Kidduschin — Blatt 40b
1betrachte sich der Mensch so, als habe er zur Hälfte Sünden und zur Hälfte Verdienste. Heil ihm, wenn er ein Gebot ausgeübt hat, denn er hat die Wagschale seiner Verdienste zum Überwiegen gebracht; wehe ihm, wenn er eine Sünde begangen hat, denn er hat die Wagschale seiner Schuld zum Überwiegen gebracht. So heißt es: ein Sünder kann viel Gutes vernichten; durch die eine einzige Sünde, die er begangen hat, hat er sich um viel Gutes gebracht.
2R. Elea͑zar b. R. Šimo͑n sagte: Die Welt wird nach der Mehrheit gerichtet, und auch der einzelne wird nach der Mehrheit gerichtet. Heil ihm, wenn er ein Gebot ausgeübt hat, denn er hat für sich und für die ganze Welt die Wagschale der Verdienste zum Überwiegen gebracht; wehe ihm, wenn er eine Sünde begangen hat, denn er hat für sich und für die ganze Welt die Wagschale der Schuld zum Überwiegen gebracht. Daher heißt es: ein Sünder &c. durch die eine Sünde, die er begangen hat, hat er sich und die ganze Welt um viel Gutes gebracht.
3R. Šimo͑n b. Joḥaj sagte: Auch wenn er sein ganzes Leben lang vollkommen fromm war und zuletzt abtrünnig wurde, hat er sich um das frühere gebracht, denn es heißt: die Frömmigkeit des Frommen wird ihn nicht retten am Tage seiner Gottlosigkeit. Und auch wenn er sein ganzes Leben lang vollkommen gottlos war und zuletzt Buße getan, erinnert man ihn nicht mehr an seine Gottlosigkeit, denn es heißt: und durch seine Gottlosigkeit soll der Gottlose nicht straucheln am Tage seiner Umkehr von seiner Gottlosigkeit. –
4Sollte er doch als zur Hälfte sündhaft und zur Hälfte verdienstlich gelten!? Reš Laqiš erwiderte: Wenn er das frühere bereut.
5WEM SCHRIFT, MIŠNA UND LEBENSART EIGEN SIND, DER SÜNDIGT NICHT SOBALD, DENN ES HEISST: der dreifache Faden wird nicht sobald reißen. WEM SCHRIFT, MIŠNA UND LEBENSART NICHT EIGEN SIND, GEHÖRT NICHT ZUR GESELLSCHAFT.
6GEMARA. R. Elea͑zar b. R. Çadoq sagte: Womit sind die Frommen auf dieser Welt zu vergleichen? Mit einem Baume, der ganz auf einem Platze der Reinheit steht, dessen Gezweige aber auf einen Platz der Unreinheit hinüberragt; wird das Gezweige abgeschnitten, so steht er ganz auf einem Platze der Reinheit. Ebenso bringt der Heilige, gepriesen sei er, Züchtigungen über die Frommen auf dieser Welt, damit sie die zukünftige Welt erben, wie es heißt: dein Beginn ist gering, dein Ende aber wird groß sein.
7Womit sind die Gottlosen auf dieser Welt zu vergleichen? Mit einem Baume, der ganz auf einem Platze der Unreinheit steht, dessen Gezweige aber auf einen Platz der Reinheit hinüberragt; wird das Gezweige abgeschnitten, so steht er ganz auf einem Platze der Unreinheit. Ebenso überhäuft der Heilige, gepriesen sei er, die Gottlosen auf dieser Welt mit Gutem, um sie in der zukünftigen Welt zu verstoßen und in die tiefste Stufe zu drängen, wie es heißt: mancher Weg erscheint dem Menschen gerade, am Ende aber sind es Wege des Todes.
8Einst waren R. Tryphon und die Ältesten im Söller des Hauses Nithza in Lud versammelt, und es wurde da die Frage aufgeworfen, ob das Studium oder die Tat bedeutender sei. Da begann R. A͑qiba und sprach: Das Studium ist bedeutender. Hierauf stimmten alle zu, daß das Studium bedeutender sei, denn das Studium bringt zur Tat.
9Es wurde gelehrt: R. Jose sagte: Bedeutend ist das Studium, daß es dem Gesetze von der Teighebe vierzig Jahre, dem von der Hebe und der Verzehntung vierundfünfzig Jahre, dem vom Erlasse sechzig Jahre und dem vom Jobel hundertunddrei Jahre voranging. –
10Wieso hundertunddrei, es sind ja hundertundvierl? –
11Er ist der Ansicht, die Erlassung durch das Jobeljahr erfolgt am Beginne desselben. Und wie das Studium der Tat vorangeht, so geht auch die Rechenschaft darüber der wegen der Tat vor. Dies nach R. Hamnuna, denn R. Hamnuna sagte: Das Gericht über den Menschen beginnt mit [der Vernachlässigung des] Torastudiums, denn es heißt: wie wenn man Wasser entfesselt, beginnt der Zank.
12Und wie man dieserhalb früher zur Rechenschaft gezogen wird als wegen der Tat, ebenso erfolgt auch die Belohnung dafür früher als für die Tat, denn es heißt: er gab ihnen die Länder der Völker und die Mühe der Nationen gewannen sie, weil sie seine Satzungen beobachteten und seine Lehren bewahrten.
13WEM SCHRIFT UND MIŠNA NICHT EIGEN IST. R. Joḥanan sagte: Er ist auch als Zeuge unzulässig. Die Rabbanan lehrten: Wer auf der Straße ißt, gleicht einem Hunde; andere sagen, er sei auch als Zeuge unzulässig. R. Idi b. Abin sagte: Die Halakha ist nach den anderen zu entscheiden.
14Bar Qappara trug vor:
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.