Kidduschin — Blatt 25a

1Wenn der Sklave einen Überfinger hatte und er ihn ihm abgeschnitten hat, so geht er dieserhalb frei aus. R. Ḥisda sagte: Nur dann, wenn er an der Handfläche mitgezählt wurde.

2Die Alten von Nezonja kamen nicht zum Vortrage R. Ḥisdas; da sprach er zu R. Hamnuna: Geh und laß sie verborgen bleiben. Da ging er hin und sprach zu ihnen: Weshalb sind die Rabbanan nicht zum Vortrage gekommen? Diese erwiderten: Wozu sollten wir hingehen, wenn wir ihn etwas fragen, entscheidet er es uns nicht. Jener sprach: Habt ihr etwa mich etwas gefragt und ich es euch nicht entschieden?

3Da fragten sie ihn: Wie ist es, wenn der Herr seinem Sklaven die Hoden kastriert hat: gilt dies als sichtbares Gebrechen oder nicht? Er wußte es nicht. Da sprachen sie zu ihm: Wie heißt du? – Hamnuna. Sie erwiderten: Nicht Hamnuna, sondern Qarnuna.

4Als er hierauf zu R. Ḥisda kam, sprach dieser zu ihm: Sie fragten dich eine Mišna, denn wir haben gelernt: Vierundzwanzig Gliederspitzen am Menschen sind durch eine Fleischwunde nicht verunreinigungsfähig,

5und zwar: die Fingerspitzen der Hände und der Füße, die Ohrenspitzen, die Nasenspitze, die Spitze des Gliedes und die Brustwarzen der Frau; R. Jehuda sagt, auch die des Mannes. Hierzu wird gelehrt: Wegen all dieser geht ein Sklave frei aus; Rabbi sagt, auch wegen der Kastration; Ben A͑zaj sagt, auch wegen der Zunge.

6(Der Meister sagte:) Rabbi sagt, auch wegen der Kastration. Welche Kastration, wollte man sagen, die Kastration des Gliedes, so ist dies ja dasselbe, was [Spitze des] Gliedes; doch wohl die Kastration der Hoden.

7«Rabbi sagt, auch wegen der Kastration.» Gilt dies denn nach Rabbi nicht von der Zunge, ich will auf einen Widerspruch hinweisen: Wenn bei der Besprengung der Spritzer auf seinen Mund gekommen ist, so ist die Besprengung, wie Rabbi sagt, gültig, und wie die Weisen sagen, ungültig.

8Wahrscheinlich doch auf seine Zunge!? – Nein, auf seine Lippen. Von den Lippen ist es ja selbstverständlich!? – Man könnte glauben, es kommt ja vor, daß er die Lippen schließt, so lehrt er uns. –

9Es wird ja aber gelehrt: auf seine Zunge!? Ferner wird gelehrt: wenn der größere Teil der Zunge fehlt; Rabbi sagt, der größere sprechende Teil der Zunge!? –

10Vielmehr: Rabbi sagt, wegen der Kastration, und um so mehr wegen der Zunge; Ben A͑zaj sagt, wegen der Zunge, nicht aber wegen der Kastration. – Wieso [sagt er:] auch!? – Dies bezieht sich auf das Vorangehende. – Demnach sollte er doch die Ansicht Ben A͑zajs zuerst lehren!? –

11Der Autor hörte zuerst die Ansicht Rabbis und legte sie fest, nachher die des Ben A͑zaj und fügte sie hinzu, ohne aber am [Wortlaute] der Lehre zu rütteln.

12U͑la sagte: Alle stimmen überein, daß hinsichtlich der Unreinheit durch ein Kriechtier die Zunge als sichtbar gilt, denn der Allbarmherzige sagt: den er berührt, und auch diese ist berührbar,

13und daß sie hinsichtlich des Untertauchens als verborgen gilt, denn der Allbarmherzige sagt: er wasche seinen Leib in Wasser, wie sein Leib äußerlich ist, ebenso auch alles, was äußerlich ist;

14sie streiten nur über die Besprengung. Rabbi vergleicht sie mit der Verunreinigung und die Rabbanan vergleichen sie mit dem Untertauchen.

15Sie streiten beide über folgenden Schriftvers: der Reine sprenge auf den Unreinen &c. Rabbi erklärt: der Reine sprenge auf den Unreinen am dritten Tage und am siebenten Tage und reinige ihn;

16die Rabbanan aber erklären: und reinige ihn am siebenten Tage, und er wasche seine Kleider und bade sich im Wasser. –

17Sollten auch die Rabbanan sie mit der Unreinheit vergleichen!? – Die Reinigung ist mit der Reinigung zu vergleichen. – Sollte auch Rabbi sie mit dem Untertauchen vergleichen!? – [Die Worte] er wasche seine Kleider unterbrechen den Zusammenhang. –

18Ist Rabbi denn der Ansicht, daß sie hinsichtlich des Untertauchens dem Verborgenen gleiche, Rabin erzählte ja im Namen R. Adas im Namen R. Jiçḥaqs, daß einst eine Magd aus dem Hause Rabbis, als sie aus dem Tauchbade heraufstieg, einen Knochen zwischen den Zähnen fand, und Rabbi sie eines abermaligen Untertauchens benötigte!? –

19Zugegeben, daß das Wasser nicht heranzukommen braucht, aber immerhin muß die Stelle zum Herankommen des Wassers frei sein.

20Dies nach R. Zera, denn R. Zera sagte: Was zum Umrühren geeignet ist, ist vom Umrühren nicht abhängig, und was zum Umrühren nicht geeignet ist, ist vom Umrühren abhängig.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.