Megilla — Blatt 29a
1Man unterbreche das Studium der Tora, um einem Toten das Geleit zu geben oder eine Braut [unter den Baldachin] zu führen. Man erzählt von R. Jehuda b. R. Elea͑j, daß er das Studium der Tora zu unterbrechen pflegte, um einem Toten das Geleit zu geben oder eine Braut [unter den Baldachin] zu führen. Dies jedoch nur in dem Falle, wenn keine genügende [Beteiligung] da ist, wenn aber eine genügende [Beteiligung] da ist, unterbreche man nicht. –
2Was heißt eine genügende [Beteiligung]? R. Šemuél b. Inja erwiderte im Namen Rabhs: Zwölftausend Personen und sechstausend mit Posaunen. Manche sagen: Zwölftausend Personen, und sechstausend von ihnen mit Posaunen. U͑la erklärte: Wenn das Publikum vom Stadttore bis zum Grabe Spalier bildet.
3R. Šešeth sagte: Wie die Verleihung [der Tora], so auch die Fortnahme: wie die Verleihung bei sechzig Myriaden, so auch die Fortnahme bei sechzig Myriaden. Dies gilt von dem, der die Schrift und [die mündliche Lehre] studiert hat, für den aber, der auch gelehrt hat, gibt es keine Grenze.
4Es wird gelehrt: R. Šimo͑n b. Joḥaj sagte: Komm und sieh, wie beliebt die Jisraéliten sind beim Heiligen, gepriesen sei er, denn wohin sie auch verbannt wurden, war die Göttlichkeit immer bei ihnen. Wurden sie nach Miçrajim verbannt, war die Göttlichkeit bei ihnen, denn es heißt: ich habe mich deinem Vaterhause offenbart, als sie in Miçrajim waren &c. Wurden sie nach Babylonien verbannt, war die Göttlichkeit bei ihnen, denn es heißt: um euretwillen habe ich nach Babel entsendet. Wurden sie nach Edom verbannt, war die Göttlichkeit bei ihnen, denn es heißt: wer kommt da aus Edom, in hochroten Kleidern aus Boçra? Dieser da, prächtig geschmückt &c. Und auch wenn sie dereinst erlöst werden, wird die Göttlichkeit bei ihnen sein, denn es heißt: der Herr, dein Gott wird deine Gefangenschaft zurückkehren; es heißt nicht zurückbringen, sondern zurückkehren, und dies lehrt, daß der Heilige, gepriesen sei er, mit ihnen aus dem Exil zurückkehren wird. –
5Wo weilt sie in Babylonien? Abajje erwiderte: Im Bethause von Huçal und im zerstört gewesenen und wieder errichteten Bethause zu Nehardea͑. Man glaube aber nicht, da und dort, sondern zuweilen da und zuweilen dort. Abajje sprach: Möge es mir zugute kommen, daß ich sogar eine Parasange Umweg mache, um da beten zu gehen. Einst saßen der Vater Šemuéls [und Levi] im zerstört gewesenen und wieder errichteten Bethause zu Nehardea͑, und als die Göttlichkeit erschien und sie ein Geräusch hörten, [gingen sie hinaus.
6Einst saß R. Šešeth im zerstört gewesenen und wieder errichteten Bethause zu Nehardea͑, und als die Göttlichkeit erschien], ging er nicht hinaus. Als darauf die Dienstengel kamen und ihn ängstigten, sprach er: Herr der Welt, wer ist von Gedemütigtem und Ungedemütigtem vor dem anderen zu verdrängen!? Da sprach er zu ihnen: Laßt ihn.
7Ich will ihnen ein wenig zum Heiligtum sein. R. Jiçḥaq erklärte, das seien die Bet- und Lehrhäuser in Babylonien; R. Elea͑zar erklärte, das sei das Haus unseres Meisters in Babylonien.
8Raba trug vor: Es heißt: Herr, eine Stätte warst du für uns, das sind die Bet- und Lehrhäuser. Abajje sagte: Anfangs pflegte ich zu Hause zu studieren und das Gebet im Bethause zu verrichten, nachdem ich aber das gehört habe, was David gesagt hat: Herr, ich liebe die Stätte deines Hauses, pflege ich nur im Bethause zu studieren.
9Es wird gelehrt: R. Elea͑zar Haqappar sagte: Dereinst werden die Bet- und Lehrhäuser von Babylonien ins Jisraélland verpflanzt werden, denn es heißt: gleich dem Tabor unter den Bergen und dem Karmel über dem Meere wird er einrücken; es ist [ein Schluß, wie] vom Leichteren auf das Schwerere zu folgern: wenn der Tabor und der Karmel, die nur für eine Stunde die Tora zu hören gekommen waren, in das Jisraélland einrücken werden, um wieviel mehr die Bet- und Lehrhäuser, in denen die Tora studiert und gepflegt wird.
10Bar Qappara trug vor: Es heißt: weshalb erbebt [teraçdun] ihr, ihr gipfligen Berge; eine Hallstimme ertönte und rief: Weshalb sucht ihr Rechtsstreit [tirçu din] mit dem Berge Sinaj; diesem gegenüber seid ihr ja alle Krüppel. Hier heißt es gabnunim [gipfligen] und dort heißt es: giben [bucklig] oder abgemagert. R. Aši sprach: Hieraus, daß der Hochmütige ein Krüppel ist.
11MAN BENUTZE ES NICHT ALS DURCHGANG. Was heißt Copendarja [Durchgang]? Raba erklärte: Abgekürzter Weg, dem Wortlaute gemäß. – Wieso dem Wortlaute gemäß? – Wie wenn jemand sagt: Anstatt einen Umweg über Straßen zu machen, gehe ich hier durch.
12R. Abahu sagte: War da ein Weg von früher her, so ist es erlaubt.
13R. Naḥman b. Jiçḥaq sagte: Wer eingetreten ist ohne Absicht, es als Durchgang zu benutzen, darf es als Durchgang benutzen. R. Ḥelbo sagte im Namen R. Honas: Wer in das Bethaus tritt, um da zu beṭen, darf es als Durchgang benutzen, denn es heißt: wenn das Volk des Landes an den Festzeiten vor den Herrn kommt, dann soll derjenige, der durch das Nordtor eintritt, um anzubeten, durch das Südtor hinausgehen.
14SIND DA GRÄSER EMPORGEWACHSEN, SO REISSE MAN SIE NICHT AUS, UM WEHMUT ZU ERREGEN. Es wird ja aber gelehrt, man dürfe sie nicht ausreißen, um sie als Futter zu verwenden, wohl aber darf man sie ausreißen und zurücklassen!? – Unsere Mišna spricht eben vom Ausreißen, um sie als Futter zu verwenden.
15Die Rabbanan lehrten: Man darf einen Begräbnisplatz nicht würdelos behandeln; man darf da kein Vieh weiden, keinen Wassergraben ziehen und keine Gräser sammeln; hat man gesammelt, so verbrenne man sie auf der Stelle, aus Achtung vor den Toten. –
16Worauf bezieht sich dies: wollte man sagen, auf den Schlußsatz, worin besteht denn, wenn man sie auf der Stelle verbrennt, die Achtung vor den Toten!? – Vielmehr, auf den Anfangssatz.
17WENN DER NEUMOND DES ADAR AUF EINEN ŠABBATH FÄLLT, SO LESE MAN AN DIESEM DEN ABSCHNITT VON DER TEMPELSTEUER VOR; FÄLLT ER IN DIE MITTE DER WOCHE, SO LESE MAN IHN AM VORANGEHENDEN [ŠABBATH] UND AM NÄCHSTEN SETZE MAN AUS.
18AM ZWEITEN [LESE MAN DEN ABSCHNITT] Gedenke, AM DRITTEN [DEN ABSCHNITT] VON DER ROTEN KUH, AM VIERTEN [DEN ABSCHNITT] Dieser Monat sei euch, UND AM FÜNFTEN BEGINNT WIEDER DIE GEWÖHNLICHE REIHENFOLGE.
19BEI ALLEN GELEGENHEITEN UNTERBRECHE MAN, AM NEUMOND, AM ḤANUKA, AM PURIM, AN FASTTAGEN, AN BEISTANDSTAGEN UND AM VERSÖHNUNGSTAGE.
20GEMARA. Dort haben wir gelernt: Am ersten Adar erläßt man eine Kundmachung inbetreff der Tempelsteuer
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.