Kidduschin — Blatt 55a

1Dort haben wir gelernt: Wenn ein Vieh zwischen Jerušalem und Migdal Eder gefunden wird, und in derselben Entfernung im ganzen Umkreise [von Jerušalem], so ist es, wenn ein Männchen, ein Brandopfer, und wenn ein Weibchen, ein Heilsopfer.

2Können denn Männchen nur Brandopfer sein und nicht auch Heilsopfer!? R. Ošaja erwiderte: Hier wird von dem Falle gesprochen, wenn man sich für den Geldwert verpflichtet, und er meint es wie folgt: man berücksichtige, es kann ein Brandopfer sein. Dies nach R. Meír, welcher sagt, das Geheiligte könne vorsätzlich entweiht werden. —

3Wird denn das an sich Heilige entweiht, wir haben ja gelernt: Eine Veruntreuung nach einer Veruntreuung am Geheiligten gibt es nur bei einem Vieh und einem Dienstgeräte.

4Wenn zum Beispiel einer das Vieh geritten hat, darauf ein anderer gekommen ist und es geritten hat, und darauf ein anderer gekommen ist und es geritten hat, so haben alle eine Veruntreuung begangen. Wenn einer aus einem goldenen Becher getrunken hat, darauf ein anderer gekommen ist und daraus getrunken hat, und darauf ein anderer gekommen ist und daraus getrunken hat, so haben alle eine Veruntreuung begangen. — Hier ist die Ansicht R. Jehudas vertreten, während dort die Ansicht R. Meírs vertreten ist —

5Von R. Jehuda ist ja aber auf R. Meír zu schließen: nach R. Jehuda wird Geheiligtes versehentlich entweiht, jedoch wird das an sich Heilige nicht entweiht, ebenso sollte auch nach R. Meír, obgleich nach ihm Geheiligtes vorsätzlich entweiht wird, das an sich Heilige nicht entweiht werden!? — Da beabsichtigte er nicht, es zu profanieren, hierbei aber beabsichtigte er, es zu profanieren. —

6Allerdings sagt es R. Meír von Hochheiligem, sagte er es etwa auch von Minderheiligem!? Einer von den Jüngern, namens R. Ja͑qob, erwiderte: Es ist [ein Schluß] vom Schwereren auf das Leichtere zu folgern: wenn das Hochheilige entweiht wird, um wieviel mehr das Minderheilige.

7Es wurde auch gelehrt: R. Ḥama b. U͑qaba sagte: R. Jose b. Ḥanina sagte, R. Meír sei der Ansicht, das Geheiligte werde vorsätzlich entweiht, versehentlich aber nicht entweiht. Dies gilt sowohl vom Hochheiligen als auch vom Minderheiligen, denn es ist [ein Schluß] vom Schwereren auf das Leichtere zu folgern: wenn das Hochheilige entweiht wird, um wieviel mehr das Minderheilige.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.