Moed Katan — Blatt 16b

1ebenso auch die Worte der Tora im Verborgenen.

2Als darauf R. Ḥija seine beiden Neffen Rabh und Rabba b. Bar Ḥana auf offener Straße unterrichtete und Rabbi davon hörte, ärgerte er sich darüber Als R. Ḥija ihn später besuchte, sprach er zu ihm: I͑ja, wer ruft dich da draußen? Da merkte er, daß er etwas im Sinne hat, und nahm auf sich einen Verweis für dreißig Tage.

3Am dreißigsten Tage ließ er ihm sagen, daß er komme, darauf aber ließ er ihm sagen, daß er nicht komme. –

4Welcher Ansicht war er vorher und welcher Ansicht war er nachher? – Vorher war er der Ansicht, ein Teil des Tages gelte als ganzer Tag, nachher aber war er der Ansicht, ein Teil des Tages gelte nicht als ganzer Tag.

5Hierauf kam er doch. Jener fragte: Wieso bist du gekommen? Dieser erwiderte: Weil mir der Meister sagen ließ, daß ich kommen soll. – Darauf ließ ich dir ja aber sagen, daß du nicht kommen sollst!? Dieser erwiderte: Den [ersten Boten] sah ich, den anderen sah ich nicht. Da las er über ihn: Wenn dem Herrn die Wege eines Menschen Wohlgefallen, so söhnt er auch seine Feinde mit ihm aus. –

6Weshalb hast du dies getan? Dieser erwiderte: Es heißt: Der Weisheit Rufe ertönen auf der Straße. Jener sprach: Hast du es einmal gelesen, so hast du es nicht wiederholt, hast du es auch wiederholt, so hast du es nicht drittmals gelesen, hast du es auch drittmals gelesen, so hat man es dir nicht erklärt.

7Der Weisheit Rufe ertönen auf der Straße, dies ist nach einer Lehre Rabas zu erklären, denn Raba sagte: Wenn jemand sich mit der Tora innen befaßt, so macht ihn sein Studium draußen bekannt. –

8Es heißt ja aber: von Anfang an habe ich nicht im Verborgenen geredet!? – Dies bezieht sich auf die [öffentlichen] Vorträge. –

9Worauf bezieht R. Ḥija [den Vers]: die Wölbungen deiner Hüften!? – Er bezieht ihn auf Almosen und Liebeswerke.

10Wir sehen also, daß bei ihnen der Verweis dreißig Tage währt!? – Anders ist ein Verweis des Fürsten.

11Wie lange währt der Verweis bei uns? – Einen Tag. So pflegte, wenn Šemuél und Mar U͑qaba zusammen studierten, Mar U͑qaba in einer Entfernung von vier Ellen von Šemuél zu sitzen, und wenn sie zu Gericht saßen, Šemuél in einer Entfernung von vier Ellen von Mar U͑qaba zu sitzen. Man vertiefte für Mar U͑qaba den Platz auf einer Matte, wo er sich setzte, damit man die Worte [des anderen] höre.

12Täglich pflegte Mar U͑qaba Šemuél bis zu seiner Herberge zu begleiten, eines Tages aber dachte er über einen Rechtsfall nach, und Šemuél kam hinter ihm zu gehen. Als er an sein Haus herankam, sprach er: Genügt es dir nicht, will mich der Meister nicht entlassen? Da merkte jener, daß er etwas im Sinne hat, und nahm auf sich einen Verweis für einen Tag.

13Einst saß eine Frau auf der Straße, die Füße vor sich ausgestreckt, und siebte Gerstenkörner, und als ein Jünger an ihr vorüberging, verneigte sie sich nicht vor ihm. Dieser sprach: Wie frech ist diese Frau! Hierauf kam sie vor R. Naḥman, und er fragte sie: Hast du einen Bannruf aus seinem Munde gehört? Diese erwiderte: Nein. Da sprach er zu ihr: Geh, nimm auf dich einen Verweis für einen Tag.

14Zutra b. Ṭobija trug vor R. Jehuda Bibelabschnitte vor, als er herankam zum Verse: das sind die letzten Worte Davids, sprach er: ‘Die letzten’, demnach gibt es auch erste; welche sind es?

15Dieser schwieg und antwortete ihm nichts. Jener sprach wiederum: ‘Die letzten’, demnach gibt es auch erste; welche sind es? Dieser erwiderte: Du glaubst wohl, wer die Auslegung dieses Schriftverses nicht kennt, könne kein bedeutender Mann sein!? Da merkte jener, daß er etwas im Sinne hat, und nahm auf sich einen Verweis für einen Tag. –

16Da wir dabei sind: welche sind es wirklich, denn wenn er von ‘letzten’ [spricht], so gibt es ja auch erste? –David richtete an den Herrn die Worte dieses Liedes, zur Zeit, als der Herr ihn aus der Hand all seiner Feinde und aus der Hand Šaúls errettet hatte.

17Der Heilige, gepriesen sei er, sprach zu David: David, du singst ein Lied über den Sturz Šaúls; wärest du Šaúl und er David, so würde ich seinetwegen viele Davide zugrunde gerichtet haben!

18Darauf deutet das, was geschrieben steht: ein Gesang Davids, den er dem Herrn wegen des Binjaminiten Kus sang. Hieß er denn Kuš, er hieß ja Šaúl!? Vielmehr, wie der Kušite [Äthiopier] sich durch seine Hautfarbe auszeichnet, so war auch Šaúl durch seine [guten] Werke ausgezeichnet.

19Desgleichen heißt es: wegen der Kušiterin, die er nahm. Hieß sie denn Kušiterin, sie hieß ja Çipora!? Vielmehr, wie die Kušiterin sich durch ihre Hautfarbe auszeichnet, ebenso war auch Çipora durch ihre [guten] Werke ausgezeichnet. Desgleichen heißt es: und E͑bed Melekh, der Kušite, hörte. Hieß er denn Kušite, er hieß ja Çidqija!? Vielmehr, wie der Kušite sich durch seine Hautfarbe auszeichnet, ebenso war auch Çidqija durch seine [guten] Werke ausgezeichnet.

20Desgleichen heißt es: ihr seid mir ja wie die Kušiten, Kinder Jisraél. Hießen sie denn Kušiten, sie hießen ja Jisraél!? Vielmehr, wie der Kušite sich durch seine Hautfarbe auszeichnet, ebenso ist auch Jisraél durch seine [guten] Werke von allen Völkern ausgezeichnet.

21R. Šemuél b. Naḥmani sagte im Namen R. Jonathans: Es heißt: Ausspruch Davids, des Sohnes Jišajs, Ausspruch des Mannes, der hoch erhoben ward. Ausspruch Davids, des Sohnes Jišajs, der das Joch der Bußfertigkeit hoch erhob.

22Es sprach der Gott Jisraéls, zu mir redete der Fels Jisraéls. Wer gerecht über Menschen herrscht, herrscht in der Furcht Gottes. Was meint er damit? R. Abahu erwiderte: Er meint es wie folgt: Es sprach der Gott Jisraéls, zu mir redete der Fels Jisraéls: Ich herrsche über die Menschen, wer beherrscht mich? Der Gerechte, denn wenn ich ein Verhängnis beschließe, hebt er es auf.

23Folgende sind die Namen von den Helden Davids, der im Sitze saß &c. Was meint er damit? R. Abahu erwiderte: Er meint es wie folgt: Folgende sind (Namen der) Heldentaten Davids:

24er saß im Sitze; wenn er nämlich im Kollegium saß, saß er nicht auf Kissen und Polstern, sondern auf dem Fußboden, I͑ra der Jaírite unterrichtete, so lange er lebte, die Rabbanan auf Kissen und Polstern sitzend, und als er starb, unterrichtete David die Rabbanan auf dem Fußboden sitzend; da sprachen sie zu ihm: Möge doch auch der Meister auf Kissen und Polstern sitzen! Er verzichtete aber darauf.

25Der Kundigen. Rabh erklärte: Der Heilige, gepriesen sei er, sprach zu ihm: Dieweil du dich so erniedrigt hast, sollst du mir gleichen; ich beschließe ein Verhängnis, und du hebst es auf.

26Das Haupt der drei; du sollst das Haupt der drei Erzväter sein. Das ist A͑dino, der Eçoniter; wenn er saß und sich mit der Tora befaßte, schmiegsam [a͑den] wie ein Wurm; zog er aber in den Krieg, war er hart wie Holz [e͑ç].

27Über achthundert Erschlagene auf einmal;wenn er einen Pfeil abschoß, streckte er achthundert Erschlagene auf einmal nieder, und doch seufzte er noch wegen der weiteren zweihundert, denn es heißt: wie konnte ein einziger tausend verfolgen.

28Da ertönte eine Hallstimme und sprach: Wegen der Angelegenheit U͑rija des Ḥititers.

29R. Tanḥum, Sohn des R. Ḥija aus Kephar A͑kko, sagte im Namen des R. Ja͑qob b. Aḥa im Namen R. Šimlajs, wie manche sagen, R. Tanḥum im Namen R. Honas, und wie manche sagen, R. Hona in seinem eigenen Namen:

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.