Kidduschin — Blatt 73b
1so gilt es nicht als Findling; sind seine Glieder gestreckt, so gilt es nicht als Findling; ist es mit Öl gesalbt und mit Stibium geschminkt, hat es eine Perlenschnur, einen Zettel oder ein Amulett an, so gilt es nicht als Findling.
2Hängt es an einem Baume, so gilt es, wenn ein Tier es erreichen kann, als Findling, wenn aber nicht, nicht als Findling;
3[befindet es sich unter] einem Sperberbaume, so gilt es, wenn nahe der Stadt, als Findling, wenn aber nicht, nicht als Findling. Wenn in einem Bethause, so gilt es, wenn nahe der Stadt und ein Publikum da verkehrt, nicht als Findling, wenn aber nicht, als Findling.
4Amemar sagte: Wenn in einer Futtergrube, so gilt es als Findling; wenn an der Strömung des Flusses, so gilt es nicht als Findling, wenn an der seichten Stelle, so gilt es als Findling. Wenn an den Seiten der Straße, so gilt es nicht als Findling, wenn inmitten der Straße, so gilt es als Findling. Raba sagte: In Hungersjahren gilt es nicht als Findling. –
5Worauf bezieht sich Raba: [findet man es] inmitten der Straße, so braucht [die Mutter] es auch in Hungersjahren nicht zu töten, und wenn auf den Seiten der Straße, so gilt dies ja nicht nur in Hungersjähren, sondern auch in solchen, die nicht Hungersjahre sind!? –
6Vielmehr, die Lehre Rabas bezieht sich auf eine Lehre R. Jehudas im Namen R. Abbas im Namen des R. Jehuda b. Zabhdi im Namen Rabhs: Solange es sich auf der Straße befindet, sind sein Vater und seine Mutter bezüglich dessen glaubhaft, ist es von der Straße aufgenommen worden, so sind sie nicht mehr glaubhaft. Und Raba erklärte den Grund: weil es bereits den Namen eines Findlings erhalten hat.
7Hierzu sagte Raba: in Hungersjahren sind sein Vater und seine Mutter bezüglich dessen glaubhaft, auch nachdem es von der Straße aufgenommen worden ist.
8R. Ḥisda sagte: Drei sind nur sofort glaubhaft, und zwar: [Eltern eines] Findlings, die Hebamme und [eine Frau], die ihre Gefährtinnen enthebt.
9Hinsichtlich des Findlings haben wir es bereits gesagt.
10Die Hebamme, denn es wird gelehrt: Die Hebamme ist glaubhaft, wenn sie sagt, dieser sei zuerst und jener sei nachher herausgekommen. Nur in dem Falle, wenn sie nicht hinausgegangen war und zurückgekommen ist, wenn sie aber hinausgegangen war und zurückgekommen ist, ist sie nicht mehr glaubhaft. R. Elie͑zer sagt, befindet sie sich auf ihrem Platze, sei sie glaubhaft, wenn aber nicht, sei sie nicht glaubhaft. – Welchen Unterschied gibt es zwischen ihnen? – Einen Unterschied gibt es zwischen ihnen, wenn sie das Gesicht abgewandt hat. –
11Welches Bewenden hat es mit der, die ihre Gefährtinnen enthebt? – Wir haben gelernt: Wenn drei Frauen in einem Bette geschlafen haben und unter einer von ihnen [Menstruations]blut gefunden wird, so sind alle unrein; wenn eine sich untersucht und findet, daß sie unrein sei, so ist sie unrein und ihre Gefährtinnen sind rein. R. Ḥisda sagte: Nur wenn sie sich innerhalb der Zeit der Untersuchung untersucht hat.
12Die Rabbanan lehrten: Eine Hebamme ist glaubhaft, wenn sie sagt, dieser sei Priester, dieser sei Levite, dieser sei Nathin und dieser sei Hurenkind. Nur in dem Falle, wenn keine Anfechtung erfolgt, wenn aber eine Anfechtung erfolgt, so ist sie nicht glaubhaft. –
13Welche Anfechtung; wenn eine Anfechtung durch einen, so sagte ja R. Joḥanan, eine Anfechtung könne nur durch mindestens zwei erfolgen!? – Vielmehr, eine Anfechtung durch zwei.
14Wenn du aber willst, sage ich: tatsächlich, kann ich dir erwidern, eine Anfechtung durch einen, denn die Lehre R. Joḥanans, eine Anfechtung könne nur durch mindestens zwei erfolgen, gilt nur dann, wenn eine Annahme der Makellosigkeit besteht, wenn aber eine Annahme der Makellosigkeit nicht besteht, ist auch einer glaubhaft.
15Der Eigentümer der Ware ist glaubhaft, wenn er sagt, diesem habe er sie verkauft und jenem habe er sie nicht verkauft. Nur in dem Falle, wenn er die Ware noch in der Hand hat, wenn er aber die Ware nicht mehr in der Hand hat, so ist er nicht glaubhaft. –
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.