Megilla — Blatt 25a

1‘DIE GUTEN PREISEN DICH’, SO IST DIES HÄRESIE. [SAGT JEMAND:] ‘BIS AUF DAS VOGELNEST ERSTRECKT SICH DEIN ERBARMEN’, ODER: ‘OB DEINES GUTEN SEI DEINES NAMENS GEDACHT’, ODER WENN JEMAND ‘WIR DANKEN, WIR DANKEN’ SAGT, SO HEISST MAN IHN SCHWEIGEN.

2WENN JEMAND [DEN ABSCHNITT] VON DER BLUTSCHANDE UMSCHRIEBEN LIEST, SO HEISST MAN IHN SCHWEIGEN. WENN JEMAND [DEN VERS:] du sollst von deiner Nachkommenschaft nicht hergeben, um es dem Molekh zu weihen, PARAPHRASIERT: VON DEINEM SAMEN SOLLST DU NICHT HERGEBEN, EINE ARAMÄERIN ZU SCHWÄNGERN, SO BRINGT MAN IHN ZUM SCHWEIGEN.

3GEMARA. Erklärlich ist es, daß man ihn schweigen heißt, wenn er ‘wir danken, wir danken’ sagt, weil es den Anschein hat, als [bete er] zwei Prinzipien an, ebenso wegen ‘ob des Guten sei deines Namens gedacht‘, weil dies heißt: nur für das Gute, nicht aber für das Schlechte, während wir gelernt haben, man sei verpflichtet, für das Schlechte zu preisen, wie man für das Gute preist, weshalb aber wegen ‘bis auf das Vogelnest erstreckt sich dein Erbarmen’!? –

4Hierüber streiten im Westen zwei Amoraím, R. Jose b. Abin und R. Jose b. Zebida; einer erklärt: weil man dadurch Neid in der Schöpfung erregt, und einer erklärt: weil er die Gebote des Heiligen, gepriesen sei er, zur Barmherzigkeit macht, während sie Befehle sind.

5Einst trat jemand in Gegenwart Rabbas vor und betete: Du hast des Vogelnestes geschont, schone auch und erbarme dich unser! Du hast des [Tieres]und seines Jungen geschont, schone auch und erbarme dich unser! Da sprach Rabba: Wie sehr versteht es dieser Jünger, seinen Herrn zu besänftigen. Abajje sprach zu ihm: Wir haben ja gelernt, man heiße ihn schweigen!?

6Rabba aber wollte Abajje nur prüfen.

7Einst trat jemand in Gegenwart R. Ḥaninas vor und betete: Gott, der Große, der Mächtige, der Furchtbare, der Starke, der Feste und der Mutige.

8Da sprach er zu ihm: Bist du mit allen Lobpreisungen des Herrn zu Ende? Wir würden auch diese drei nicht gesagt haben, hätte sie nicht Moše in der Tora geschrieben, und wären die Männer der Großsynode nicht gekommen und hätten sie [in das Gebet] aufgenommen; du aber sprichst dies alles!? Dies ist ebenso, als wenn man jemand, der tausend Millionen Golddenare besitzt, [als Besitzer von] tausend Silberdenaren rühmen würde. Wäre dies für ihn nicht eine Herabsetzung!?

9R. Ḥanina sagte: Alles in den Händen des Himmels, ausgenommen die Gottesfurcht, denn es heißt: und nun Jisraél, was verlangt der Herr, dein Gott, von dir, als ihn zu fürchten. –

10Demnach ist die Gottesfurcht also eine Kleinigkeit!? – Freilich für unseren Meister Moše war sie auch eine Kleinigkeit. Ein Gleichnis. Wenn man von jemand ein großes Gerät verlangt und er es besitzt, so kämmt es ihm wie ein kleines Gerät vor, wenn aber ein kleines und er es nicht besitzt, so kommt es ihm wie ein großes Gerät vor.

11R. Zera sagte: Wenn man ‘höre, höre’ sagt, so ist es ebenso, als wenn man sagt ‘wir danken, wir danken’.

12Man wandte ein: Wenn man das Šema͑ liest und es wiederholt, so ist dies verwerflich. Nur verwerflich ist es, schweigen aber heißt man ihn nicht!? – Das ist kein Einwand; das eine, wenn man Wort für Wort wiederholt, das andere, wenn man Satz für Satz wiederholt.

13R. Papa sprach zu Raba: Vielleicht hatte er vorher seine Gedanken nicht andächtig gestimmt, später aber seine Gedanken andächtig gestimmt!? Dieser erwiderte: Gibt es denn eine Kameradschaft mit dem Himmel!? Hat er vorher seine Gedanken nicht andächtig gestimmt, so prügele man ihn mit einem Schmiedehammer, bis er sie andächtig stimmt.

14WENN JEMAND [DEN ABSCHNITT] VON DER BLUTSCHANDE UMSCHRIEBEN LIEST, SO HEISST MAN IHN SCHWEIGEN. R. Joseph lehrte: [Wenn er liest]: Den Schimpf seines Vaters, den Schimpf seiner Mutter.

15ODER WENN ER [DEN VERS:] du sollst von deiner Nachkommenschaft nicht hergeben &c. In der Schule R. Jišma͑éls wurde gelehrt: Daß die Schrift von dem Falle spreche, wenn ein Jisraélit einer Nichtjüdin beiwohnt und von ihr ein Kind für den Götzendienst zeugt.

16DIE ERZÄHLUNG VON REÚBEN WIRD VORGELESEN, ABER NICHT VERDOLMETSCHT; DIE ERZÄHLUNG VON TAMAR WIRD VORGELESEN UND VERDOLMETSCHT; DIE ERSTE ERZÄHLUNG VOM [GOLDENEN] KALBE WIRD VORGELESEN UND VERDOLMETSCHT, DIE ZWEITE WIRD VORGELESEN, ABER NICHT VERDOLMETSCHT. DER PRIESTERSEGEN UND DIE ERZÄHLUNGEN VON DAVID UND VON AMNONWERDEN VORGELESEN ABER NICHT VERDOLMETSCHT.

17MAN LESE NICHT [DAS KAPITEL] VOM HIMMELSWAGEN ALS HAPHṬARA; R. JEHUDA ERLAUBT DIES, R. ELIE͑ZER SAGT, AUCH NICHT [DAS KAPITEL:] Teile Jerušalem mit.

18GEMARA. Die Rabbanan lehrten: Manche [Stellen] werden vorgelesen und verdolmetscht, manche werden vorgelesen und nicht verdolmetscht und manche werden weder vorgelesen noch verdolmetscht. Folgende werden vorgelesen und verdolmetscht:

19Die Schöpfungsgeschichte wird vorgelesen und verdolmetscht. – Selbstverständlich!? – Man könnte glauben, es sei zu befürchten, es können manche fragen,

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.