Megilla — Blatt 21b

1Es wird gelehrt: Was aber bei der Tora nicht der Fall ist. Die Rabbanan lehrten: Die Tora lese einer und einer übersetze, nur dürfe nicht einer lesen und zwei übersetzen; die Propheten lese einer und zwei übersetzen, nur dürfen nicht zwei lesen und zwei übersetzen. Das Loblied und die Esterrolle dürfen sogar zehn lesen und übersetzen. –

2Aus welchem Grunde? – Da diese beliebt sind, so ist man aufmerksam und hört zu.

3IN ORTEN, WO ES BRAUCH IST, DEN SEGEN ZU SPRECHEN, SPRECHE MAN IHN. Abajje sagte: Dies nur nachher, den Segen vorher aber ist zu lesen Gebot. R. Jehuda sagte nämlich im Namen Šemuéls: Über alle Gebote spreche man den Segen vor [o͑ber] der Ausübung. –

4Wieso ist es erwiesen, daß o͑ber die Bedeutung ‘vor’ hat? R. Naḥman b. Jiçḥaq erwiderte: Die Schrift sagt: da lief Aḥimaa͑ç durch die Aue und kam den Mohren vor [vajaa͑bor]. Abajje erwiderte: Hieraus: er ging vor [a͑bar] ihnen. Wenn du willst, sage ich: hieraus:vor ihnen schreitet [vajaa͑bor] ihr König, und der Herr an ihrer Spitze.

5Welchen Segen spreche man vorher? – R. Šešeth aus Qeṭarzja befand sich einst bei R. Aši und sprach die Segenssprüche MNḤ. –

6Welchen Segen spreche man nachher? – Gepriesen seist du, o Herr, unser Gott, König der Welt, der du unseren Streit führest, unser Recht verteidigest, Rache für uns nimmst, unseren Widersachern heimzahlest und allen Feinden unserer Seele vergeltest. ‘Gepriesen seist du, o Herr, der du für Jisraél all seinen Widersachern heimzahlest’. Raba sagte: ‘Der helfende Gott’. R. Papa sprach: Man sage daher Beides: ‘Gepriesen seist du, o Herr, der du allen Widersachern Jisraéls heimzahlest, und ein helfender Gott bist’.

7AM MONTAG, AM DONNERSTAG UND BEIM VESPERGEBETE DES ŠABBATHS LESEN DREI &C. Wem entsprechen diese drei? R. Asi erwiderte: Entsprechend Tora, Propheten und Hagiographen. Raba erwiderte: Entsprechend Priester, Leviten und Jisraéliten. –

8R. Šimi lehrte, daß man im Bethause [aus der Tora] nicht weniger als zehn Verse vorlese, wobei auch [der Einleitungsvers] ‘Und er sprach’ mitgezählt werde; wem entsprechen nun diese zehn?

9R. Jehošua͑ b. Levi erwiderte: Entsprechend den zehn Müßiggängern im Bethause. R. Joseph erwiderte: Entsprechend den zehn Geboten, die Moše am Sinaj erteilt wurden. R. Levi erwiderte: Entsprechend den zehn Lobliedern, die David im Buche der Psalmen gedichtet hat. R. Joḥanan erwiderte: Entsprechend den zehn Aussprüchen, durch die die Welt erschaffen wurde. –

10Welche sind es? – [Die Worte] er sprach im [Abschnitte] Am Anfang. – Deren sind ja nur neun!? – Auch [der Vers] Am Anfang gehört zu den Aussprüchen, denn es heißt: durch den Ausspruch des Herrn wurden die Himmel erschaffen, und ihr ganzes Heer durch den Hauch seines Mundes.

11Raba sagte: Liest der erste vier [Verse], so ist dies lobenswert, liest der zweite vier, so ist dies lobenswert, liest der dritte vier, so ist dies lobenswert.

12Liest der erste vier, so ist dies lobenswert, denn es wird gelehrt: In drei Körben von je drei Sea hebt man das Gold in der Schatzkammer ab; diese waren mit. [den Buchstaben] Aleph, Beth, Gimel gezeichnet, damit man wisse, welcher zuerst abgehoben wurde, um diesen zuerst zu Opferzwecken zu verwenden, denn das Gebot haftet am Ersten.

13Liest der mittelste vier, so ist es lobenswert, denn es wird gelehrt: Auf die Vorderseite des Leuchters sollen sie ihr Licht werfen; dies lehrt, daß ihre Vorderseiten gegen die westliche Leuchte sich richteten, und die der westlichen Leuchte gegen die Göttlichkeit. Hierzu sagte R. Joḥanan: Hieraus, daß das Mittelste das geschätzteste ist.

14Liest der letzte vier, so ist dies lobenswert, weil man beim Heiligen erhöht und nicht herabsetzt. Einst war R. Papa im Bethause des Abe Gober, und als da jemand als erster vier [Verse] las, lobte er ihn.

15WEDER WENIGER NOCH MEHR. Es wird gelehrt: Der beginnt, liest einen Segen vorher, und der beendet, liest einen Segen nachher.

16Jetzt aber ist es üblich, daß jeder vorher und nachher lese, wegen der Kommenden und Fortgehenden.

17AN NEUMONDEN UND AN HALBFESTEN LESEN VIER &C. U͑la b. Rabh fragte Raba: Wie liest man den Neumondabschnitt: Befiehl den Kindern Jisraél und sprich zu ihnen: Meine Opfergaben, meine Speise &c., der nur acht Verse hat? Lesen zwei je drei Verse, so bleiben ja nur zwei zurück, während man von einem Absatze nicht weniger als drei Verse zurücklassen darf. Lesen zwei je vier, so bleiben ja sieben zurück, denn der Absatz Und am Šabbath hat zwei und der Absatz Und an euren Neumonden hat fünf Verse: liest [der Dritte] die zwei Verse des ersten Absatzes und einen vom zweiten,

18so darf man ja einen Absatz nicht mit weniger als drei Versen beginnen, und liest er die zwei des ersten Absatzes und drei aus dem folgenden, so bleiben ja nur zwei zurück!?

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.