Megilla — Blatt 13b

1er zieht seine Augen nicht ab von den Frommen; wegen der Frömmigkeit Raḥels war es ihr beschieden, daß Šaúl von ihr hervorging, und wegen der Frömmigkeit Šaúls war es ihm beschieden, daß Ester von ihm hervorging. –

2Worin bestand die Frömmigkeit Raḥels? – Es heißt: da erzählte Ja͑qob der Raḥel, daß er der Bruder ihres Vaters sei; war er denn ein Bruder ihres Vaters, er war ja ein Sohn der Schwester ihres Vaters!?

3Vielmehr, er sprach zu ihr: Laß dich von mir heiraten. Da erwiderte sie: Gern, aber mein Vater ist listig, und du wirst ihm nicht beikommen. Darauf sprach er: Ich bin sein Bruder in der List. Sie sprach dann zu ihm: Dürfen die Gerechten sich einer List bedienen!? Er erwiderte: Jawohl, mit den Lautern verfährst du lauter, mit den Verkehrten verdreht.

4Alsdann fragte er sie: Was ist das für eine List? Diese erwiderte: Ich habe eine ältere Schwester, und er will mich vor dieser nicht verheiraten. Da sagte er ihr Erkennungszeichen.

5Als jene Nacht heranreichte, sagte sie: nun wird meine Schwester beschämt werden; da verriet sie ihr [die Erkennungszeichen]. Deshalb heißt es auch: am Morgen fand sich, daß es Lea war. War sie denn bis dahin nicht Lea? Vielmehr, da Raḥel der Lea die Erkennungszeichen verraten hatte, wußte er es bis dahin nicht. Daher war es ihr beschieden, daß von ihr Šaúl hervorging. –

6Worin bestand die Frömmigkeit Šaúls? Es heißt: Was aber Šemuél in Betreff des Königtums gesagt hatte, das verriet er ihm nicht. Daher war es ihm beschieden, daß von ihm Ester hervorging. Ferner sagte R. Elea͑zar: Wenn der Heilige, gepriesen sei er, für einen Ehre aussetzt, so setzt er sie auch für seine Kinder und Kindeskinder aus, bis zum Ende aller Generationen, denn es heißt: da läßt er sie immerdar sitzen, erhöht &c. Wenn er aber hochmütig wird, dann erniedrigt ihn der Heilige, gepriesen sei er, denn es heißt: und die mit Ketten gefesselten &c.

7Und den Befehl Mordekhajs führte Ester aus. R. Jirmeja sagte: Sie pflegte den Weisen das Menstrualblut vorzuzeigen. Ebenso wie damals, als sie noch in Pflege bei ihm war. Raba b. Lima sagte im Namen Rabhs: Sie pflegte den Schoß Aḥašveroš’ zu verlassen, zu baden und sich in den Schoß Mordekhajs zu setzen.

8In jenen Tagen, während Mordekhaj gerade im Tore des Königs verweilte, gerieten Bigtan und Tereš in Zorn. R. Ḥija b. Abba sagte im Namen R. Joḥanans: Der Heilige, gepriesen sei er, ließ den Herrn in Zorn geraten über seine Diener, um den Wunsch eines Frommen zu erfüllen, das ist Joseph, denn es heißt: und war da hei uns ein hebräischer Jüngling &c.

9und die Diener über ihren Herrn, um dem Frommen ein Wunder geschehen zu lassen, das ist Mordekhaj, denn es heißt: aber die Sache wurde Mordekhaj kund &c.

10R. Joḥanan sagte: Bigtan und Tereš waren (zwei) Tarser und unterhielten sich in tarsischer Sprache. Sie sprachen nämlich: Seitdem diese da ist, kennen wir keinen Schlaf mehr; wir wollen Gift in die Schale tun, damit er sterbe. Sie wußten nicht, daß Mordekhaj zu den Insassen der Quaderhalle gehörte und alle siebzig Sprachen beherrschte.

11Darauf sprach einer: Wir haben ja nicht die gleiche Wache! Der andere erwiderte: Ich werde für mich und für dich Dienst tun. Deshalb heißt es: die Sache wurde untersucht und als richtig befunden; man fand sie nicht bei ihrer Wache.

12Nach diesen Begebenheiten. Nach welchen? Raba erwiderte: Nachdem der Heilige, gepriesen sei er, das Heilmittel vor der Wunde erschaffen hatte.

13Reš Laqiš sagte nämlich: Der Heilige, gepriesen sei er, schlägt Jisraél erst dann, wenn er für sie ein Heilmittel geschaffen hat, denn es heißt: wenn ich Jisraél Heilung verschaffe, so wird die Sünde Ephrajims aufgedeckt. Anders aber bei den weltlichen Völkern; zuerst schlägt er sie, dann erst schafft er für sie das Heilmittel, denn es heißt: so wird der Herr Miçrajim schlagen und heilen.

14Aber er verschmähte, an Mordekhaj allein Hand zu legen. Raba sagte: Anfangs an Mordekhaj allein, dann an das Volk Mordekhajs, das sind die Gelehrten, und darauf an alle Judäer.

15Man warf das Pur, das ist das Los. Es wird gelehrt: Sobald das Los auf den Adar fiel, überkam ihn eine große Freude, indem er sprach: Das Los fiel mir auf den Monat, in dem Moše starb; er wußte aber nicht, daß Moše zwar am siebenten Adar starb, aber auch am siebenten Adar geboren wurde.

16Es gibt ein Volk. Raba sagte: Niemand ist in der Verleumdung so kundig, wie es Haman war. Er sprach [zum Könige]: Komm, wir wollen sie vernichten. Dieser erwiderte: Ich fürchte mich vor ihrem Gotte, daß er nicht mit mir so verfahre, wie er mit meinen Vorfahren verfuhr. Jener entgegnete: Sie vernachlässigen die Gebote.

17Dieser erwiderte: Es sind unter ihnen Gelehrte vorhanden. Jener entgegnete: Es ist ein Volk.

18Glaubst du vielleicht, dadurch würde eine Lücke in deinem Reiche entstehen, so sind sie unter den Völkern zerstört. Wenn du aber glaubst, sie bringen irgend welchen Nutzen, so sind sie abgesondert: sie gleichen dem Maultiere, das keine Frucht bringt. Und glaubst du, sie bewohnen eine Provinz vollständig, so sind sie in allen Provinzen deines Reiches.

19Ihre Gesetze sind von denen jedes anderen Volkes verschieden; sie essen nicht von unserem, sie heiraten nicht von unseren, und sie wollen von uns nicht geheiratet weiden.Und die Gesetze des Königs befolgen sie nicht; sie verbringen das ganze Jahr in Müßiggang. Es ist für den König unangemessen, sie gewähren zu lassen; sie essen und trinken und beschimpfen den König. Wenn nämlich einem von ihnen eine Fliege in den Becher fällt, so entfernt er sie und trinkt ihn, wenn aber mein königlicher Herr den Becher eines von ihnen berührt, so schleudert er ihn zu Boden und trinkt ihn nicht.

20Wenn es dem Könige recht ist, so möge schriftlich angeordnet werden, sie zu vertilgen, und zehntausend Talente Silbers &c. Reš Laqiš sagte: Offenbar und bewußt war es dem, der gesprochen und die Welt erschuf, daß einst Haman Šeqalim gegen Jisraél wiegen wird, daher ließ er ihre Šeqalim seinen vorangehen.

21Das ist es, was wir gelernt haben: Am ersten Adar erläßt man eine Kundmachung inbetreff der Šeqalim und der Mischfrucht.

22Da sprach der König zu Haman: Das Silber sei dir übergeben und mit dem Volke magst du verfahren, wie es dir gut dünkt. R. Abba sagte:

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.