Megilla — Blatt 7b
1Du hast, Meister, an uns das Gebot, Gaben an seinen Nächsten zu schicken, ausgeübt.
2Rabba schickte durch Abajje an Mari b. Mar einen Sack voll Datteln und ein Gefäß voll Röstmehl, Da sprach Abajje: Mari wird nun sagen: Wenn der Bauer auch König wird, den Futterkorb nimmt er von seiner Schulter dennoch nicht ab.
3Hierauf schickte ihm jener einen Sack voll Ingwer und ein Gefäß voll langen Pfeffer. Da sprach Abajje: Nun wird der Meister sagen: Ich schickte ihm Süßes, er mir aber Scharfes.
4Abajje erzählte: Als ich vom Meister fortging, war ich satt, und als ich da hinkam, reichte man mir sechzig Schüsseln mit sechzig Gerichten und ich aß sechzig Portionen. Das letzte Gericht nannte man Schmorbraten, und mit diesem wollte ich auch die Schüssel zerkauen.
5Abajje sagte: Das ist es, was die Leute sagen: Der Arme ist hungrig, ohne es zu merken. Oder auch: Für Süßigkeiten ist Platz da.
6Abajje b. Abin und R. Ḥanina b. Abin wechselten ihre Mahlzeiten miteinander.
7Raba sagte: Am Purimfeste muß man soviel zechen, bis man zwischen ‘verflucht sei Haman’ und ‘gepriesen sei Mordekhaj’ nicht mehr zu unterscheiden vermag.
8Rabba und R. Zera hielten zusammen das Purimfestmahl ab, und als sie bezecht waren, stand Rabba auf und schlachtete R. Zera. Am folgenden Tage flehte er um Erbarmen und belebte ihn. Im nächsten Jahre sprach er zu ihm: Möge der Meister kommen, wir wollen zusammen das Purimfestmahl abhalten. Dieser erwiderte: Nicht jederzeit geschieht ein Wunder.
9Raba sagte: Wer das Purimfestmahl nachts abgehalten hat, hat seiner Pflicht nicht genügt. – Aus welchem Grunde? Es heißt: Tage der Gasterei und der Freude. R. Aši saß vor R. Kahana und als es spät wurde und die Jünger noch nicht da waren, fragte er ihn: Weshalb sind die Jünger noch nicht da? [Jener erwiderte:] Sie sind wahrscheinlich beim Purimfestmahle. Dieser sprach: Können sie es nicht abends abhalten? Jener entgegnete: Hat denn der Meister nicht das gehört, was Raba gesagt hat, daß man nämlich seiner Pflicht nicht genügt hat, wenn man das Purimfestmahl nachts abgehalten hat!? Da fragte dieser: Sagte dies Raba? Jener erwiderte: Jawohl. Er lernte es von ihm vierzigmal, und es kam ihm vor, als hätte er es im Beutel.
10DERFESTTAG UNTERSCHEIDET SICH VOM ŠABBATH NUR HINSICHTLICH DER [BEREITUNG VON] SPEISEN.
11GEMARA. Demnach gleichen sie einander hinsichtlich des zur Bereitung von Speisen Erforderlichen: somit vertritt unsere Mišna nicht die Ansicht R. Jehudas,
12denn es wird gelehrt: Der Festtag unterscheidet sich vom Šabbath nur hinsichtlich der Bereitung von Speisen; R. Jehuda erlaubt auch das, was zur Bereitung von Speisen erforderlich ist. –
13Was ist der Grund des ersten Tanna? – Die Schrift sagt: nur das, nicht aber das, was zur Bereitung erforderlich ist. – Und R. Jehuda!? – Es heißt: euch, all eure Bedürfnisse. –
14Und jener, es heißt ja auch!? – Für euch, nicht aber für Nichtjuden; für euch, nicht aber für Hunde. –
15Und der andere, es heißt ja nur das!? – Es heißt nur das und es heißt euch; eines gilt von Vorbereitungen, die man am Vorabend des Festes erledigen kann, und das andere gilt von Vorbereitungen, die man am Vorabend des Festes nicht erledigen kann.
16DER ŠABBATH UNTERSCHEIDET SICH VOM VERSÖHNUNGSTAGE NUR DADURCH, DASS DIE VORSÄTZLICHE [ENTWEIHUNG] DES ERSTEN DURCH MENSCHEN UND DIE DES ANDEREN MIT DER AUSROTTUNG [BESTRAFT WIRD].
17GEMARA. Demnach gleichen sie einander hinsichtlich der Ersatzleistung,
18somit vertritt unsere Mišna die Ansicht des R. Neḥunja b. Haqana, denn es wird gelehrt: R. Neḥunja b. Haqana vergleicht den Versöhnungstag mit dem Šabbath hinsichtlich der Ersatzleistung: wie man durch [die Entweihung des] Šabbaths das Leben verwirkt hat und von der Ersatzleistung frei ist, ebenso hat man durch [die Entweihung des] Versöhnungstages das Leben verwirkt und ist von einer Ersatzleistung frei.
19Dort haben wir gelernt: Alle, die sich der Ausrottungsstrafe schuldig gemacht haben und gegeißelt worden sind, sind von der Ausrottung befreit, denn es heißt: und wenn dein Bruder vor deinen Augen entehrt wird, sobald er gegeißelt worden ist, ist er dein Bruder – so R. Ḥananja b. Gamliél. R. Joḥanan sagte: Die Genossen streiten gegen R. Ḥananja b. Gamliél.
20Raba sprach: In der Schule Rabhs sagten sie: Wir haben gelernt: Der Versöhnungstag unterscheidet sich vom Šabbath nur dadurch, daß die vorsätzliche [Entweihung] des anderen durch Menschen und die des ersten mit der Ausrottung [bestraft wird]. Wenn nun dem soist, so erfolgt ja bei beiden [die Bestrafung] durch Menschen!?
21R. Naḥman erwiderte: Unsere Mišna lehrt nach R. Jiçḥaq, welcher sagt, bei den mit der Ausrottung Belegten gebe es keine Geißelung. Es wird nämlich gelehrt: R. Jiçḥaq sagte: Alle [wegen Blutschande] mit der Ausrottung belegten sind ja einbegriffen, weshalb wird die Ausrottung wegen [der Blutschande an] einer Schwester besonders hervorgehoben? Daß dies mit der Ausrottung und nicht mit Geißelung bestraft werde.
22R. Aši erklärte: Da kannst auch sagen, nach den Rabbanan, denn vornehmlich wird die vorsätzliche [Entweihung] des einen durch Menschen und die des anderen mit der Ausrottung [bestraft].
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.