Moed Katan — Blatt 25a
1GEMARA. Auch über einen Gelehrten, es wird ja aber gelehrt: ‘Stirbt Verwandter’,
2wie kommst du darauf!? Sage vielmehr: jeder gleicht seinem Verwandten; jeder muß über ihn [das Gewand] einreißen, jeder muß [die Schulter] entblößen und jeder muß mit ihm das Trauermahl auf dem Stadtplatze einnehmen!? – In dem Falle, wenn es kein Gelehrter ist. –
3Wenn er aber ein frommer Mann war, ist man ja dazu verpflichtet!? Es wird nämlich gelehrt: Weshalb sterben einem Söhne und Töchter in ihrer Jugend? Damit er über den Tod eines frommen Mannes weine und trauere. –
4‘Weine und trauere’, nimmt man etwa von ihm ein Pfand!? – Vielmehr, weil er über den Tod eines frommen Mannes nicht geweint und getrauert hat. Dem aber, der über den Tod eines frommen Mannes weint und trauert, vergibt man all seine Sünden, wegen der Ehrung, die er ihm erwiesen hat. – Wenn es kein frommer Mann ist. –
5Wenn man aber bei der Agonie zugegen war, ist man ja dazu verpflichtet!? Es wird nämlich gelehrt: R. Šimo͑n b. Elea͑zar sagte: Wer bei der Agonie des Sterbenden zugegen war, ist zum Einreißen verpflichtet. Dies ist ebenso, als [sähe man] eine Torarolle verbrennen, worüber man zum Einreißen verpflichtet ist. –
6Wenn man bei der Agonie nicht zugegen war.
7Als die Seele R. Saphras zur Ruhe einkehrte, rissen die Jünger über ihn das Gewand nicht ein, indem sie sagten, sie hätten von ihm nichts gelernt. Da sprach Abajje zu ihnen: Heißt es etwa: wenn ein Lehrer stirbt, es heißt ja: wenn ein Gelehrter stirbt!? Außerdem sind ja im Lehrhause seine Lehren täglich in unserem Munde.
8Als sie dann glaubten, man belasse es beim Geschehenen, sprach Abajje zu ihnen: wir haben gelernt: Wenn ein Gelehrter stirbt, so ist man, solange man sich mit der Trauer befaßt, zum Einreißen verpflichtet. Darauf wollten sie sofort einreißen; da sprach Abajje zu ihnen: Es wird gelehrt: Die Ehrung des Gelehrten besteht in der Trauerfeier.
9Als die Seele R. Honas zur Ruhe einkehrte, wollte man eine Torarolle auf sein Bett legen; da sprach R. Ḥisda zu ihnen: Sollte man jetzt mit ihm gegen seine Ansicht bei Lebzeiten verfahren!? R. Taḥlipha erzählte nämlich, er habe gesehen, wie R. Hona, als er sich auf ein Bett setzen wollte, auf dem eine Torarolle lag, einen Krug umstülpte und auf diesen die Torarolle legte. Demnach war er der Ansicht, es sei verboten, auf einem Bette zu sitzen, auf dem eine Torarolle liegt.
10Als sie darauf, da das Bett durch die Tür nicht ging, es über Dächer herausholen wollten, sprach R. Ḥisda zu ihnen: Es ist mir von ihm überliefert, daß es zur Ehrung des Gelehrten gehört, durch die Tür getragen zu werden.
11Hierauf wollten sie ihn aus diesem Bette in ein anderes legen; da sprach R. Ḥisda zu ihnen: Es ist mir von ihm überliefert, daß es zur Ehrung des Gelehrten gehört, im selben Bette [getragen zu werden]. R. Jehuda sagte nämlich im Namen Rabhs: Woher, daß es zur Ehrung des Gelehrten gehört, im selben Bette [getragen zu werden]? Es heißt: und sie luden die Bundeslade Gottes auf einen neuen Wagen. Darauf erweiterten sie die Türöffnung und trugen ihn hinaus.
12Da begann R. Abba und sprach über ihn: Unser Meister war würdig, daß die Göttlichkeit auf ihm ruhe, nur hat Babylonien dies verschuldet.
13R. Naḥman b. Hisda, manche sagen, R. Ḥanan b. Ḥisda wandte ein: Da erging das Wort des Herrn an Jeḥezqel, den Sohn Buzis, den Priester, im Lande Kasdim!?
14Da klapste ihn sein Vater mit seiner Sandale und sprach: Habe ich dir etwa nicht gesagt, daß du die Welt nicht behelligen sollst: ‘erging’ heißt: es erging einmal.
15Als man ihn [nach Palästina] hin auf brachte, berichtete man R. Ami und R. Asi, R. Hona komme. Da sprachen sie: Als wir dort waren, konnten wir vor ihm den Kopf nicht erheben, jetzt, wo wir hier sind, folgt er uns.
16Man erwiderte ihnen: Sein Sarg kommt. R. Ami und R. Asi gingen ihm entgegen, R. Ila und R. Ḥanina gingen ihm nicht entgegen. Manche sagen, R. Ila ging ihm entgegen, R. Ḥanina ging ihm nicht entgegen. –
17Was war der Grund desjenigen, der ihm entgegenging? – Es wird gelehrt: Wenn ein Sarg von Ort zu Ort geführt wird, so stelle man sich in einer Reihe auf, spreche über ihn den Trauersegen und Trostworte an die Leidtragenden. – Was war der Grund desjenigen, der ihm nicht entgegenging? – Es wird gelehrt: Wenn ein Sarg von Ort zu Ort geführt wird, so braucht man nicht sich in einer Reihe aufzustellen, den Trauersegen zu sprechen und Trostworte an die Leidenden zu richten. –
18[Die Lehren] widersprechen ja einander!? – Das ist kein Widerspruch; das eine, wenn der Leichnam noch erhalten ist, das andere, wenn der Leichnam nicht mehr erhalten ist. – Der Leichnam R. Honas war ja noch erhalten, weswegen ist [der eine] ihm nicht entgegengegangen? – Man hatte es ihm nicht gesagt.
19Hierauf berieten sie, wo man ihn lege. R. Hona verbreitete die Tora in Jisraél und R. Ḥija verbreitete die Tora in Jisraél. –
20Wer soll ihn [in die Gruft] bringen? Da sprach R. Ḥaga: Ich bringe ihn hinein; ich habe mit achtzehn Jahren den ganzen Talmud beendet, habe nie Pollution gehabt, auch habe ich bei ihm famuliert und ich kenne seine Werke. Einst drehte sich ihm der Riemen der Tephillin um, und er verweilte dieserhalb vierzig Tage im Fasten.
21Als er ihn [in die Gruft] brachte, lagen Jehuda rechts und Ḥizqija links von ihrem Vater [R. Ḥija]. Da sprach Jehuda zu Ḥizqija: Steh auf von deinem Platze, es ist nicht schicklich [zu liegen], wo R. Hona draußen ist. Als dieser aufstand, erhob sich mit ihm eine Feuersäule, und R. Ḥaga bemerkte dies und erschrak; da stellte er den Sarg vor und ging hinaus. Und weil er den Sarg R. Honas vorgestellt hatte, passierte ihm nichts.
22Als die Seele R. Ḥisdas zur Ruhe einkehrte, wollte man eine Torarolle auf sein Bett legen, da sprach R. Jiçḥaq zu ihnen: Sollte man mit ihm gegen die Ansicht seines Lehrers verfahren!?
23Sie glaubten, den Riß nicht zusammenheften zu dürfen; da sprach R. Jiçḥaq b. Ami zu ihnen: Sobald man das Gesicht von der Bahre des Gelehrten abgewendet hat, darf man den Riß zusammenheften.
24Als die Seelen des Rabba b. Hona und des R. Hamnuna zur Ruhe einkehrten, führte man sie nach dort
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.