Makkot — Blatt 10b

1Auf den Scheidewegen waren [Wegweiser mit der] Aufschrift ‘Zufluchtsstadt’, damit der Totschläger wisse, wohin er sich zu wenden habe. R. Kahana sagte: Welcher Schriftvers deutet hierauf?Du sollst dir den Weg bereiten, mache eine Zubereitung für den Weg.

2R. Ḥama b. Ḥanina begann seinen Vortrag über diesen Abschnitt mit folgendem:Gütig und redlich ist der Herr, darum weist er den Sündern den Weg; wenn er ihn den Sündern weist, um wieviel mehr den Frommen.

3R. Šimo͑n b. Laqiš begann diesen Abschnitt mit folgendem:Wenn er es aber nicht vorsätzlich getan, sondern Gott durch ihn so gefügt hat &c. [Ferner:] Wie der alte Spruch sagt: Von Frevlern kommt Frevel &c.

4Die Schrift spricht von zwei Personen, die Menschen getötet haben, einer unvorsätzlich und einer vorsätzlich, und bei beiden keine Zeugen zugegen waren. Der Heilige, gepriesen sei er, läßt sie in einer Herberge zusammentreffen; der vorsätzlich getötet hat, sitzt unter der Leiter, und der unvorsätzlich getötet hat, steigt von der Leiter, fällt auf jenen und erschlägt ihn. Der den Mord vorsätzlich begangen hat, wird nun getötet, und der den Mord unvorsätzlich begangen hat, muß in die Verbannung.

5Rabba b. R. Hona sagte im Namen R. Honas, und wie manche sagen, sagte es R. Hona im Namen R. Elea͑zars: Aus der Tora, den Propheten und den Hagiographen [ist zu entnehmen], daß man den Menschen auf den Weg leitet, auf dem er zu wandeln wünscht.

6Aus der Tora, denn es heißt:du sollst nicht mit ihnen gehen, und darauf heißt es:mache dich auf und gehe mit ihnen. Aus den Propheten, denn es heißt:ich, der Herr, dein Gott, bin es, der dich unterweist, ersprießlich zu handeln, der dich auf den Weg leitet, auf dem du gehen willst. Aus den Hagiographen, denn es heißt:hat er es mit Spöttern zu tun, so spottet er, aber den Demütigen gibt er Gnade.

7R. Hona sagte: Wenn der Totschläger sich in eine Zufluchtsstadt flüchtet, und der Bluträcher ihn [unterwegs] trifft und erschlägt, so ist er frei. Er ist also der Ansicht, [die Worte:]und ihm gebührt keine Todesstrafe, beziehen sich auf den Bluträcher.

8Man wandte ein: Und ihm gebührt keine Todesstrafe, die Schrift spricht vom Totschläger. Du sagst, vom Totschläger, vielleicht ist dem nicht so, sondern vom Bluträcher!? Wenn es heißt:und er ihm nicht von gestern und vorgestern feindlich war, so sage man, die Schrift spreche vom Totschläger!? –

9Er ist der Ansicht des Autors der folgenden Lehre: Und ihm gebührt keine Todesstrafe, die Schrift spricht vom Bluträcher. Du sagst, die Schrift spreche vom Bluträcher, vielleicht ist dem nicht so, sondern vom Totschläger!? Wenn es heißt: Denn er war ihm von gestern und vorgestern nicht feindlich, so ist ja schon vom Totschläger die Rede, daher beziehe man [die Worte:] und ihm gebührt keine Todesstrafe, auf den Bluträcher. –

10Wir haben gelernt: Man gibt ihm zwei Schriftgelehrte mit, damit sie, wenn [der Bluträcher] ihn unterwegs töten will, auf diesen einreden. Wahrscheinlich warnen sie ihn, daß er, wenn er ihn tötet, dem Tode verfalle!? –

11Nein, wie in der folgenden Lehre: Sie sollen zu ihm reden, für ihn geeignete Worte; sie sprechen nämlich zu ihm: Behandle ihn doch nicht wie einen gewöhnlichen Mörder; er hat es unvorsätzlich getan. R. Meír sagt, er selber rede auf ihn ein, denn es heißt: dies ist das Wort des Totschlägers. Sie entgegneten ihm: Erleistet viele Dienste.

12Der Meister sagte: Er hat es unvorsätzlich getan. Selbstverständlich, wenn vorsätzlich, wird er ja hingerichtet!? –

13Allerdings, hier aber ist der Autor der folgenden Lehrevertreten: R. Jose b. Jehuda sagte: Zunächst eilen sowohl der unvorsätzliche als auch der vorsätzliche [Totschläger] in die Zufluchtsstadt, und darauf läßt das Gericht ihn von dort holen;

14wer zur Todesstrafe verurteilt wird, wird hingerichtet, denn es heißt:so sollen die Ältesten seiner Stadt ihn von dort holen lassen und an den Bluträcher ausliefern, daß er sterbe; wer nicht verurteilt wird, wird entlassen, denn es heißt:so soll die Gemeinde den Totschläger aus der Hand des Bluträchers retten; und wer zur Verbannung verurteilt wird, wird zurück nach seiner Stätte gebracht, denn es heißt:und die Gemeinde soll ihn in seine Zufluchtsstadt, wohin er geflohen, zurückbringen lassen.

15Rabbi sagte: Die Verbannung erfolgt eigenwillig, denn [die Totschläger] glauben, sowohl der unvorsätzliche als auch der vorsätzliche [Totschläger] finde da Zuflucht, ohne zu wissen, daß nur der unvorsätzliche da Zuflucht findet, nicht aber der vorsätzliche.

16R. Elea͑zar sagte: Eine Stadt, die größtenteils aus Totschlägern besteht, gewährt keine Zuflucht, denn es heißt:er soll seine Angelegenheit den Ältesten seiner Stadt vortragen, nicht aber, wenn seine Angelegenheit ihren Angelegenheiten gleicht.

17Ferner sagte R. Elea͑zar: Eine Stadt, in der keine Ältesten sind, gewährt keine Zuflucht, denn da müssen Älteste sein, die in dieser nicht sind. Ferner wurde gelehrt: Über eine Stadt, in der keine Ältesten sind, [streiten] R. Ami und R. Asi; einer sagt, sie gewähre Zuflucht, und einer sagt, sie gewähre keine Zuflucht. Einer sagt, sie gewähre keine Zuflucht, weil da Älteste sein müssen, und keine da sind; einer, sie gewähre Zuflucht, denn diesist nur ein [unverbindliches] Gebot.

18Über eine Stadt, in der keine Ältesten sind, [streiten] R. Ami und R. Asi; einer sagt, in dieser habe das Gesetz vom mißratenen und widerspenstigen Sohne Geltung, und einer sagt, in dieser habe das Gesetz vom mißratenen und widerspenstigen Sohne keine Geltung. Einer sagt, in dieser habe das Gesetz vom mißratenen und widerspenstigen Sohne keine Geltung, weil bei diesem die Ältestenseiner Stadt erforderlich sind, und da keine sind; einer sagt, in dieser habe das Gesetz vom mißratenen und widerspenstigen Sohne wohl Geltung, denn dies ist nur ein [unverbindliches] Gebot.

19Über eine Stadt, in der keine Ältesten sind, [streiten] R. Ami und R. Asi; einer sagt, sie bringe das genickbrocheneKalb, und einer sagt, sie bringe nicht das genickbrochene Kalb. Einer sagt, sie bringe nicht das genickbrochene Kalb, weil bei diesem die Ältestender Stadt erforderlich und da keine sind; einer sagt, sie bringe es wohl, denn dies ist nur ein [unverbindliches] Gebot.

20R. Ḥama b. Ḥanina sagte: Weshalb ist der Abschnitt vom Totschläger

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.