Nasir — Blatt 4b

1und er bringt das Unreinheitsopfer nicht dar. –

2Er braucht also nur das Opfer nicht darzubringen, wohl aber ist er diesbezüglich Nazir,

3somit vertritt ja unsere Mišna weder die Ansicht R. Jehudas noch die des R. Šimo͑n!? Es wird nämlich gelehrt: R. Jehuda sagt, ein Nazir wie Šimšon dürfe sich an Toten verunreinigen, denn wir finden, daß Šimšon sich verunreinigt hat. R. Šimo͑n sagt, wenn jemand sagte, er wolle ein Nazir wie Šimšon sein, habe er nichts gesagt, denn wir finden nirgends, daß aus dem Munde Šimšons ein Nazirgelübde gekommen sei.

4Wessen Ansicht: wenn die des R. Jehuda, so erlaubt er es ja auch von vornherein, während unsere Mišna von dem Falle spricht, wenn er unrein geworden ist, und wenn die des R. Šimo͑n, so wird er ja vom Nazirate überhaupt nicht erfaßt. –

5Tatsächlich die des R. Jehuda, da sie aber vom lebenslänglichen Nazir ‘wenn er unrein wird’ lehrt, so lehrt sie auch vom Nazir wie Šimšon ‘wenn er unrein wird’. –

6Es wäre anzunehmen, daß sie den Streit der folgenden Tannaím führen: Wir haben gelernt: [Sagte jemand:] diessei mir wie Erstgeborenes, so ist es ihm nach R. Ja͑qob verboten und nach R. Jose erlaubt.

7Wahrscheinlich ist R. Jehuda der Ansicht R. Ja͑qobs, welcher sagt, es brauche keine Sache zu sein, die erst durch Gelübde [verboten wird], und R. Šimo͑n der Ansicht R. Joses, welcher sagt, es müsse eine Sache sein, die erst durch Gelübde [verboten wird]. –

8Nein, alle sind der Ansicht, es müsse eine Sache sein, die erst durch Gelübde [verboten wird], nur ist das Erstgeborene anders, denn es heißt:für den Herrn, und dies schließt das Erstgeborene ein. –

9Und R. Jose!? – Er kann dir erwidern: [die Worte] für den Herrn schließen Sündopfer und Schuldopfer ein. –

10Was veranlaßt dich, Sündopfer und Schuldopfer einzuschließen und das Erstgeborene auszuschließen? – Ich schließe Sündopfer und Schuldopfer ein, die vom Gelübde erfaßt werden, und ich schließe das Erstgeborene aus, das nicht vom Gelübde erfaßt wird.

11Und R. Ja͑qob!? – Er kann dir erwidern: auch das Erstgeborene wird vom Gelübde erfaßt, denn es wird gelehrt: Im Hause unseres Meisters sagten sie: Woher, daß, wenn einem in seiner Herde ein Erstgeborenes geworfen wird, es Gebot sei, es zu weihen? Es heißt:das Männliche sollst du heiligen. –

12Und R. Jose!? – Er kann dir erwidern: zugegeben, daß es Gebot ist, es zu heiligen, aber ist sie etwa nicht heilig, auch wenn man sie nicht geheiligt hat!? –

13Auch beim Nazir heißt es ja:für den Herrn!? –

14Dies ist wegen der folgenden Lehre nötig: Šimo͑n der Gerechte sagte: Nie im Leben aß ich vom Schuldopfereines unreinen Nazirs, außer im folgenden Falle. Einst kam zu mir ein Mann aus dem Süden, hübschäugig, schön von Gestalt, und die Locken in Krausen herabwallend. Ich sprach zu ihm: Mein Sohn, was veranlaßte dich, dies schöne Haar zu verunstalten?

15Er erwiderte mir: Hirte bei meinem Vater war ich daheim; als ich einst Wasser schöpfen ging und mein Spiegelbild in der Quelle betrachtete, überfiel mich der böse Trieb und wollte mich aus der Welt verstoßen. Da sprach ich zu ihm: Wicht, weshalb stolzierst du mit einer Welt, die nicht dein ist; dein Ende ist Moder und Gewürm! Beim Kult, ich schere dich im Namen des Himmels.

16Hierauf stand ich auf, küßte ihn aufs Haupt und sprach zu ihm: Viele mögen der Naziräer deinesgleichen in Jisraél sein! Deinetwegen spricht die Schrift: Wenn jemand ein Nazirgelübde ausspricht, dem Herrn gesondert zu sein.

17War etwa Šimšon kein gelobter Nazir, es heißt ja:denn vom Mutterleibe an soll der Knabe ein Nazir Gottes sein!? – Dies hatte der Engel gesagt. –

18Woher, daß er sich an Toten verunreinigte; wollte man sagen, weil es heißt:mit einer Eselskinnlade habe ich tausend Mann erschlagen, so kann er sie ja auf diese geschleudert und sie nicht berührt haben!? –

19Vielmehr, hieraus:er erschlug von ihnen dreißig Mann und zog ihnen die Kleider ab. – Vielleicht zog er ihnen zuerst die Kleider ab und tötete sie nachher!? – Es heißt: erschlug, und zog. –

20Vielleicht machte er sie nur totverletzt!? – Vielmehr, dies ist eine Überlieferung.

21Wo ist diesvom lebenslänglichen Nazir in der Schrift zu finden? – Es wird gelehrt: Rabbi sagte: Abšalom war lebenslänglicher Nazir, denn es heißt:nach Verlauf von vierzig Jahren sprach Abšalom zum Könige: Ich möchte gehen und mein Gelübde, das ich dem Herrn gelobthabe, in Ḥebron einlösen. Er schor sich einmal in zwölf Monaten, denn es heißt: es geschah nach Ablauf eines jeden Jahres [jamim],

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.