Kidduschin — Blatt 9b

1wie die Scheidung auf den richtigen Namen erfolgen muß, ebenso muß die Antrauung auf den richtigen Namen erfolgen, oder aber sind die Antrauungen mit einander zu vergleichen, wie die Antrauung durch Geld nicht auf den richtigen Namen zu erfolgen braucht, ebenso braucht die Antrauung durch Urkunde nicht auf den richtigen Namen zu erfolgen?

2Nachdem er es gefragt hatte, entschied er es: die Antrauung ist mit der Scheidung zu vergleichen, denn es heißt: sie gehe fort und sei.

3Es wurde gelehrt: Wenn er sie auf ihren Namen ohne ihr Einvernehmen geschrieben hat, so ist sie ihm, wie Raba und Rabina sagen, angetraut, und wie R. Papa und R. Šerebja sagen, nicht angetraut. R. Papa sprach: Ich will ihren Grund sagen und ich will meinen Grund sagen. Ich will ihren Grund sagen: es heißt: sie gehe fort und sei, womit er die Antrauung mit der Scheidung vergleicht; wie die Scheidung auf ihren Namen und ohne ihr Einvernehmen, ebenso auch die Antrauung auf ihren Namen und ohne ihr Einvernehmen.

4Ich will meinen Grund sagen: sie gehe fort und sei, womit er die Antrauung mit der Scheidung vergleicht; wie bei der Scheidung das Einvernehmen des Zueignenden erforderlich ist, ebenso ist bei der Antrauung das Einvernehmen des Zueignenden erforderlich.

5Man wandte ein: Man schreibe Antrauungs- und Heiratsurkunden nur mit dem Einvernehmen beider. Doch wohl wirkliche Antrauungs- und Heiratsurkunden!? – Nein, Vereinbarungsurkunden.

6Dies nach R. Gidel im Namen Rabhs, denn R. Gidel sagte im Namen Rabhs: [Wenn der eine sagte:] wieviel gibst du deinem Sohne, [und der andere erwidert:] so und so viel; und du deiner Tochter? [und jener erwidert:] so und so viel, und darauf die Antrauung erfolgt ist, so ist es perfekt. Es sind dies Dinge, die durch Worte perfekt werden.

7DURCH DEN BEISCHLAF. Woher dies? R. Abahu sagte im Namen R. Joḥanans: Die Schrift sagt: und sie ist von einem Manne beschlafen; dies lehrt, daß er durch die Beschlafung ihr Mann werde. R. Zera sprach zu R. Abahu, und manche sagen, Reš Laqiš zu R. Joḥanan: Mißfällt dir das, was Rabbi lehrte? Und sie beschläft, dies lehrt, daß sie durch den Beischlaf angeeignet werde. –

8Wenn hieraus, so könnte man glauben, nur wenn er sie sich angetraut und nachher beschlafen hat, so lehrt er uns.

9R. Abba b. Mamal wandte ein: Wieso kann demnach der Fall von der verlobten Jungfrau vorkommen, von der der Allbarmherzige sagt, daß sie zu steinigen sei!?

10Hat er sie sich angetraut und beschlafen, so ist sie ja defloriert, und hat er sie sich angetraut und nicht beschlafen, so ist es ja nichts!? Die Jünger erklärten vor Abajje: Dies kann in dem Falle vorkommen, wenn ihr Verlobter sie auf widernatürliche Weise beschlafen hat.

11Da sprach Abajje zu ihnen: Rabbi und die Rabbanan streiten nur über einen Fremden, beim Ehemanne aber stimmen sie überein, daß er sie zur Begatteten mache. – Was ist dies? –

12Es wird gelehrt: Wenn zehn Männer sie beschlafen haben und sie noch Jungfrau ist, so sind sie alle durch Steinigung [hinzurichten]. Rabbi sagte: Ich bin der Ansicht, der erste durch Steinigung und alle übrigen durch Erdrosselung.

13R. Naḥman b. Jiçḥaq erwiderte: Dies kann in dem Falle vorkommen, wenn er sie sich durch eine Urkunde angetraut hat, denn wie diese die Scheidung vollendet, so vollendet sie auch die Antrauung. –

14Wofür verwendet R. Joḥanan [das Wort] und sie beschläft? – Hieraus folgert er: nur diese wird durch Beischlaf erworben, nicht aber wird die hebräische Magd durch Beischlaf erworben.

15Man könnte glauben, es sei von der Eheschwägerin [durch einen Schluß] vom Leichteren auf das Schwerere zu folgern: wenn die Eheschwägerin, die durch Geld nicht erworben wird, durch den Beischlaf erworben wird, um wieviel mehr wird diese, die durch Geld erworben wird, durch den Beischlaf erworben. – Wohl die Eheschwägerin, die mit ihm bereits verbunden ist!? –

16Man könnte auslegen, die Schrift sagt: wenn er eine andere nimmt, somit hat sie sie mit einer anderen [Frau] verglichen, wie eine andere durch Beischlaf erworben wird, ebenso werde auch die hebräische Magd durch Beischlaf erworben, so lehrt er uns. –

17Woher entnimmt dies Rabbi? – Der Allbarmherzige sollte beschläft geschrieben haben, wenn es aber sie beschläft heißt, so ist beides zu entnehmen. –

18Raba sagte, Bar Ahina habe es ihm erklärt: wenn jemand eine Frau nimmt und sie beschläft; die Antrauung, die zum Beischlaf führt, gilt als Antrauung, die Antrauung die nicht zum Beischlaf führt, gilt nicht als Antrauung. Woher folgert er dies!? –

19Es sollte oder sie beschläft heißen, wenn es aber und sie beschläft heißt, so ist beides zu entnehmen. –

20Wofür verwendet Rabbi [die Worte:] von einem Manne beschlafen? – Hieraus folgert er: nur der Ehemann macht sie durch widernatürlichen [Beischlaf] zur Begatteten, nicht aber macht sie ein anderer durch widernatürlichen [Beischlaf] zur Begatteten. –

21Ist Rabbi denn dieser Ansicht, es wird ja gelehrt: Wenn zehn Männer sie beschlafen haben und sie noch Jungfrau ist, so sind sie alle durch Steinigung [hinzurichten]. Rabbi sagte: Ich bin der Ansicht, der erste durch Steinigung und alle übrigen durch Erdrosselung!?

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.