Keritot — Blatt 6b
1Die Rabbanan lehrten: Wegen des Überschusses mengte man einmal in sechzig oder siebzig Jahren das Räucherwerk nur zur Hälfte. Daher ist ein Gemeiner, der die Hälfte mengt, schuldig – so R. Šimo͑n b. Gamliél, der es im Namen des Priesterpräses sagte.
2Von einem Drittel oder einem Viertel aber habe ich es nicht gehört. Die Weisen sagen, er mengte jeden Tag nach Verhältnisund brachte es hinein.
3Dies ist also eine Stütze für Raba, denn Raba sagte: Wer das Räucherwerkin Hälften gemengt hat, ist schuldig, denn es heißt:und das Räucherwerk, das du zubereiten sollst, alles, was du zubereiten kannst, und man kann auch die Hälfte morgens und die Hälfte abends zubereiten.
4Die Rabbanan lehrten: Zweimal im Jahre legte man es in den Mörser zurück; im Sommer ausgebreitet, damit, es nicht übelriechend werde, in der Regenzeit gehäuft, damit es nicht den Duft verliere. Beim Zerreiben sagte er: fein und gut, gut und fein – so Abba Jose b. Joḥanan.
5Die drei überschüssigen Minen, von denen der Hochpriester seine Hände voll am Versöhnungstage hineinbringt, tue man am Vorabend des Versöhnungstages in den Mörser und zerreibe sie besonders gut, damit es das Feinste vom Feinen sei. Wie gelehrt wird:Feines, wozu ist dies nötig, es heißt ja bereits:zerreibe davon ganz fein? Es heißt daher feines, daß es nämlich das Feinste vom Feinen sei.
6Der Meister sagte: Beim Zerreiben sagte er: gut und fein, fein und gut. Dies ist eine Stütze für R. Joḥanan, denn R. Joḥanan sagte: Wie schädlich das Sprechen für den Wein ist, so zuträglich ist das Sprechen für die Spezereien.
7R. Joḥanan sagte: Elf Spezereien wurden Moše am Sinajgenannt. R. Hona sagte: Hierauf deutet folgender Schriftvers:Nimm dir Gewürze, zwei; Stakte, Teufelsklaue und Galban, das sind fünf; Gewürze, wiederum fünf, das sind zehn: und reinen Weihrauch, eines, das sind elf. –
8Vielleicht aber wie folgt: Gewürze, generell, Stakte, Teufelsklaue und Galban, speziell, Gewürze, wiederum generell, und wenn auf eine Generalisierung eine Spezialisierung und wiederum eine Generalisierung folgt, so richte man sich nach der Spezialisierung: wie das Speziell genannte eine Sache ist, deren Rauch noch oben steigt und die duftet, ebenso alles andere, dessen Rauch nach oben steigt und das duftet!?
9Wolltest du erwidern: demnach sollte die Schrift nur eines speziell nennen, so sind alle nötig. Würde sie nur Stakte geschrieben haben, so könnte man glauben, nur von einem Baume, nicht aber Bodenerzeugnisse, daher schrieb sie auch Teufelsklaue; und würde sie nur Teufelsklaue geschrieben haben, so könnte man glauben, nur Bodenerzeugnisse, nicht aber von einem Baume, daher heißt es auch Stakte.
10Galban aber ist an sich nötig, weil es einen üblen Geruch hat. – Wenn dem so wäre, so würde dies aus [den Worten]mmm dir zu entnehmen. –
11Vielleicht aber sind unter dem zweiten Gewürze zwei zu verstehen, wie unter dem ersten Gewürze:!? Wenn dem so wäre, so sollte es Gewürze, Gewürze nebeneinander heißen, und nachher: Stakte, Teufelsklaue, und Galban.
12In der Schule R. Jišma͑éls wurde gelehrt: Gewürze, generell, Stakle, Teufelsklaue und Galaban, speziell, Gewürze, wiederum generell, und wenn auf eine Generalisierung eine Spezialisierung und wiederum eine Generalisierung folgt, so richte man sich nur nach der Spezialisierung: wie das Speziellgenannte eine Sache ist, deren Rauch nach oben steigt und die duftet, ebenso alles andere, dessen Rauch nach oben steigt und das duftet.
13Vielleicht aber ist dem nicht so, sondern generalisiert die erste Generalisierung und spezialisiert die erste Spezialisierung!? Ich will dir sagen: dem ist nicht so; du hast, dich nicht nach der letzten Fassung, sondern nach der ersten Fassung zu richten.
14Der Meister sagte: Vielleicht ist dem nicht so, sondern generalisiert die erste Generalisierung und spezialisiert die erste Spezialisierung!? Ich will dir sagen, du hast dich nicht &c. zu richten. Wie ist diese Frage zu verstehen? – Die Frage lautet wie folgt: vielleicht sind unter dem zweiten Gewürze zwei zu verstehen, wie unter dem ersten Gewürze zwei zu verstehen sind? Hierauf erwiderte er, wie er erwidert hat: demnach sollte die Schrift [nebeneinander] geschrieben haben: Gewürze, Gewürze, [sodann:] Stakte, Teufelsklaue und Galban. –
15Was heißt: spezialisiert die erste Spezialisierung? – Die Frage ist wie folgt zu verstehen: er folgert Baumprodukte von Stakte und Bodenprodukte von Teufelsklaue, sollte er auch von reinen Weihrauch folgern, das einzuschließen, was jenen nur in einer Hinsicht gleicht, was duftet, auch wenn dessen Rauch nicht nach oben steigt.
16Hierauf erwiderte er: demnach sollte doch die Schrift Weihrauch in die Mitte gesetzt haben, und man würde hiervon gefolgert haben. –
17Hätte sie Weihrauch in die Mitte gesetzt, so wären es jazwölf!? – Die Schrift sollte Weihrauch in die Mitte setzen und Galban am Schlusse nennen. Reš Laqiš sagte: Dies ist aus [dem Worte] selbst zu entnehmen: was heißt Räucherwerk? Dessen Rauch nach oben steigt.
18R. Ḥana b. Bizna sagte im Namen R. Šimo͑ns des Frommen: Ein Fasten, an dem nicht auch Abtrünnige Jisraéls beteiligt sind, ist kein Fasten, denn das Galban hat ja einen üblen Geruch, dennoch hat die Schrift es unter den Gewürzen für das Räucherwerk mitgezählt. Abajje entnimmt dies aus folgendem:sein Gefüge über der Erde gegründet.
19ODER SICH MIT DEM SALBÖL SCHMIERT. Die Rabbanan lehrten: Wenn jemand ein Vieh oder Geräte mit dem Salböl schmiert, so ist er frei, wenn Nichtjuden oder Tote, so ist er frei. Einleuchtend ist dies von Vieh und Geräten, denn es heißt:es soll nicht auf den Leib eines Menschen gegossen werden, Vieh und Geräte aber sind keine Menschen, ebenso von Toten, daß man frei ist, denn sobald einer tot ist, ist er eine Leiche und kein Mensch, wieso aber ist er frei, wenn Nichtjuden, sie sind ja ebenfalls Menschen!? –
20Nicht doch, es heißt:ihr aber seid meine Schafe, die Schafe meiner Weide, Menschen seid ihr; ihr heißt Menschen, die Nichtjuden aber heißen nicht Menschen. –
21Es heißt jaaber: und sechzehntausend Menschenseelen!? – Im Gegensatze zum Vieh. –
22Es heißt ja aber:und ich sollte Ninve nicht schonen &c. Menschen!? – Im Gegensatze zum Vieh.
23Wenn du aber willst, sage ich, wie ein Jünger vor R. Elea͑zar rezitierte: Wer [dem Verbote] des Schmierens unterworfen ist, den zu schmieren ist verboten, und wer [dem Verbote] des Schmierens nicht unterworfen ist, den zu schmieren ist nicht verboten.
24Ein Anderes lehrt: Wenn jemand ein Vieh, Geräte, Nichtjuden oder Tote mit dem Salböl schmiert, so ist er frei; wenn Priester oder Könige, so ist er nach R. Meír schuldig und nach R. Jehuda frei. Wieviel muß man geschmiert haben, um schuldig zu sein? R. Meír sagt, irgend etwas; R. Jehuda sagt, im Quantum einer Olive. – R. Jehuda sagt ja, er sei frei!? – Nach R. Jehuda ist man frei, wenn Priesteroder Könige, wenn Gemeine, ist man schuldig. –
25Worin besteht der Streit zwischen R. Meír und R. Jehuda? R. Joseph erwiderte: Ihr Streit besteht in folgendem: R. Meír ist der Ansicht: es heißt: es soll nicht auf den Leib eines Menschen gegossen werden, und es heißt:wer davon auf einen Gemeinen tut, wie beim Gießen jedes Quantum zu verstehen ist, ebenso beim Auftun jedes Quantum.
26R. Jehuda aber ist der Ansicht, man vergleiche das Auftun[des Salböls] auf einen Gemeinen mit dem sonstigen Geben; wie beim sonstigen Geben Olivengröße erforderlich ist, ebenso das Auftun [des Salböls] auf einen Gemeinen in Olivengröße. Beim Schmieren aber, um Könige und Priester zu salben, nach aller Ansicht jedes Quantum.
27R. Joseph sagte ferner: Der Streit zwischen R. Meír und R. Jehuda über Könige und Priester besteht in folgendem: R. Meír ist der Ansicht, es heißt: wer davon auf einen Gemeinen tut, und auch König und Priester waren früher Gemeine; R. Jehuda aber ist der Ansicht, nur wer immer, von Anfang bis Ende, Gemeiner war, König und Priester aber waren vorher keine Gemeine.
28R. Iqa, Sohn des R. Ami, sagte: Sie vertreten hierbei ihre Ansichten, denn es wird gelehrt:
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.