäß fertigen. – Nein, er meint es wie folgt: so nahm er innerhalb [des Allerheiligsten] abermals die Hände voll. –
17Demnach wäre hieraus zu entscheiden, daß er die Hände voll abhebe und abermals abhebe!? –
18Vielleicht darf er wirklich, wenn er es will, ein Maßgefäß fertigen. Oder vielleicht besagt dies, daß er weder weniger noch mehr nehmen dürfe.
19Die Rabbanan lehrten: Seine Faust voll, man könnte glauben, überschwellend, so heißt es: mit seiner Faust; man könnte demnach glauben, nur mit den Fingerspitzen, so heißt es: seine Faust voll; wie eben die Leute eine Faustfülle abheben. – Wie erfolgt dies? – Er beugt seine drei Finger über den Handteller und hebt ab.
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.