Kidduschin — Blatt 71b
1das eine, um ihm eine Frau zu geben, das andere, um eine Frau aus seinem Besitze zu bringen.
2R. Joseph sagte: Wenn jemand babylonischen Dialekt spricht, so gebe man ihm eine Frau. Jetzt aber, wo Betrüger vorhanden sind, befürchte man.
3Zee͑ri mied R. Joḥanan, denn dieser verlangte von ihm, daß er seine Tochter heirate. Eines Tages gingen sie zusammen auf dem Wege, und als sie an einen Wassergraben herankamen, nahm er R. Joḥanan auf seine Schulter und trug ihn hinüber. Da sprach dieser zu ihm: Meine Gesetzeskunde ist unbemakelt und meine Tochter ist bemakelt!?
4Du stützest dich wohl auf folgende Lehre: zehn Geburtskasten zogen aus Babylonien herauf: Priester, Leviten &c. Sind denn alle Priester, Leviten und Jisraéliten hinaufgezogen!? Wie von diesen [ein Teil] zurückblieb, ebenso blieb auch von jenen [ein Teil] zurück. Ihm war das entgangen, was R. Elea͑zar gesagt hat, daß nämlich E͑zra erst dann aus Babylonien hinaufzog, nachdem er es wie feines Mehl [gesiebt] hatte.
5Einst kam U͑la zu R. Jehuda nach Pumbeditha, und als er seinen Sohn R. Jiçḥaq sah, der bereits erwachsen und unverheiratet war, sprach er zu ihm: Weshalb nimmt der Meister keine Frau für seinen Sohn!? Dieser erwiderte: Weiß ich denn, woher ich ihm eine nehmen soll!? Jener entgegnete: Wissen wir denn, von wem wir abstammen!? Vielleicht von jenen, von denen es heißt: Frauen schändeten sie in Çijon, Jungfrauen in den Städten Jehudas.
6Wolltest du erwidern, wenn ein Nichtjude oder ein Sklave eine Jisraélitin beschlafen hat, sei das Kind unbemakelt, so [stammen wir] vielleicht von jenen, von denen es heißt: die auf Betten von Elfenbein liegen und sich auf ihrem Lager recken. R. Jose b. R. Ḥanina erklärte nämlich, damit seien diejenigen gemeint, die nackt vor ihrem Bette Ḥarn ließen,
7und hierüber schalt R. Abahu: Wieso heißt es demnach: darum sollen sie nun an der Spitze der Verbannten in die Verbannung ziehen; weil sie nackt vor ihrem Bette Harn ließen, sollten sie an der Spitze der Verbannten in die Verbannung ziehen!?
8Vielmehr, erklärte R. Abahu, seien damit diejenigen gemeint, die zusammen aßen und tranken, ihre Betten an einander rückten, ihre Frauen mit einander tauschten und ihre Betten durch fremden Samen stinken machten.
9Hierauf sprach dieser: Was ist nun zu machen? Jener erwiderte: Man richte sich nach der Schweigsamkeit, denn so stellen sie im Westen Untersuchungen an; wenn zwei mit einander zanken, so beobachten sie, wer von ihnen zuerst schweigt, und sagen, dieser sei von vornehmer Herkunft.
10Rabh sagte: In der Schweigsamkeit der Babylonier liegt die Vornehmheit ihrer Herkunft. – Dem ist ja aber nicht so, als Rabh einst zu den Essigmachern kam, stellte er Untersuchungen an; doch wohl über ihre Herkunft!? – Nein, über ihre Schweigsamkeit. Er sagte wie folgt: untersucht sie, ob sie schweigsam sind oder nicht.
11R. Jehuda sagte im Namen Rabhs: Wenn du zwei Menschen siehst, die einander befehden, so haftet einem von ihnen ein Makel an, und man läßt nicht zu, daß einer sich mit anderen verbinde. R. Jehošua͑ b. Levi sagte: Wenn du zwei Familien siehst, die einander befehden, so haftet einer von ihnen ein Makel an, und man läßt nicht zu, daß eine sich mit der anderen verbinde.
12R. Papa der Greis sagte im Namen Rabhs: Babylonien ist gesund, Mešan ist tot, Medien ist krank und E͑lam ist sterbend. – Welchen Unterschied gibt es zwischen Kranken und Sterbenden? – Die meisten Kranken bleiben am Leben, die meisten Sterbenden verfallen dem Tode.
13Wie weit reicht Babylonien? Rabh sagt, bis zum Strome A͑zaq; Šemuél sagt, bis zum Strome Joani. – Wie weit oberhalb des Tigris? Rabh sagt, bis Bagda und Avna; Šemuél sagt, bis Moskani. – Ist denn Moskani nicht einbegriffen, R. Ḥija b. Abba sagte ja im Namen Šemuéls, Moskani gleiche hinsichtlich der Herkunft dem Diasporagebiete!? – Bis Moskani, einschließlich Moskani. –
14Wie weit unterhalb des Tigris? R. Šemuél erwiderte: Bis Unter Apamia. Es gibt zwei Apamia, ein oberes und ein unteres; das eine ist unbemakelt und das andere ist bemakelt; sie sind eine Parasange von einander entfernt. Sie nehmen es mit einander so genau, daß sie einander nicht einmal Feuer borgen. Als Merkzeichen diene dir: das bemakelte spricht mesenisch. –
15Wie weit oberhalb des Euphrat? Rabh sagt, bis zur Burg von Telbenkane, Šemuél sagt, bis zur Euphratbrücke, und R. Joḥanan sagt, bis zur Furt von Gizma. Abajje, nach anderen R. Joseph, schimpfte über die Ansicht Rabhs. –
16Er schimpfte nur über die Ansicht Rabhs und nicht über die des Šemuél!? – Vielmehr, er schimpfte über die des Rabh, und um so mehr über die des Šemuél. Wenn du willst, sage ich: tatsächlich schimpfte er nur über die Ansicht Rabhs und nicht über die Ansicht Šemuéls, denn die Brücke des Euphrat befand sich [früher] tiefer,
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.