Nedarim — Blatt 16a
1GEMARA. Unsere Mišnavertritt somit die Ansicht R. Meírs, denn R. Jehuda unterscheidet ja nicht zwischen ‘Opfer’ und ‘das Opfer’;
2wie ist nun der Schlußsatz zu erklären: nicht Opfer, was ich deines nicht esse, so ist es ihm erlaubt. Wir haben ja gelernt, daß, wenn [jemand sagt:] nicht Opfer, was ich deines nicht esse, es ihm nach R. Meír verboten sei, und R. Abba erklärte, es sei ebenso, als würde er sagen: es sei Opfer, darum esse ich es nicht!? –
3Das ist kein Einwand; das eine, wenn er ‘als Opfer’ sagt, und das andere, wenn er ‘nicht Opfer’ sagt; er meinte: es sei nicht Opfer.
4SAGT JEMAND:] EIN SCHWUR, DASS ICH DEINES NICHT ESSE, DIESER SCHWUR, WENN ICH DEINES ESSE, KEIN SCHWUR, WENN ICH DEINES NICHT ESSE, SO IST ES IHM VERBOTEN.
5GEMARA. [Die Wendung] ‘dieser Schwur, wenn ich deines esse’ heißt demnach: ich werde nicht essen; ich will auf einen Widerspruch hinweisen: Es gibt zwei Arten Schwüre, die in vier zerfallen: daß ich essen werde, und: daß ich nicht essen werde, daß ich gegessen habe, und: daß ich nicht gegessen habe. Wenn es heißt: daß ich nicht essen werde, (daß ich gegessen habe,) und: daß ich nicht gegessen habe, so ist ja unter ‘wenn ich deines esse’ zu verstehen: ich werde essen!?
6Abajje erwiderte: [Die Wendung] ‘wenn ich esse’ hat zwei Deutungen. Wenn man einen zu essen nötigt, und er sagt: ich esse, ich esse, und weiter sagt: ein Schwur, wenn ich esse, so heißt dies: ich werde essen; wenn er aber sagt: ich esse nicht, ich esse nicht, und weiter sagt: ein Schwur, wenn ich esse, so heißt dies: ich werde nicht essen.
7R. Aši erklärte: ‘Wenn ich esse’, falls er sagt: ein Schwur, daß ich nichtesse. – Demnach ist dies ja selbstverständlich, wozu braucht dies gelehrt zu werden!? – Man könnte glauben, essei nur eine Zungenentgleisung, so lehrt er uns.
8Abajje erklärt nicht wie R. Aši, denn es heißt nicht ‘daß ich nicht esse’,
9und R. Aši lehnt die Erklärung Abajjes ab, denn er ist der Ansicht, auch [die Wendung] ‘wenn ich nicht esse’ habe zwei Deutungen. Wenn man einen zu essen nötigt, und er sagt: ich esse nicht, ich esse nicht, und weiter sagt: ein Schwur, einerlei ob [er dazu sagt:] wenn ich esse, oder: wenn ich nicht esse, so ist dies zu verstehen: ich werdeessen.
10Ebenso ist die Wendung ‘ein Schwur, wenn ich nicht esse’ zu verstehen: ein Schwur, daß ich nicht esse. Der Autor aber normiert: ‘wenn ich esse’ heiße: ich werde essen, und ‘wenn ich nicht esse’ heiße: ich werde nicht essen.
11HIERIN IST ES BEI SCHWÜREN STRENGER ALS BEI GELÜBDEN; IN MANCHEM ABER IST ES BEI GELÜBDEN STRENGER ALS BEI SCHWÜREN, UND ZWAR: [SAGT JEMAND:] QONAM SEI DIE FESTHÜTTE, DIE ICH MACHEN, DER FESTSTRAUSS, DEN ICH NEHMEN, DIE TEPHILLIN, DIE ICH ANLEGEN SOLLTE, SO IST ES IHM, WENN ALS GELÜBDE, VERBOTEN, UND WENN ALS SCHWUR, ERLAUBT, WEIL MAN NICHT SCHWÖREN KANN, GEBOTE ZU ÜBERTRETEN.
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.