Megilla — Blatt 14a

1Der Vorgang von Haman und Aḥašveroš ist mit folgendem zu vergleichen. Einst waren zwei Leute, von denen der eine einen Hügel auf seinem Felde hatte und der andere einen Graben auf seinem Felde hatte; der den Graben hatte, sprach: wenn ich doch gegen Bezahlung den Hügel haben könnte, und der den Hügel hatte, sprach: wenn ich doch gegen Bezahlung den Graben haben könnte.

2Einst trafen sie zusammen, und der den Graben hatte, sprach zu dem, der den Hügel hatte: Verkaufe mir deinen Hügel. Da erwiderte dieser: Nimm ihn doch umsonst.

3Da zog der König seinen Siegelring. R. Abba b, Kahana sagte: Das Abziehen des Siegelringes wirkte mehr, als die achtundvierzig Propheten und sieben Prophetinnen, die Jisraél predigten; sie alle bekehrten sie nicht zum Guten, während das Abziehen des Siegelringes sie zum Guten bekehrte.

4Die Rabbanan lehrten: Achtundvierzig Propheten und sieben Prophetinnen predigten Jisraél, sie ließen nichts zurück von dem, was in der Tora sich befindet, und fügten auch nichts hinzu, ausgenommen ist [das Lesen] der Esterrolle –

5Woher folgerten sie es? R. Ḥija b. Abin erwiderte im Namen des R. Jehošua͑ b. Qorḥa: Wenn man wegen [der Umwandlung] von Sklaverei in Freiheit ein Lied anstimme, um wieviel mehr wegen [der Umwandlung] von Tod zum Leben! –

6Demnach sollte man auch das Loblied lesen!? – Man liest das Loblied nicht wegen eines Wunders außerhalb des Jisraéllandes. – Wieso liest man es wegen des Auszuges aus Miçrajim, der ja ebenfalls ein Wunder ist, das sich außerhalb des Jisraéllandes ereignete!? –

7Es wird gelehrt: Bevor Jisraél in das Land zog, waren alle Länder würdig, ihretwegen ein Lied anzustimmen, nachdem aber Jisraél in das Land zog, waren alle Länder nicht mehr würdig, ihretwegen ein Lied anzustimmen.

8R. Naḥman erwiderte: Das Lesen [der Esterrolle] ersetzt das Loblied. Raba entgegnete: Allerdings [stimmt dies] da: preiset, ihr Diener des Herrn, nicht aber Diener des Pareo͑, wieso aber hierbei: preiset, ihr Diener des Herrn, nicht aber Diener des Aḥašveroš, wir sind ja jetzt noch Diener des Aḥašveroš!? –

9Sowohl gegen Raba als auch gegen R. Naḥman ist ja ein Einwand zu erheben aus der Lehre, daß, nachdem sie in das Land zogen, alle anderen Länder nicht mehr würdig waren, ihretwegen ein Lied anzustimmen!? –

10Nachdem sie in die Gefangenschaft gingen, erlangten [die übrigen Länder] ihre ehemalige Würdigkeit wieder. – Gab es denn nicht mehr [Propheten], es heißt ja: es war ein Mann von Ramatajim Çophim, einer von den zweihundert Propheten, die Jisraél gepredigt haben!? –

11Es waren bedeutend mehr, wie gelehrt wird: viele Propheten, doppelt so viel wie die Auszügler aus Miçrajim haben Jisraél gepredigt; jedoch wurde nur die Prophetie niedergeschrieben, die auch für die späteren Generationen nötig war, die aber nicht nötig war, wurde nicht niedergeschrieben.

12R. Šemuél b. Naḥmani erklärte: Ein Mann [aus einer Ortschaft], da zwei Hügel einander anschauen. R. Ḥanin erklärte: Ein Mann, der Männern entstammte, die auf der Höhe der Welt standen, das sind die Söhne Qoraḥs, von denen es heißt und die Söhne Qoraḥs starben nicht. Im Namen unseres Meisters wurde gelehrt: Ein Ort wurde ihnen im Fegefeuer befestigt, da sie verblieben sind. –

13Wer sind diese sieben Prophetinnen? – Sara, Mirjam, Debora, Ḥanna, Abigajil, Ḥulda und Ester. Von Sara heißt es: Vater der Milka und Jiska, und hierzu sagte R. Jiçḥaq, Jiska sei Sara, und nur deshalb werde sie Jiska genannt, weü sie durch den heiligen Geist schaute [saka], denn es heißt: gehorche Sara in allem, was sie dir sagt. Eine andere Erklärung: Jiska [wurde sie deshalb genannt], weil alle ihre Schönheit beschauten.

14Von Mirjam heißt es: da nahm Mirjam die Prophetin, die Schwester Ahrons. – War sie denn nicht auch die Schwester Mošes!? R. Naḥman erwiderte im Namen Rabhs: Als sie noch nur die Schwester Ahrons war, prophezeite sie: Meine Mutter wird einen Sohn gebären, der Jisraél helfen wird. Als [Moše] geboren wurde, füllte sich das ganze Haus mit Licht; da stand ihr Vater auf, küßte sie aufs Haupt und sprach zu ihr: Meine Tochter, deine Prophezeiung ist in Erfüllung gegangen!

15Als man ihn aber später in den Fluß warf, stand ihr Vater auf, klapste sie auf das Haupt und rief: Meine Tochter, was ist nun aus deiner Prophezeiung geworden! Deshalb heißt es: seine Schwester stellte sich in der Ferne, um zu erfahren; um zu erfahren, was aus ihrer Prophezeiung werden wird.

16Von Debora heißt es: und Debora, eine Prophetin, die Frau des Lapidoth. – Was heißt ‘die Frau des Lapidoth’? – Sie fertigte Dochte für das Heiligtum.

17Und sie saß unter einer Palme. – Weshalb unter einer Palme? R. Šimo͑n b. Abšalom erwiderte: Wegen des Alleinseins. Eine andere Erklärung: Wie die Palme nur ein Herz hat, ebenso hatte Jisraél im damaligen Zeitalter nur ein Herz für seinen Vater im Himmel.

18Von Hanna heißt es: und Ḥanna betete und sprach: Es jauchzt mein Herz durch den Herrn, mein Horn ist hoch erhoben durch den Herrn. Nur mein Horn ist hoch erhoben und nicht mein Krüglein: David und Šelomo wurden mit dem Horn gesalbt, daher war auch ihre Regierung von Dauer, Šaúl und Jehu wurden mit dem Krüglein gesalbt, daher war ihre Regierung nicht von Dauer.

19Niemand ist heilig wie der Herr, denn keiner ist außer dir. R. Jehuda b. Menasja sagte: Man lese nicht biltekha [außer dir], sondern lebalotheka [der dich überdauert]. Denn nicht gleicht die Eigenschaft des Heiligen, gepriesen sei er, der Eigenschaft des Menschen. Den Menschen überdauert das Werk seiner Hände, der Heilige, gepriesen sei er, aber überdauert seine Werke.

20Es gibt keinen Schöpfer [çur] wie unser Gott, es gibt keinen Bildner [çajar] wie unser Gott. Der Mensch malt eine Figur auf die Wand, kann aber nicht Geist und Seele, Inneres und Eingeweide in diese bringen; der Heilige, gepriesen sei er, aber bildet eine Figur in einer Figur, und doch bringt er in diese Geist und Seele, Inneres und Eingeweide.

21Von Abigajil heißt es: sie ritt auf einem Esel und stieg im Dunkel des Berges herab. Wieso vom Dunkel des Berges, es sollte ja vom Berge heißen!?

22Dies erklärte Rabba b. Šemuél: Wegen des Blutes, das von den dunklen Stellen kommt; sie nahm nämlich [Menstrual]blut und zeigte es ihm. Jener sprach: Darf man denn nachts Blut untersuchen!? Diese entgegnete: Darf man denn nachts ein Todesurteil fällen!? Er erwiderte:

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.