Kidduschin — Blatt 39b
1wenn er vier [verschiedene Arten] an den vier Seiten eines Beetes und eine in der Mitte gesäet hätte: er aber tat es nur zur Verschönerung oder zur Erleichterung für den Diener.
2WER AUCH NUR EIN GEBOT AUSÜBT, DEM ERWEIST MAN GUTES, MAN VERLÄNGERT IHM DAS LEBEN UND ER ERBT DAS LAND; WER EIN GEBOT NICHT AUSÜBT, DEM ERWEIST MAN NICHT GUTES, MAN VERLÄNGERT IHM NICHT DAS LEBEN UND ER ERBT NICHT DAS LAND.
3GEMARA. Ich will auf einen Widerspruch hinweisen: Von folgenden Dingen genießt der Mensch die Früchte auf dieser Welt, und der Stamm bleibt ihm für die zukünftige Welt erhalten, und zwar: Ehrung von Vater und Mutter, Liebeswerke, Gastfreundschaft, Friedensstiftung zwischen einem Menschen und anderen, und das Studium der Tora wiegt alles auf.
4R. Jehuda erwiderte: Er meint es wie folgt: wer ein Gebot über seine Verdienste ausübt, dem erweist man Gutes, und es ist ebenso, als hätte er die ganze Tora gehalten. – Demnach gilt dies bei jenen auch von einem einzigen!? R. Šema͑ja erwiderte: Dies besagt, daß, wenn sie einander aufwiegen, jene den Ausschlag geben. –
5Erweist man denn dem Gutes, der ein Gebot über seine Verdienste ausübt, ich will auf einen Widerspruch hinweisen: Dessen Verdienste mehr sind als seine Sünden, dem erweist man Schlechtes, und es ist ebenso, als hätte er die ganze Tora verbrannt und auch nicht einen Buchstaben zurückgelassen, und dessen Sünden mehr sind als seine Verdienste, dem erweist man Gutes, und es ist ebenso, als hätte er die ganze Tora gehalten und auch nicht einen Buchstaben unterlassen!?
6Abajje erwiderte: Unsere Mišna lehrt, daß man ihm einen guten Tag beziehungsweise einen schlechten bereite. Raba erwiderte: Hier ist die Ansicht R. Ja͑qobs vertreten, welcher sagt, auf dieser Welt gebe es keine Belohnung für die Gebote.
7Es wird nämlich gelehrt: R. Ja͑qob sagte: Du hast kein in der Tora geschriebenes Gebot, bei dem eine Belohnung angegeben ist, von dem nicht die Auferstehung der Toten zu entnehmen wäre. Bei der Ehrung von Vater und Mutter heißt es: damit du lange lebest und damit es dir wohl gehe; beim Fliegenlassen des Nest[vogels] heißt es: damit es dir wohl gehe und du lange lebest.
8Wo ist, wenn zu einem sein Vater gesagt hat, daß er auf eine Burg steige und ihm junge Tauben hole, und er auf die Burg steigt, die Mutter fliegen läßt und die Jungen holt, und auf der Rückkehr abstürzt und stirbt, das Wohlergehen von diesem, und wo ist das lange Leben von diesem!? Vielmehr [ist zu erklären:] damit es dir wohl gehe, in der Welt, die ganz Wohlergehen ist; damit du lange lebest, in der Welt, die ganz Ewigkeit ist. –
9Vielleicht kommt so etwas nicht vor!? – R. Ja͑qob sah einen solchen Fall. – Vielleicht hatte jener sündhafte Gedanken!? – Die böse Absicht rechnet der Heilige, gepriesen sei er, nicht zur Tat. –
10Vielleicht hatte er Götzendienst im Sinne, und es heißt: und das Haus Jisraél ans Herz zu ergreifen!? – Das sagte er eben: wenn man sagen wollte, die Belohnung für die Gebote erfolge auf dieser Weit, so sollten die Gebote ihn schützen, daß er nicht zu [sündhaften] Gedanken komme. –
11R. Elea͑zar sagte ja aber, Boten einer gottgefälligen Handlung kommen nicht zu Schaden!? – Anders ist es auf der Rückkehr. –
12R. Elea͑zar sagte ja aber, Boten einer gottgefälligen Handlung kommen weder auf dem Hinwege noch auf dem Rückwege zu Schaden!? – Es war eine schadhafte Leiter, sodaß ein Schaden zu gewärtigen war, und wenn ein Schaden zu gewärtigen ist, verlasse man sich nicht auf ein Wunder, denn es heißt: da sprach Šemuél: Wie kann ich hingehen, wenn Šaúl es hört, tötet er mich.
13R. Joseph sagte: Wenn Aher diesen Schriftvers so ausgelegt hätte, wie R. Ja͑qob, der Sohn seiner Tochter, würde er nicht der Sünde verfallen sein. – Was hatte Aḥer gesehen? –
14Manche sagen, er hatte einen solchen Fall gesehen, und manche sagen, er hatte ein Schwein die Zunge eines bedeutenden Menschen schleppen sehen. Er sprach dann: Ein Mund, der Perlen hervorbrachte, muß nun Staub lecken. Hierauf ging er und verfiel der Sünde.
15R. Tobi b. R. Qisana wies Raba auf einen Widerspruch hin: Wir haben gelernt, wer auch nur ein Gebot ausübt, dem erweise man Gutes, nur wenn er es ausübt, sonst aber nicht, und dem widersprechend wird gelehrt, wer dasitzt und keine Sünde begeht, den belohne man ebenso, wie einen, der ein Gebot ausübt!? Dieser erwiderte: Dies gilt von einem, der Gelegenheit zur Sünde hatte und davon errettet worden ist.
16So ereignete es sich einst, daß eine Matrone R. Ḥanina b. Papi [zur Sünde] aufforderte. Da sprach er etwas, und sein Leib ward mit Grinden und Wunden voll; sie aber tat etwas dagegen, und er genas. Hierauf entfloh er und versteckte sich in einem Badehause, in dem, wenn sogar zwei hineingingen, selbst am Tage, sie zu Schaden kamen. Später fragten ihn die Rabbanan, wer ihn behütet habe. Er erwiderte ihnen: Zwei
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.