Joma — Blatt 4b

1die Wolke verhüllte ihn, den Berg; und er rief Moše, als Moše und ganz Jisraél dastanden, nur will die Schrift Moše Ehrung erweisen. R. Nathan sagte: Die Schrift will damit nur [besagen], daß die Speisen und Getränke aus seinen Därmen verschwinden sollten, damit er den Dienstengeln gleiche.

2R. Mathja b.Ḥereš sagte: die Schrift will damit nur [besagen], daß ihm Angst eingejagt werden sollte, damit die Tora in Angst, Beben und Zittern verliehen werde, denn es heißt: dienet dem Herrn mit Furcht und frohlocket mit Beben. Was heißt: frohlocket mit Beben? R. Ada b.Mathna erwiderte im Namen Rabhs: Wo frohlocken, da beben.

3Worin besteht der Streit zwischen R. Jose dem Galiläer und R. A͑qiba? — Sie führen den Streit der folgenden Tannaím: Am sechsten des Monats [Sivan]wurde die Tora an Jisraél verliehen; R. Jose sagt, am siebenten desselben. Nach demjenigen, der am sechsten sagt, wurde sie am sechsten verliehen und am siebenten stieg er hinauf, [wie es heißt:und er rief Moše am siebenten Tage,] und nach demjenigen, der am siebenten sagt, wurde sie am siebenten verliehen und am siebenten stieg er hinauf, denn es heißt: und er rief Moše am siebenten Tage.

4R. Jose der Galiläer ist der Ansicht des ersten Tanna, daß nämlich die Tora am sechsten des Monates verliehen wurde; dies geschah also nach der Verkündung der zehn Gebote. Die Herrlichkeit des Herrn ruhte auf dem Berge Sinaj, und die Wolke verhüllte ihn sechs Tage, nämlich Moše, und er rief Moše am siebenten Tage, um die übrige Tora in Empfang zu nehmen. Wollte man erklären: die Herrlichkeit des Herrn ruhte, vom Neumonde an, und die Wolke verhüllte ihn, den Berg, und er rief Moše am siebenten Tage, um die zehn Gebote in Empfang zu nehmen — sie hatten sie ja bereits am sechsten in Empfang genommen und bereits am sechsten Tage war die Wolke gewichen!?

5R. A͑qiba aber ist der Ansicht R. Jose’s, daß nämlich die Tora am siebenten des Monats an Jisraél verliehen wurde. — Allerdings können nach R. A͑qiba die Bundestafeln am siebzehnten Tamuz zerbrochen worden sein, denn vierundzwanzig [Tage] des Sivan und sechzehn des Tamuz sind zusammen vierzig, die er auf dem Berg weilte, und am siebzehnten Tamuz stieg er herab und zerbrach die Bundestafeln;

6nach R. Jose dem Galiläer aber, welcher sagt, sechs Tage der Zurückziehung und vierzig Tage [des Aufenthaltes] auf dem Berge, können ja die Bundestafeln vor dem dreiundzwangzigsten Tamuz nicht zerbrochen worden sein!? — R. Jose der Galiläer kann dir erwidern: vierzig auf dem Berge einschließlich der sechs Tage der Zurückziehung.

7Der Meister sagte: Und er rief Moše, als Moše und ganz Jisraél dastanden. Dies ist eine Stütze für R. Elea͑zar, denn R. Elea͑zar erklärte: und er rief Moše, als Moše und ganz Jisraél dastanden, nur will die Schrift Moše Ehrung erweisen.

8Man wandte ein: [Es heißt nicht] ‘ihm’ sondern ‘an ihn’ [dies besagt], daß nur Moše sie gehört hat, nicht aber hat ganz Jisraél sie gehört!? — Das ist kein Einwand, das eine am Sinaj und das eine im Offenbarungszelte. Wenn du aber willst, sage ich: das ist kein Widerspruch, das eine gilt vom Rufen und das eine vom Reden.

9R. Zeriqa wies R. Elea͑zar auf einen Widerspruch der Schriftverse hin, und manche sagen, R. Zeriqa sagte, R. Elea͑zar habe auf einen Widerspruch hingewiesen: Es heißt: Moše konnte nicht in das Offenbarungszelt eintreten, weil die Wolke darauf lagerte, dagegen heißt es: da begab sich Moše mitten in die Wolken hinein!? Dies lehrt, daß der Heilige, gepriesen sei er, Moše angefaßt und ihn in die Wolke gebracht hatte. In der Schule R.

10Jišma͑éls lehrten sie: hier heißt es mitten und dort heißt es ebenfalls mitten, da kamen die Kinder Jisraél mitten in das Meer hinein, wie dort ein Steg war, wie es heißt: das Gewässer bildete einen Damm, ebenso war auch hier ein Steg.

11Da rief er Moše und sprach. Weshalb geht dem Sprechen das Rufen voran? — Die Tora lehrt eine Anstandsregel, daß man zu einem Nächsten nicht spreche, bevor man ihn angerufen hat. Dies ist eine Stütze für R. Ḥanina, denn R. Ḥanina sagte, daß man seinem Nächsten erst dann etwas sage, wenn man ihn angerufen hat. R. Masja, Sohnessohn des R. Masja, sagte im Namen R. Masja des Großen: Woher, daß, wenn jemand seinem Nächsten etwas sagt, dieser es nicht weiter sagen dürfe, es sei denn, daß er ihn es zu sagen ermächtigt hat? Es heißt: da sprach der Herr zu Moše vom Offenbarungszelte aus also.

12Beide sind somit der Ansicht, bei der Einsetzung war alles, was dabei genannt wird, unerläßlich. Es wird nämlich gelehrt: Über die Einsetzung [streiten] R. Joḥanan und R. Ḥanina; einer sagt, alles, was dabei genannt wird, war unerläßlich, und einer sagt, was für [spätere] Generationen unerläßlich war, war auch da unerläßlich, was für [spätere] Generationen nicht unerläßlich war, war auch da nicht unerläßlich.

13Es ist nun zu beweisen, daß R. Joḥanan es ist, welcher sagt, alles, was dabei genannt wird, war unerläßlich, denn als Reš Laqiš zu R. Joḥanan sagte, bei der Einsetzung war alles, was dabei genannt wird, unerläßlich, erwiderte ihm dieser nichts. Schließe hieraus. —

14Welchen Unterschied gibt es zwischen ihnen?

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.