Ketubbot — Blatt 103b
1und setzt das Kollegium ein nach dreißig Tagen. Mein Sohn Šimo͑n Ḥakham [Weiser], mein Sohn Gamliél Fürst, und Ḥanina b. Ḥama soll den Vorsitzhaben.
2«Haltet über mich keine Trauerklage in Kleinstädten.» Sie glaubten, er habe dies wegen der Belästigung angeordnet, als sie aber sahen, daß alle zu den Trauerklagen in die Großstädte kamen, sagten sie: es ist ersichtlich, daß er es wegen der Ehrungangeordnet hat.
3«Setzt das Kollegium ein nach dreißig Tagen.» Denn ich bin nicht bedeutender als unserer Meister Moše, von dem es heißt :und die Kinder Jisraél beweinten Moše in den Moabsteppen dreißig Tage. Dreißig Tage trauerten sie am Tage und nachts, von dann ab trauerten sie am Tage und studierten nachts oder trauerten nachts und studierten am Tage. So betrauerten sie ihn ein Jahr von zwölf Monaten.
4Am Todestage Rabbis erscholl eine Hallstimme und sprach: Wer dem Tod Rabbis beigewohnt hat, ist für die zukünftige Welt vorbestimmt. Als ein Wäscher, der jeden Tag vor ihm erschien, an diesem Tage aber ausgeblieben war, dies hörte, stieg er aufs Dach und stürzte sich auf die Erde, worauf er starb. Da erscholl eine Hallstimme und sprach: Auch dieser Wäscher ist für die zukünftige Welt vorbestimmt.
5«Mein Sohn Šimo͑n Ḥakham [Weiser].» Wie meinte er es? – Er meinte es wie folgt: obgleich mein Sohn Šimo͑n Weiser ist, dennoch sei mein Sohn Gamliél Fürst.
6Levi sprach: Brauchte er dies zu sagen!? R. Šimo͑n b. Rabbi erwiderte : Er brauchte dies für dich und dein Gehinke. – Was war da fraglich, dieslehrt ja die Schrift:aber die Königswürde gab er Jehora͑m, denn er war der Erstgeborene!? –
7Dieser füllte die Stelle seiner Vorfahren aus, R. Gamliél aber füllte die Stelle seiner Vorfahren nicht aus. –
8Wieso tat Rabbi dies!? – Allerdings fällte er die Stelle seiner Vorfahren in der Weisheit nicht aus, in der Sündenscheu aber füllte er die Stelle seiner Vorfahren aus.
9«Ḥanina b. Ḥama soll den Vorsitz haben.» R. Ḥanina wollte es nicht annehmen, weil R. Aphes um zweieinhalb Jahre älter war als er. Da trat R. Aphes den Vorsitz an, während R. Ḥanina außerhalbsaß, und Levi kam und setzte sich zu ihm.
10Als hierauf die Seele des R. Aphes zur Ruhe einkehrte und R. Ḥanina den Vorsitz antrat, hatte Levi niemand, zu dem er sich setzen konnte, und ging nach Babylonien. Hierauf [bezieht sich folgendes Ereignis]. Man berichtete Rabh, ein bedeutender Mann, er hinke, sei in Nehardea͑ eingetroffen und trage vor, ein Diadem sei erlaubt. Da sprach er: Offenbar ist die Seele des R. Aphes zur Ruhe eingekehrt und hat R. Ḥanina den Vorsitz angetreten, so daß Levi nunmehr niemand hat, zu dem er sich setzen könnte, und kam daher hierher. –
11Vielleicht war die Seele R. Ḥaninas zur Ruhe eingekehrt und hatte R. Aphes den Vorsitz wie bisher inne; Levi hatte niemand, zu dem er sich setzen könnte, und kam hierher!? – Wenn du willst, sage ich : Levi ordnete sich R. Aphesunter.
12Wenn du aber willst, sage ich : da Rabbi angeordnet hatte, Ḥanina b. Ḥama solle den Vorsitz führen, so war nicht anzunehmen, daß dieser [gestorben sei], ohne amtiert zu haben, denn von den Frommen heißt es:du tust einen Ausspruch, und er bleibt bestehen. –
13R. Ḥija war jada!? – Seine Seele war bereits zur Ruhe eingekehrt. – R. Ḥija sagte ja aber, er habe das Grab Rabbis gesehen und darüber Tränen vergossen!? – Wende es um. –
14R. Ḥija sagte ja aber, am Tage, an dem Rabbi starb, habe die Heiligkeit aufgehört!? – Wende es um. –
15Es wird ja aber gelehrt: Als Rabbi erkrankte, besuchte ihn R. Ḥija und fand ihn weinen. Da sprach er zu ihm: Meister, weshalb weinst du? Es wird nämlich gelehrt: Stirbt jemand im Lachen, so ist es für ihn ein gutes Zeichen, im Weinen, so ist es für ihn ein böses Zeichen; mit dem Gesichte nach oben, so ist es für ihn ein gutes Zeichen; mit dem Gesichte nach unten, so ist es für ihn ein böses Zeichen; mit dem Gesichte gegen das Publikum, so ist es für ihn ein gutes Zeichen, gegen die Wand, so ist es für ihn ein böses Zeichen; ist sein Gesicht gelb, so ist es für ihn ein böses Zeichen, ist sein Gesicht glänzend und gerötet, so ist es für ihn ein gutes Zeichen. Stirbt jemand am Vorabend des Šabbaths, so ist es für ihn ein gutes Zeichen, wenn am Ausgange des Šabbaths, so ist es für ihn ein böses Zeichen. Stirbt jemand am Vorabend des Versöhnungstages, so ist es für ihn ein böses Zeichen, wenn am Ausgange des Versöhnungstages, so ist es für ihn ein gutesZeichen. Stirbt jemand an Unterleibsschmerzen, so ist es für ihn ein gutes Zeichen, denn die meisten Frommen sterben an Unterleibsschmerzen.
16Dieser erwiderte: Ich weine über die Tora und die gottgefälligen Handlungen. –
17Wenn du willst, sage ich, man wende es um, und wenn du willst, sage ich, R. Ḥija befaßte sich mit gottgefälligen Handlungen, und Rabbi wollte ihn nicht zurückhalten.
18So pflegte, wenn R. Ḥanina und R. Ḥija mit einander stritten, R. Ḥanina zu R. Ḥija zu sagen: Mit mir streitest du! Sollte, behüte und bewahre, die Tora in Jisraél in Vergessenheit geraten, so würde ich sie durch meine Disputation beleben.
19R. Ḥija aber erwiderte ihm: Ich sorge dafür, daß die Tora in Jisraél nicht in Vergessenheit gerate. Ich baue Flachs und flechte Netze, dann fange ich Hirsche und gebe das Fleisch den Waisen zu essen und fertige aus den Häuten Pergamentrollen. Sodann gehe ich nach Orten, in denen keine Kinderlehrer sind, und schreibe die fünf Bücher des Pentateuches für fünf Kinder und lehre sechs Kinder die sechs Sektionen [der Mišna]; hierauf gebe ich jedem auf, seine Sektion seine Kameraden zu lehren.
20Das ist es, was Rabbi sagte: Wie bedeutend sind doch die Werke Ḥijas! R. Šimo͑n b. Rabbi sprach zu ihm: Noch [bedeutender] als deine? Dieser erwiderte : Freilich. R. Jišma͑él b. R. Jose sprach zu ihm: Auch als die meines Vaters? Dieser erwiderte: Behüte und bewahre, so etwas gibt es nicht in Jisraél.
21Alsdann verlangte er nach seinem jüngeren Sohne. Da trat R. Šimo͑n zu ihm ein, und er übergab ihm die Ordnungen der Weisheit.
22Hierauf verlangte er nach seinem älteren Sohne. Da trat R. Gamliél zu ihm ein, und er übergab ihm die Regeln des Fürstenamtes. Er sprach zu ihm: Mein Sohn, leite dein Fürstenamt mit Würde und wirf Galle unter die Jünger. –
23Dem ist ja aber nicht so, es heißt ja :und die Gottesfürchtigen ehrt er, und der Meister sagte, dies beziehe sich auf Jehošaphaṭ, den König von Jehuda, der, wenn er einen Schriftgelehrten sah, von seinem Throne aufstand, ihn küßte und halste und zu ihm sprach: O Meister, O Herr! –
24Das ist kein Einwand; das eine heimlich und das andere öffentlich. –
25Es wird gelehrt: Rabbi lag [krank] in Sepphoris und sein Platz war ihm in Beth Šea͑rim vorbereitet. – Es wird ja aber gelehrt:Gerechtigkeit, nur Gerechtigkeit sollst du nachjagen, folge Rabbi nach Beth Šea͑rim. –
26Als er erkrankte, brachte man ihn nach Sepphoris,
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.