Megilla — Blatt 28a
1nie habe ich [bei der Mahlzeit] den Segen früher als der Priester gesprochen, und nie habe ich von einem Tiere gegessen, von dem nicht die Priestergaben entrichtet worden sind.
2R. Jiçḥaq sagte nämlich im Namen R. Joḥanans: Es ist verboten, von einem Tiere zu essen, von dem die Priester gaben nicht entrichtet worden sind. Ferner sagte R. Jiçḥaq: Wenn jemand von einem Tiere ißt, von dem die Priestergaben nicht entrichtet worden sind, so ist es ebenso, als hätte er Unverzehntetes gegessen. –
3«Nie habe ich den Segen früher als der Priester gesprochen.»
4Demnach ist dies lobenswert, dagegen sagte R. Joḥanan, daß, wenn selbst der Hochpriester früher als der Schriftgelehrte den Segen spricht, dieser Schriftgelehrte den Tod verdiene, denn es heißt: die mich hassen, wollen den Tod, und man lese nicht: die mich hassen, sondern: die mich verhaßt machen!? –
5Er sagte dies von dem Falle, wenn sie beide gleich sind.
6Seine Schüler fragten R. Neḥunja b. Haqana: Wodurch hast du dein langes Leben? Er erwiderte ihnen: Nie im Leben habe ich mich durch die Schande meines Nächsten beehrt, nie kam auf mein Lager der Fluch meines Nächsten, und freigebig war ich mit meinem Gelde.
7«Nie habe ich mich durch die Schande meines Nächsten beehrt.» So trug R. Hona einst eine Schaufel auf der Schulter, da kam R. Ḥana b. Ḥanilaj und nahm sie ihm ab. Jener sprach zu ihm: Pflegst du eine solche auch in deiner Stadt zu tragen, so trage sie, wenn aber nicht, so will ich nicht meine Würde durch deine Entwürdigung wahren.
8«Nie kam der Fluch meines Nächsten auf mein Lager.» So pflegte Mar Zuṭra, wenn er zu Bett ging, zu sagen: Vergeben sei jedem, der mir zuleide tat.
9«Freigebig war ich mit meinem Gelde.» Der Meister sagte nämlich: Ijob war freigebig mit seinem Gelde, denn er ließ dem Krämer eine Peruṭa von seinem Gelde zurück.
10R. A͑qiba fragte R. Neḥunja den Großen: Wodurch hast du dein langes Leben? Da kamen die Eunuchen und wollten ihn schlagen, und er flüchtete sich auf die Spitze einer Dattelpalme.
11Hierauf fragte er ihn: Meister, wozu heißt es das eine, wenn es schon Lamm heißt?
12Da sprach jener: Laßt ihn, er ist Gelehrter. Hierauf erwiderte er: Das einzigste in der Herde. Alsdann sprach er: Nie im Leben habe ich Geschenke angenommen, nie bestand ich auf meinem Rechte, und ich war freigebig mit meinem Gelde.
13«Nie habe ich Geschenke angenommen.» So pflegte R. Elea͑zar, wenn man ihm aus dem Hause des Fürsten Geschenke brachte, diese nicht anzunehmen, und wenn man ihn einlud, nicht hinzugehen, indem er erwiderte: Ist es euch unangenehm, daß ich lebe!? Es heißt nämlich: wer Geschenke haßt, wird leben. R. Zera pflegte, wenn man ihm aus dem Hause des Fürsten Geschenke brachte, diese nicht anzunehmen, wenn man ihn aber einlud, ging er hin, indem er sagte, sie fühlen sich durch ihn beehrt.
14«Ich bestand nicht auf meinem Rechte.» Raba sagte nämlich, wer Unbill übergeht, dem übergehe man all seine Sünden, denn es heißt: er vergibt die Sünde und übersieht die Schuld. Wem vergibt er die Sünde? Dem, der die Schuld übersieht.
15Rabbi fragte R. Jehošua͑ b. Qorḥa: Wodurch hast du dein langes Leben? Dieser entgegnete: Ist dir mein Leben zum Überdrusse!? Jener erwiderte: Meister, es soll eine Belehrung sein; ich will lernen. Darauf erwiderte er: Nie im Leben habe ich in das Gesicht eines Frevlers geschaut. R. Joḥanan sagte nämlich: Es ist verboten, die Gesichtsform eines Frevlers anzuschauen, denn es heißt: wenn ich nicht auf Jehošaphaṭ, den König von Jehuda, Rücksicht nähme, so würde ich auf dich nicht blicken, noch dich anschauen.
16R. Elea͑zar sagt, seine Augen werden stumpf, denn es heißt:als Jiçḥaq alt geworden war, da wurden seine Augen stumpf; weil er nämlich auf den gottlosen E͑sav schaute. –
17War dies denn die Ursache, R. Jiçḥaq sagte ja, der Fluch eines Gemeinen sei niemals geringschätzig in deinen Augen, denn Abimelekh verfluchte Sara und es ging an ihren Kindern in Erfüllung, wie es heißt: dies soll dir eine Augendecke sein, und man lese nicht Augendecke, sondern Augenverdeckung!? –
18Dies und jenes haben es veranlaßt. Raba entnimmt dies hieraus: Es ist nicht gut, das Gesicht des Gottlosen zu achten.
19Beim Verabschieden sprach er zu ihm: Segne mich! Dieser sprach: Möge es der Wille [Gottes] sein, daß du die Hälfte meines Alters erreichest – Das ganze nicht!? Dieser erwiderte: Sollen etwa deine Nachfahren das Vieh weiden!?
20Von Abuha b. Ihi und Minjamin b. Ihi bat der eine, es möge ihm zugute kommen, daß er nie einen Nichtjuden angeschaut hat, und der andere bat, es möge ihm zugute kommen, daß er sich nie mit einem Nichtjuden assoziiert hat.
21Seine Schüler fragten R. Zera: Wodurch hast du dein langes Leben? Er erwiderte ihnen: Nie im Leben war ich unduldsam in meinem Hause, nie bin ich einem bedeutenderen als ich vorangeschritten, nie habe ich in schmutzigen Durchgängen [über Worte der Tora] nachgedacht, nie ging ich vier Ellen ohne Tora und ohne Tephillin, nie schlief ich im Lehrhause, ob einen regelmäßigen oder einen gelegentlichen Schlaf, nie freute ich mich beim Straucheln meines Nächsten, und nie nannte ich jemand bei seinem Spitznamen; manche lesen: Schimpfnamen.
22FERNER SAGTE R. JEHUDA: IN EINEM BETHAUSE, DAS ZERSTÖRT WORDEN IST, VERANSTALTE MAN KEINE TOTENKLAGE, DREHE MAN KEINE STRIKKE, SPANNE MAN KEINE NETZE; AUF DEM DACHE SCHICHTE MAN KEINE FRÜCHTE UND MAN BENUTZE ES NICHT ALS DURCHGANG,
23DENN ES HEISST: ich werde eure Heiligtümer verwüsten, DIE HEILIGKEIT HAFTET IHNEN AN, AUCH WENN SIE VERWÜSTET SIND.
24SIND DA GRÄSER EMPORGEWACHSEN, SO REISSE MAN SIE NICHT AUS, UM WEHMUT ZU ERREGEN.
25GEMARA. Die Rabbanan lehrten: Man benehme sich in Bethäusern nicht würdelos; man esse da nicht, trinke da nicht,
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.