Moed Katan — Blatt 23b

1am Šabbath gebe es eine Trauer, und die anderen sagen, am Šabbath gebe es keine Trauer.

2Die einen sagen, am Šabbath gebe es eine Trauer, denn er lehrt ja, daß er mitzähle; die anderen sagen, am Šabbath gebe es keine Trauer, denn er lehrt ja, daß er sie nicht abbreche,

3und wenn man sagen wollte, am Šabbath gebe es eine Trauer, so wäre es ja, wenn die Trauer sogar am Šabbath besteht, selbstverständlich, daß er sie nicht abbricht. –

4Er lehrt ja aber, daß er mitzähle!? – Da er im Schlußsatze lehren will, [die Feste] zählen nicht mit, so lehrt er im Anfangssatze, daß dieser mitzähle. –

5Aber gegen diejenigen, welche sagen, am Šabbath gebe es keine Trauer, [ist ja einzuwenden,] er lehrt ja, daß er sie nicht abbreche!? – Da er im Schlußsatze lehren will, [die Feste] brechen sie ab, so lehrt er im Anfangssatze, daß dieser sie nicht abbreche.

6Es wäre anzunehmen, daß hierüber Tannaím streiten: Wer seinen Toten vor sich liegen hat, esse in einem anderen Raume; hat er keinen anderen Raum, so esse er im Hause seines Nächsten; hat er das Haus eines Nächsten nicht [zur Verfügung], so mache er sich eine Scheidewand von zehn Handbreiten; hat er nichts, woraus eine Scheidewand zu machen, so wende er das Gesicht um und esse.

7Er darf nicht angelehnt essen. Ferner darf er kein Fleisch essen, keinen Wein trinken, nicht den Segen sprechen, nicht den gemeinsamen Tischsegen sprechen, auch spreche man für ihn nicht den Segen und zähle ihn beim gemeinsamen Tischsegen nicht mit. Ferner ist er vom Šema͑lesen, vom Gebete, von den Tephillin und von allen in der Tora genannten Geboten befreit.

8Am Šabbath aber darf er angelehnt essen, Fleisch essen, Wein trinken, den Tischsegen sprechen und den gemeinsamen Tischsegen sprechen; auch darf man für ihn den Segen sprechen und ihn zum gemeinsamen Tischsegen mitzählen. Ferner ist er zum Šema͑lesen, zum Gebete (zu den Tephillin) und zu allen in der Tora genannten Geboten verpflichtet. R. Gamliél sagt, da er zu diesen [Geboten] verpflichtet ist, so ist er auch zu allen Geboten verpflichtet.

9Hierzu sagte R. Joḥanan, sie streiten über den Beischlaf.

10Ihr Streit besteht wahrscheinlich in folgendem: einer ist der Ansicht, am Šabbath gebe es eine Trauer, und einer ist der Ansicht, am Šabbath gebe es keine Trauer. –

11Wieso denn, vielleicht ist der erste Tanna dieser Ansicht nur da, wo man seinen Toten vor sich liegen hat, nicht aber hierbei, wo man seinen Toten nicht vor sich liegen hat.

12Oder aber vielleicht ist R. Gamliél dieser Ansicht nur da, weil für ihn die Trauer noch gar nicht begonnen hat, nicht aber hierbei, wo sie bereits begonnen hat.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.