Megilla — Blatt 15b
1R. Papa sagte: Man nannte ihn einen Sklaven, der sich um einen Laib Brot verkaufte.
2Aber dies alles genügt mir nicht; dies lehrt, daß alle Schätze dieses Frevlers ihm auf dem Herzen gezeichnet waren, und wenn er Mordekhaj am königlichen Tore sitzen sah, sprach er: Dies alles genügt mir nicht.
3Ferner sagte R. Elea͑zar im Namen R. Ḥaninas: Dereinst wird der Heilige, gepriesen sei er, eine Krone auf dem Haupte eines jeden Frommen sein, denn es heißt: an jenem Tage wird der Herr der Heerscharen eine Krone der Herrlichkeit sein &c. Was bedeutet: Krone der Herrlichkeit und prächtiger Stirnreif? Für die, die seinen Willen tun und auf seine Pracht hoffen. Man könnte glauben, für jeden, so heißt es: dem Reste seines Volkes; nur für den, der sich als Überrest betrachtet.
4Und Gesinnung der Gerechtigkeit, der seinen Trieb richtet. Der zu Gerichte sitzt, der der Wahrheit gemäß Recht spricht: Und Heldenkraft, der seinen Trieb besiegt. Die Angriffe zurückschlagen, die sich mit dem Kampfe in der Tora befassen. Zum Tore hinaus, das sind die Schriftgelehrten, die morgens früh und abends spät in den Bet- und Lehrhäusern weilen.
5Die Eigenschaft des Rechtes sprach vor dem Heiligen, gepriesen sei er: Herr der Welt, womit sind diese anders als jene!? Auch diese wanken vom Weine und taumeln vom Rauschtrank; sie schwanken beim Urteilen.
6Schwanken deutet auf das Fegefeuer, denn es heißt: dies soll dich nicht zum Schwanken veranlassen; Urteilen [pelilija] deutet auf die Richter, denn es heißt: nach Angabe der Richter [pelilim].
7Und stellte sich in den inneren Vorhof des königlichen Palastes. R. Levi sagte: Als sie an das Götzenhaus herangereicht war, wich die Göttlichkeit von ihr, denn es heißt: mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!? Richtest du das Versehentliche wie das Vorsätzliche, das Erzwungene wie das Freiwillige!?
8Oder vielleicht deshalb, weil ich ihn einen Hund nannte!? Denn es heißt: Errette mich vom Schwerte, aus Hundegewalt meine Einsame. Hierauf nannte sie ihn einen Löwen, wie es heißt: hilf mir aus dem Rachen des Löwen.
9Als nun der König die Königin Ester stehen sah. R. Joḥanan sagte: In dieser Stunde stellten sich ihr drei Dienstengel ein; einer hob ihren Hals hoch, einer überzog sie mit Anmut und einer dehnte das Szepter aus. –
10Wieviel? R. Jirmeja erwiderte: Es war zwei Ellen lang und er dehnte es auf zwölf Ellen aus. Manche sagen, auf sechzehn, manche sagen, auf vierundzwanzig, und in einer Barajtha wird gelehrt, auf sechzig. Ebenso geschah es mit dem Arme der Tochter des Pareo͑und ebenso geschah es mit den Zähnen der Frevler, von denen es heißt: die Zähne der Frevler hast du zerbrochen, worüber Reš Laqiš sagte, man lese nicht šibarta [zerbrochen], sondern širbabta [ausgedehnt]. Rabba b. O͑phran sagte im Namen R. Elea͑zars, der es von seinem Lehrer hörte, und sein Lehrer von seinem Lehrer: Zweihundert [Ellen].
11Und der König sprach zur Königin Ester: Was ist dein Verlangen; bis zur Hälfte des Königreiches, es soll geschehen! Bis zur Hälfte des Königreiches, nicht aber das ganze Königreich, auch nicht das, was das Königreich behindern könnte, nämlich der Bau des Tempels.
12So möge der König samt Haman zum Gastmahle kommen. Die Rabbanan lehrten: Was veranlaßte Ester, Haman einzuladen? R. Eliézer erklärte: Sie wollte ihm eine Schlinge legen, denn es heißt: möge ihr Tisch vor ihnen zur Schlinge werden.
13R. Jehošua erklärte: Sie hatte es in ihrem väterlichen Hause gelernt, denn es heißt: ist dein Feind hungrig, so speise ihn mit Brot. R. Meír erklärte: Damit er sich nicht Rat hole und sich [gegen den König] auflehne.
14R, Jehuda erklärte: Damit man nicht merke, daß sie Jüdin sei. R. Neḥemja erklärte: Damit die Jisraéliten nicht sagen: wir haben im königlichen Palaste eine Schwester und so ihre Gedanken vom [göttlichen] Erbarmen abwenden. R. Jose erklärte: Damit sie ihn stets vor sich habe. R. Šimo͑n b. Menasja erklärte: Damit Gott dies beachte und ein Wunder geschehen lasse.
15R. Jehošua͑ b. Qorḥa erklärte: Sie wollte ihm ein freundliches Gesicht zeigen, damit er und sie getötet würden. R. Gamliél erklärte: Er war ein leichtsinniger Herrscher. R. Gamliél sprach: Wir brauchen immer noch des Modäers. Es wird nämlich gelehrt: R. Elie͑zer aus Modai͑m erklärte: Sie machte den König eifersüchtig und sie machte die Fürsten eifersüchtig.
16Rabba erklärte: Dem Sturze geht Stolz voran. Abajje und Raba erklärten: Wenn sie glühen, will ich ihnen ein Mahl bereiten &c. Rabba b. Abuha traf Elijahu und fragte ihn, welche Absichten von all diesen Ester wirklich hatte. Dieser erwiderte: Alle von den Tannaím und Amoraím genannten.
17Haman erzählte ihnen von seinem gewaltigen Reichtume und der Menge seiner Söhne. Wieviel Söhne hatte er? Rabh erwiderte: Dreißig; zehn starben, zehn wurden aufgehängt und zehn gingen betteln.
18Die Rabbanan sagten: Siebzig gingen betteln, denn es heißt: Satte vermieteten sich um Brot, und man lese nicht sebei͑m [Satte], sondern sibhi͑m [siebzig].
19Rami b. Abba sagte: Zusammen hatte er zweihundertundacht, denn es heißt: und die Menge [νerob] seiner Söhne. – Das Wort verob beträgt ja zweihundertundvierzehn!? R. Naḥman b. Jiçḥaq erwiderte: Die Schreibweise ist [defektiv] verob.
20In jener Nacht floh der Schlaf des Königs. R. Tanḥum sagte: Der Schlaf des Königs der Welt. Die Rabbanan sagten: Der der Oberen und der der Unteren. Raba sagte: Einfach, der Schlaf des Königs Aḥašveroš.
21Es fiel ihm nämlich ein: Was hat es zu bedeuten, daß Ester den Haman einlud? Sie planen wahrscheinlich einen Anschlag gegen mich. Dann dachte er: Ich habe also gar keinen Freund, der es mir mitteilt! Weiter dachte er: Vielleicht gibt es jemand, der mir Gutes getan hat, dem ich es aber nicht belohnt habe, und deshalb unterlassen es die Leute, mich in Kenntnis zu setzen. Da befahl er das Buch der geschichtlichen Denkwürdigkeiten herbeizubringen.
22Und sie wurden vorgelesen. Dies lehrt, daß sie sich von selbst gelesen haben. Da fand es sich aufgezeichnet. Es sollte ja heißen: daß aufgezeichnet war!?
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.