Ketubbot — Blatt 16a

1DENN DERSELBE MUND, DER ES VERBOTEN GEMACHT HAT, MACHT ES ERLAUBT. SIND ABER ZEUGEN VORHANDEN, DASS ES DESSEN VATER GEHÖRTE, SO IST ER, WENN ER SAGT, ER HABE ES VON IHM GEKAUFT, NICHT GLAUBHAFT.

2GEMARA. Nur wenn Zeugen vorhanden sind, wenn aber keine Zeugen vorhanden sind, ist der Ehemann glaubhaft. Eine anonyme Lehre widerspricht somit R. Gamliél, denn R. Gamliél sagt, sie sei glaubhaft. —

3Du kannst auch sagen, nach R. Gamliél, denn R. Gamliél ist dieser Ansicht nur da, wo [sie] ‘bestimmt’ und [er] ‘vielleicht’ sagt, nicht aber hierbei, wo beide es bestimmt behaupten. —

4Was dachte sich der Fragende: hierbei behaupten es ja beide bestimmt!? — Da die meisten Frauen sich als Jungfrauen verheiraten, so ist es ebenso, als würde [sie] ‘bestimmt’ und er ‘vielleicht’ sagen.

5Dies ist auch einleuchtend, denn er lehrt, R. Jehošua͑ pflichte bei. Erklärlich ist dies, wenn du sagst, er spreche von einem Falle, hinsichtlich dessen R. Gamliél beipflichtet, wem aber pflichtet R. Jehošua͑ bei, wenn du sagst, er spreche nicht von einem Falle, hinsichtlich dessen R. Gamliél beipflichtet!? —

6Du glaubst wohl, R. Jehošua͑ beziehe sich auf [die Lehre in] diesem Abschnitte, er bezieht sich auf den Fall von der Glaubwürdigkeitim ersten Abschnitte. —

7Auf welchen: wenn etwa auf den Fall, wenn sie schwanger ist, und [auf die Frage], welcher Art ihr Fötus sei, erwidert, er sei von jenem Manne, der Priester ist, hinsichtlich dessen R. Gamliél und R. Elie͑zer sagen, sie sei glaubhaft, und R. Jehošua͑ sagt, wir leben nicht von ihrer Behauptung, so liegt ja da keine Glaubwürdigkeit vor, wo ihr der Bauch bis an die Zähnereicht.

8Und wenn auf den Fall, wenn man sie mit jemand reden sah, und sie [auf die Frage], welcher Art jener Mann sei, erwidert, es sei N., der Priester ist, hinsichtlich dessen R. Gamliél und R. Elie͑zer sagen, sie sei glaubhaft, und R. Jehošua͑ sagt, wir leben nicht von ihrer Behauptung, so liegt allerdings nach Zee͑ri, welcher sagt, ‘reden’ heiße sich verbergen, eine Glaubhaftigkeit vor, denn, da sie, wenn sie wollte, sagen könnte, sie sei nicht beschlafen worden, und sagt, sie sei beschlafen worden, so ist sie glaubhaft, welche Glaubhaftigkeit liegt aber nach R. Asi vor, welcher sagt, ‘reden’ heiße beschlafen werden!?

9Und wenn auf den Fall, wenn sie sagt, sie sei verletzt, und er sagt, nein, von einem Manne defloriert, hinsichtlich dessen R. Gamliél und R. Elie͑zer sagen, sie sei glaubhaft, und R. Jehošua͑ sagt, wir leben nicht von ihrer Behauptung, so liegt ja auch hierbei keine Glaubhaftigkeit vor.

10Allerdings liegt nach R. Elea͑zar, welcher sagt, sie streiten, ob eine Mine oder nichts, eine Glaubhaftigkeit vor, denn, da sie, wenn sie wollte, sagen könnte, sie sei unter ihmverletzt worden, sodaß sie zweihundert [Zuz] zu erhalten hätte, und sagt, es sei vorher erfolgt, sodaß sie nur eine Mine zu erhalten hat, so ist sie glaubhaft; welche Glaubhaftigkeit aber liegt nach R. Joḥanan vor, welcher sagt, sie streiten, ob zweihundert [Zuz] oder eine Mine!? —

11Vielmehr, auf den Fall, wenn jemand eine Frau genommen und bei ihr keine Jungfernschaft gefunden hat, und sie sagt, sie sei, nachdem er sich mit ihr verlobt hat, genotzüchtigt worden, sodaß sein Feld überschwemmt wordenist, und er sagt, nein, bevor er sich mit ihr verlobt hat,

12hinsichtlich dessen R. Gamliél und R. Elie͑zer sagen, sie sei glaubhaft, und R. Jehošua͑ sagt, wir leben nicht von ihrer Behauptung. Da sie sagen könnte, sie sei unter ihm verletzt, und somit für Priester nicht untauglich geworden, und sagt, sie sei genotzüchtigt, und somit für Priester untauglich geworden, so ist sie nach R. Gamliél glaubhaft. Hierauf bezugnehmend sprach R. Jehošua͑ zu ihm: Bei dieser Glaubhaftigkeitpflichte ich dir bei, bei jener aber streite ich gegen dich. —

13Merke, in diesem Falle liegt eine Glaubhaftigkeit vor und in jenem Falle liegt eine Glaubhaftigkeit vor, womit ist die eine Glaubhaftigkeit anders als die andere? — Hierbei liegt kein geschlachtetes Rindvor dir, da aber liegt ein geschlachtetes Rind vor dir. —

14Was ist dabei, wenn die meisten Frauen als Jungfrauen heiraten, daß keine Zeugen gekommensind!? Rabina erwiderte: Man sage wie folgt: die meisten Frauen heiraten als Jungfrauen und die wenigsten als Witwen, dagegen aber ist jede Hochzeit einer Jungfrau bekannt,

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.