Kidduschin — Blatt 33a

1vor einem Greise sollst du aufstehen und ihn ehren, ehren sollst du das Gesicht eines Alten und vor ihm aufstehen, und da es nicht so heißt, so ist zu entnehmen, daß es eines ist.

2Der Meister sagte: Man könnte glauben, man ehre ihn mit seinem Gelde, so heißt es: sollst du aufstehen und ehren; wie das Aufstehen ohne Geldverlust erfolgt, ebenso die Ehrung ohne Geldverlust. Erfolgt denn das Aufstehen [immer] ohne Geldverlust, es kann ja vorkommen, daß er gerade Perlen durchlocht, und während er vor ihm aufsteht, die Arbeit unierbricht!? –

3Vielmehr, man vergleiche das Aufstehen mit der Ehrung, wie die Ehrung ohne Versäumnis erfolgt, ebenso das Aufstehen ohne Versäumnis, und ferner vergleiche man die Ehrung mit dem Aufstehen, wie das Aufstehen ohne Geldverlust erfolgt, ebenso die Ehrung ohne Geldverlust. Hieraus folgerten sie, daß Handwerker, wenn sie sich mit ihrer Arbeit befassen, nicht vor den Schriftgelehrten aufstehen dürfen. –

4Etwa nicht, wir haben ja gelernt: Alle Handwerker standen vor ihnen auf und begrüßten sie, indem sie zu ihnen sprachen: Brüder, Bürger aus dem und dem Orte, in Frieden sei euer Kommen!? R. Joḥanan erwiderte: Vor ihnen standen sie auf, vor Schriftgelehrten stehen sie nicht auf.

5R. Jose b. Abin sagte: Komm und sieh, wie beliebt ein Gebot zur festgesetzten Zeit ist; vor ihnen mußten sie aufstehen, vor Schriftgelehrten aber stehen sie nicht auf. – Vielleicht war es da anders, um sie nicht zu einem Verstoße in zukünftigen Fällen zu bringen.

6Der Meister sagte: Man könnte glauben, man stehe vor ihm auch im Aborte oder im Badehause auf. Etwa nicht, einst saß ja R. Ḥija im Badehause und R. Šimo͑n b. Rabbi ging an ihm vorüber, und als er vor ihm nicht aufstand, nahm er es ihm übel und ging zu seinem Vater und sprach zu ihm: Zwei Bücher der Psalmen lehrte ich ihn, und er stand vor mir nicht auf!?

7Ferner saß einst Bar Qappara, und wie manche sagen, R. Šemuél b. R. Jose, im Badehause und R. Šimo͑n b. Rabbi ging an ihm vorüber, und als er vor ihm nicht aufstand, nahm er es ihm übel und ging zu seinem Vater und sprach zu ihm: Zwei Drittel eines Drittels lehrte ich ihn im Leviticus, und er stand vor mir nicht auf. Dieser erwiderte ihm: Vielleicht saß er und dachte darüber nach.

8Nur weil er darüber nachgedacht haben konnte, sonst aber nicht!? –

9Das ist kein Einwand; das eine gilt von den inneren Räumen und das andere gilt von den äußeren Räumen.

10Dies ist auch einleuchtend, denn Rabba b. Bar Ḥana sagte im Namen R. Joḥanans, daß man überall nachdenken dürfe, nur nicht in einem Badehause und in einem Aborte. – Vielleicht ist es anders, wenn es gegen seinen Willen erfolgt.

11«Man könnte glauben, man dürfe die Augen schließen, als hätte man ihn nicht gesehen.» Sprechen wir denn von Frevlern!? –

12Vielmehr, man könnte glauben, man dürfe die Augen schließen, bevor die Pflicht heranreicht, sodaß man, wenn die Pflicht heranreicht, ihn nicht sieht, um vor ihm aufzustehen, so heißt es: so sollst du aufstehen, und sollst fürchten.

13Es wird gelehrt: Welches heißt ein Aufstehen, durch das eine Ehrung erfolgt? Innerhalb vier Ellen. Abajje sagte: Dies gilt nur von einem, der nicht sein Hauptlehrer ist, vor einem Hauptlehrer aber, soweit seine Augen reichen.

14Wenn Abajje das Ohr des Esels R. Josephs erblickte, stand er auf. Einst ritt Abajje auf einem Esel am Ufer des Flusses Sagja entlang, und R. Mešaršeja und die Jünger saßen an der anderen Seite und standen vor ihm nicht auf. Da sprach er zu ihnen: Bin ich etwa nicht [euer] Hauptlehrer!? Sie erwiderten ihm: Wir bemerkten [dich] nicht.

15«R.Šimo͑n b. Elea͑zar sagte: Woher, daß der Alte andere nicht belästigen dürfe? Es heißt: Alten, sollst fürchten.» Abajje sagte: Es ist uns überliefert, wenn er einen Umweg macht, werde er [lange] leben. Abajje machte einen Umweg. R. Zera machte einen Umweg.

16Einst saß Rabina vor R. Jirmeja aus Diphte und jemand ging an ihnen vorüber, ohne das Haupt zu bedecken. Da sprach er: Wie unverschämt ist dieser Mann. Jener erwiderte: Er ist vielleicht aus Matha Meḥasja, die mit den Gelehrten vertraut sind.

17«Isi b. Jehuda sagte: Vor einem Greise sollst du aufstehen, darin ist jeder Greis einbegriffen.» R. Joḥanan sagte: Die Halakha ist wie Isi b. Jehuda. R. Joḥanan stand vor greisen Aramäern auf, indem er sagte: was alles haben diese überstanden! Raba stand vor solchen nicht auf, aber Ehrung erwies er ihnen.

18Abajje reichte den Greisen die Hand. Raba sandte seinen Diener. R. Naḥman sandte seine Eunuchen, denn er sagte: Wenn nicht die Tora, wie viele Naḥman (b. Abba) gibt es auf der Straße!

19R. Ajbu sagte im Namen R. Jannajs:

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.