Moed Katan — Blatt 26a

1In folgenden Fällen darf der Riß nicht zusammengenäht werden: wenn man das Gewand einreißt über seinen Vater, seine Mutter, seinen Lehrer, der ihn die Tora lehrte, einen Fürsten oder ein Gerichtsoberhaupt, über böse Nachrichten, über die Gotteslästerung, über das Verbrennen einer Torarolle, über [die Zerstörung] judaischer Städte, des Tempels und Jerušalems. Man reiße [das Gewand] ein wegen [der Zerstörung] des Tempels und erweitere [den Riß] wegen der Jerušalems. –

2Woher dies von Vater, Mutter und Lehrer, der ihn die Tora lehrte? – Es heißt: als Eliša͑ das sah, schrie er: Vater, Vater, du Jisraéls Wagen und. Reiter. ‘Vater, Vater’ deutet auf Vater und Mutter, ‘Jisraéls Wagen und Reiter’ deutet auf einen Lehrer, der ihn die Tora lehrte. –

3Wieso ist dies hieraus erwiesen? – Nach der Paraphrase R. Josephs: Meister, Meister, der du durch dein Gebet für Jisraél besser warst als Wagen und Reiter. –

4Woher, daß [der Riß] nicht zusammengenäht werden dürfe? – Es heißt : da erfaßte er seine Kleider und zerriß sie in zwei Stücke. Wenn es heißt: ‘und zerriß sie’, so weiß ich ja, daß er sie entzweiriß!? Vielmehr lehrt dies, daß es für immer entzweigerissen bleiben müsse.

5Reš Laqiš sprach zu R. Joḥanan: Elijahu lebt ja noch!? Dieser erwiderte: Da es heißt: und er sah ihn nicht mehr, so galt er für ihn als tot. –

6Woher dies von Fürsten, Gerichtsoberhäupten und bösen Nachrichten? – Es heißt: da erfaßte David seine Kleider und zerriß sie, desgleichen alle Männer seiner Umgebung, und sie trauerten, weinten und fasteten bis zum Abend um Šaúl und seinen Sohn Jonathan und um das Volk des Herrn und um das Haus Jisraél, weil sie durchs Schwert gefallen waren.

7Von Šaúl ist es hinsichtlich des Fürsten, von Jonathan hinsichtlich des Gerichtsoberhauptes und vom Volke des Herrn und dem Hause Jisraél hinsichtlich böser Nachrichten zu entnehmen.

8Rabh b. Šaba sprach zu R. Kahana: Vielleicht nur dann, wenn alles zusammen!? Dieser erwiderte: [Die Wiederholung des Wortes] um trennt [die einzelnen Ereignisse]. –

9Muß man denn wegen böser Nachrichten [das Gewand] einreißen, als man Šemuél erzählte, der König Sapor habe zwölftausend Juden getötet, riß er das Gewand nicht ein!? – Sie sagten es nur von der Mehrheit des Volkes, wie bei jenem Ereignisse. –

10Aber tötete denn der König Sapor Juden, er sagte ja einst zu Šemuél: Möge es mir [zugute] kommen, daß ich nie einen Juden getötet habe!? – In jenem Falle hatten sie es selbst verschuldet. R. Ami erzählte nämlich, durch das Geräusch der Harfen an der Furt zu Cäsarea platzten die Mauern von Laodicea. –

11Woher dies von der Gotteslästerung? – Es heißt: darauf kamen Eljaqim, der Sohn Ḥilqijas, der dem Palast Vorstand, und Šebna der Schreiber, und Joáḥ, der Sohn Asaphs, der Kanzler, mit zerrissenen Kleidern zu Ḥizqijahu.

12Die Rabbanan lehrten: Sowohl der Hörende, als auch der vom Hörenden Hörende muß das Gewand einreißen; die Zeugen aber brauchen nicht einzureißen, da sie bereits beim Hören eingerissen haben. –

13Was nützt denn das, was sie beim Hören getan haben, sie hören es ja auch jetzt!? – Es leuchtet nicht ein, denn es heißt: und als der König Ḥizqijahu das hörte, zerriß er seine Kleider; nur der König zerriß seine Kleider, jene aber zerrissen [die Kleider] nicht. –

14Woher, daß der Riß nicht zusammengenäht werden darf? – Dies ist durch das auch bei David gebrauchte [Wort] zerriß zu entnehmen. –

15Woher dies von einer Torarolle, die verbrannt wird? – Es heißt: und als Jehudi drei oder vier Sätze vorgelesen hatte, zerschnitt jener sie mit dem Federmesser und warf sie in das Feuer auf dem Kohlenbecken &c. – Was sind es für drei oder vier Sätze? –

16Sie erzählten Jehojaqim, Jirmeja habe ein Buch mit Klageliedern geschrieben, und er fragte sie, was darin geschrieben stehe. – Ach wie einsam liegt. Dieser sprach: Ich bin König. Sie erwiderten: Sie weint und weint in der Nacht. – Ich bin König. – Ausgewandert ist Jehuda vor Elend. – Ich bin König. – Die Wege nach Çijon trauern. – Ich bin König. –

17Ihre Bedränger sind zu Häuptern geworden. Hierauf fragte er: Wer sagte dies? – Um der Menge ihrer Sünden willen. Da schnitt er sofort die darin befindlichen Gottesnamen aus und verbrannte sie im Feuer. Deshalb heißt es: sie erschraken aber nicht, noch zerrissen sie ihre Kleider, wonach sie ihre Kleider zerreißen sollten.

18R. Papa sprach zu Abajje: Vielleicht nur wegen der bösen Nachrichten!? Dieser erwiderte: Gab es denn damals schon böse Nachrichten!?

19R. Helbo sagte im Namen R. Honas: Wer eine Torarolle zerreißen sieht, muß zweimal [das Gewand] einreißen, einmal wegen des Pergamentes und einmal wegen der Schrift, denn es heißt: nachdem der König die Rolle und die Worte verbrannt hatte.

20R. Abba und R. Hona b. Ḥija saßen einst beisammen, und als R. Abba, da er austreten wollte, seine Tephillin aufs Kissen legte, kam ein Strauß und wollte sie wegschnappen.

21Da sprach er: Jetzt könnte ich zweimal einzureißen verpflichtet sein. Jener fragte: Wie kommst du dazu? Mir selbst passierte so etwas, und ich wandte mich an R. Mathna, und er wußte es nicht, darauf wandte ich mich an R. Jehuda, und er sprach zu mir: Folgendes sagte Šemuél: nur wenn es gewaltsam erfolgt, wie bei jenem Ereignisse.

22Woher dies von [der Zerstörung] judäischer Städte? – Es heißt: da kamen Leute aus Šekhem, aus Šilo und aus Šomron, achtzig Mann, mit abgeschorenen Bärten und zerrissenen Kleidern und mit Einritzungen bedeckt, die Speisopfer und Weihrauch bei sich hatten, um sie zum Tempel des Herrn zu bringen &c.

23R. Ḥelbo sagte im Namen des U͑la Biraá, im Namen R. Elea͑zars: Wer judäische Städte in ihrer Zerstörung sieht, spreche: die Städte Jehudas sind zur Wüste geworden, und reiße [die Kleider] ein. Wer Jerušalem in seiner Zerstörung sieht, spreche: Çijon ist zur Wüste geworden, Jerušalem zur Einöde, und reiße [die Kleider] ein. Wer den Tempel in seiner Zerstörung sieht, spreche: Unser heiliges und herrliches Haus, in welchem unsere Väter dich lobpriesen, ist in Flammen aufgegangen, und alles, was uns köstlich war, ist ein Trümmerhaufe geworden, und reiße [die Kleider] ein.

24«Man reiße das Gewand ein wegen [der Zerstörung] des Tempels und erweitere [den Riß] wegen der Jerušalems.» Ich will auf einen Widerspruch hinweisen: Einerlei ob man gehört oder gesehen hat, sobald man in Çophim anlangt, muß man [das Gewand] einreißen; man reiße ein wegen [der Zerstörung] des Tempels besonders und wegen der Jerušalems besonders!? –

25Das ist kein Widerspruch; eines, wenn man zuerst den Tempel sieht, und eines, wenn man zuerst Jerušalem sieht.

26Die Rabbanan lehrten: Diese alle dürfen [den Riß] zusammenheften, zusammenfalten, zusammenketteln und leiterartig zusammenstechen, jedoch nicht zusammennähen.

27R. Ḥisda sagte:

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.