Megilla — Blatt 16a

1Dies lehrt, daß [der Chronist] Šimšaj es ausgemerzt hatte und Gabriél es wieder niederschrieb. R. Asi sagte: R. Šila aus Kephar Temarta trug vor: Wenn ein das Verdienst Jisraéls enthaltendes Schrift-Stück schon hienieden nicht ausgemerzt wird, um wieviel weniger wird ein solches Schriftstück droben ausgemerzt.

2Es ist ihm nichts erwiesen worden. Raba sagte: Nicht, weil sie Mordekhaj liebten, sondern weil sie Haman haßten.

3Für ihn hergerichtet: Es wird gelehrt: Für ihn selbst.

4Und tue so mit Mordekhaj. Er sprach: Welchem Mordekhaj? Jener erwiderte: Dem Judäer. Er sprach: Es gibt ja viele Mordekhaj unter den Judäern. Jener erwiderte: Der am königlichen Tore sitzt.

5Er sprach: Genügt für ihn eine Ortschaft oder ein Strom[gebiet]? Jener erwiderte: Gib ihm beides; unterlasse nichts von dem, was du gesagt hast.

6Da holte Haman das Gewand und das Roß. Als er zu ihm kam, traf er ihn, den Rabbanan, die vor ihm saßen, die Vorschriften über das Abheben des Haufens zeigen. Als Mordekhaj ihn mit dem Rosse an der Hand kommen sah, erschrak er und sprach zu den Rabbanan: Dieser Ruchlose kommt mich töten, entfernt euch von ihm, damit ihr euch nicht an seiner Kohle verbrennet. In jener Stunde hüllte sich Mordekhaj ein und stand zum Gebete auf. Darauf kam Haman, setzte sich neben sie und wartete. Als Mordekhaj zum Gebete aufgestanden war,

7fragte er sie: Womit befaßt ihr euch? Diese erwiderten: Als der Tempel bestand, pflegte derjenige, der ein Speisopfer spendete, einen Haufen feines Mehl darzubringen, und er wurde entsündigt. Da sprach er: Euer Haufen Mehl kam also und verdrängte meine zehntausend Talente Silbers! Da sprach jener: Ruchloser, wem gehört, wenn ein Sklave Güter kauft, der Sklave selbst und wem gehören die Güter!?

8Hierauf sprach er: Stehe auf, ziehe diese Kleider an und setze dich auf dieses Roß, denn der König verlangt nach dir. Jener erwiderte: Ich kann nicht eher, als bis ich im Bade gewesen bin und mir das Haar abgenommen habe, denn es ist keine Art, in solchem [Zustande] königliche Gewänder anzulegen.

9Hierauf sandte Ester und ließ alle Badediener und Barbiere verstecken. Da brachte ihn [Haman] selber ins Bad und zog ihm die Kleider aus, sodann holte er eine Schere aus seiner Wohnung und schnitt ihm das Haar. Während er ihm das Haar schnitt, stöhnte und seufzte er. Als ihn Jener fragte, weshalb er stöhne, erwiderte er: Ein Mann, der beim Könige geachteter war als alle Würdenträger, muß jetzt Badediener und Barbier sein! Jener entgegnete: Ruchloser, warst du etwa nicht einst Barbier in Kephar Qarçom!? Es wird gelehrt: Haman war zweiundzwanzig Jahre Barbier in Kephar Qarçom.

10Nachdem er ihm das Haar geschnitten hatte, zog er ihm die Kleider an und sprach zu ihm: Steige auf und reite. Jener erwiderte: Ich kann nicht, denn ich bin von den Fasttagen her schwach. Da bückte er sich, und jener stieg auf. Als er ihm beim Aufsteigen einen Fußtritt versetzte, sprach dieser: Heißt es nicht in eurer Tora: freue dich nicht, wenn dein Feind fällt!? Jener erwiderte: Dies gilt nur von einem Jisraéliten, von euch aber heißt es: du wirst über ihre Höhen dahinschreiten.

11Und er rief vor ihm aus: So geschieht dem Manne, den der König gern ehren möchte. Als er sich in der Straße befand, in der Haman wohnte, schaute dies seine Tochter zu, die auf der Altane stand, und da sie glaubte, der Reitende sei ihr Vater und Mordekhaj der Führende, nahm sie ein Abortbecken und warf es auf den Kopf ihres Vaters. Da erhob er seine Augen, und als sie sah, daß es ihr Vater war, stürzte sie sich von der Altane zur Erde und starb.

12Deshalb heißt es: hierauf kehrte Mordekhaj zum Tore des Königs zurück, und Rabh erklärte, er kehrte zu seinem Sacke und zu seinem Fasten zurück. Und Haman lief eilends nach Hause traurig mit verhülltem Haupte; trauernd über seine Tochter, mit verhülltem Haupte, wegen dessen, was ihm zustieß.

13Und Haman erzählte seiner Frau Zeres und all seinen Freunden &c. [Zuerst] nennt er sie ‘Freunde’ und [nachher] nennt er sie ‘Weise’!? R. Joḥanan erwiderte: Wer irgend eine Weisheit sagt, selbst unter den weltlichen Völkern, heißt ein Weiser.

14Wenn Mordekhaj vom Stamme der Judäer ist &c. Sie sprachen zu ihm: Ist er von einem der übrigen Stämme, so kannst du ihn besiegen, ist er aber vom Stamme Jehuda, Binjamin, Ephrajim oder Menase, so wirst du ihn nicht besiegen. Von Jehuda heißt es: es packt deine Hand das Genick deiner Feinde, und von den anderen heißt es: vor Ephrajim, Binjamin und Menase biete deine Macht auf.

15Denn fallen, gänzlich fallen wirst du vor ihm. R. Jehuda b. Elea͑j trug vor: Wozu heißt es zweimal fallen? Sie sprachen zu ihm: Diese Nation gleicht sowohl dem Staube als auch den Sternen; wenn es sinkt, sinkt es bis zum Staube, und wenn es steigt, steigt es bis zu den Sternen.

16Und die Kämmerer des Königs erschienen und führten [Haman] eilends. Dies lehrt, daß sie ihn in Überstürzung holten.

17Denn verkauft worden sind wir, ich und mein Volk &c. denn der Widersacher ist der Schädigung des Königs nicht wert. Sie sprach zu ihm: Dieser Widersacher ist der Schädigung des Königs nicht wert. Er war eifersüchtig wegen Vašti und tötete sie, jetzt nun ist er meinetwegen eifersüchtig und will mich töten.

18Da sprach der König Aḥašveroš und sprach zur Königin Ester. Wozu heißt es zweimal sprach? R. Abahu erwiderte: Anfangs sprach er mit ihr nur durch einen Dolmetscher, als sie ihm aber erzählte, daß sie aus dem Hause Šaúls stamme, da sprach er zur Königin Ester.

19Und Ester sprach: Dieser Widersacher und Feind, dieser schlimme Haman. R. Elea͑zar sagte: Dies lehrt, daß sie auf Aḥašveroš zeigte, aber ein Engel kam und ihre Hand gegen Haman lenkte.

20Und der König stand in seinem Zorne auf &c.Als der König aus dem Garten des Palastes zurückkam. Das Zurückkommen glich dem Aufstehen: wie er im Zorne aufgestanden war, so kam er auch im Zorne zurück. Als er [in den Garten] kam, traf er Dienstengel, die ihm wie Menschen erschienen. Bäume fällen, da fragte er sie: Was soll dieses Treiben!? Diese erwiderten: Haman befahl uns dies.

21Darauf kehrte er in das Haus zurück und sah: Haman lag fallend auf dem Lager. Es sollte ja ‘fiel’ heißen!? R. Elea͑zar erwiderte: Ein Engel kam und warf ihn nieder. Alsdann sprach er: Weh ihm im Hause, weh ihm draußen. Da rief der König: Soll etwa gar der Königin bei mir im Hause Gewalt angetan werden!?

22Da sprach Ḥarbona &c. R. Elea͑zar sagte: Auch der ruchlose Ḥarbona war an diesem Rate beteiligt; als er aber sah, daß sein Rat fehl ging, blieb er fort, denn es heißt: erbarmungslos schleudert er auf ihn, vor seiner Hand maß er entfliehen.

23Und der Zorn des Königs legte sich. Wozu die beiden Legungen? – Eine deutet auf die des Königs der Welt und die andere auf die des Aḥašveroš. Manche erklären: Eine wegen der Ester und eine wegen der Vašti.

24Ihnen allen, Mann für Mann, schenkte er Ehrenkleider, und Binjamin schenkte er &c. fünf Ehrenkleider. Wie ist es möglich, daß dieser Fromme

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.