Nedarim — Blatt 22a
1hätte ihre Mutter nicht an ihr zu unterlassende Dinge gesehen, so würde sie ihr nicht grundlos den Genuß abgelobt haben? Diese erwiderte: Nein. Da löste er es ihr auf.
2Einst kam der Sohn der Tochter R. Jannaj des Greisen zu R. Jannaj dem Großen, und dieser sprach zu ihm: Würdest du gelobt haben, wenn du gewußt hättest, daß man dein Buch aufschlagen und deine Werke untersuchenwird? Jener erwiderte: Nein. Da löste er es ihm auf.
3R. Abba sagte: Hierauf deutet folgender Schriftvers:nach Gelübden zu untersuchen. Aber obgleich R. Jannaj diesem damit einen Ausweg geöffnethat, tun wir dies nicht mit diesem
4und nicht mit jenem anderen. Rabba b. Bar Ḥana sagte nämlich im Namen R. Joḥanans: Mit folgendem [Schriftverse] öffnete R. Gamliél jenem Greis einen Ausweg:Mancher stößt Worte wie Schwertstiche aus, aber die Zunge der Weisen ist Heilung; wer Worteausstößt, den sollte man mit einem Schwerte niederstechen. Die Zunge der Weisen aber ist Heilung.
5Man öffne auch keinen Ausweg mit folgender Lehre: R. Nathan sagte: Wenn jemand gelobt, so ist es ebenso, als würde er eine Opferhöhe bauen, und wenn er es einlöst, so ist es ebenso, als würde er darauf ein Opfer darbringen. Mit dem Anfangsatzeöffne man ihm, mit dem Schlußsatzeöffne man ihm, wie Abajje sagt, wohl, und wie Raba sagt, nicht.
6So trug R. Kahane diese Lehre vor; R. Tabjomi trug sie wie folgt vor: Mit dem Schlußsatze öffne man ihm nicht, mit dem Anfangsatze öffne man ihm, wie Abajje sagt, wohl, und wie Raba sagt, nicht. Die Halakha ist, man öffne ihm weder mit dem Anfangsatze noch mit dem Schlußsatze.
7Man öffne ihm auch nicht mit der folgenden Lehre Šemuéls, denn Šemuél sagte: Auch wenn man [das Gelübde] einlöst, heiße man Frevler. R. Abahu sagte: Hierauf deutet folgender Schriftvers: wenn du zu geloben vermeidest, so wird an dir keine Sünde sein, und es ist aus [dem Ausdrucke] ‘vermeiden’ zu folgern: hier heißt es: wenn du zu geloben vermeidest, und dortheißt es: da vermieden die Frevler zu toben.
8R. Joseph sagte: Auch wir haben demgemäß gelernt: [Sagt jemand:] wie das Gelobte der Redlichen, so hat er nichts gesagt, [sagt er:] wie das Gelobte der Frevler, so ist dies ein Gelübde des Nazirates, des Opfers und des Eides.
9R. Šemuél b. Naḥmani sagte im Namen R. Jonathans: Wer in Zorn gerät, über den haben alle [Strafarten] des Fegefeuers Gewalt, denn es heißt:entferne Zorn von deinem Herzen und schaffe Unheil von deinem Leibe, und unter Unheil ist das Fegefeuer zu verstehen, denn es heißt: alles schuf der Herr zu seiner Bestimmung, auch den Frevler für den Tag des Unheils.
10Und noch mehr, auch Unterleibschmerzen haben Gewalt über ihn, denn es heißt:der Herr wird dir da ein zürnendes Herz geben, Hinschmachten der Augen und Seelenschmerz, und Unterleibschmerzen sind es, die die Augen hinschmachten machen und der Seele Schmerz bereiten.
11Als U͑la nach dem Jisraéllande hinaufzog, schlossen sich ihm zwei Ḥozäer an. Da schlachtete einer den anderen und fragte U͑la, ob er recht getan habe. Dieser erwiderte: Freilich, reiße ihm auch die Schlachtstelleauseinander. Als er später zu R. Joḥanan kam, sprach er zu ihm: Vielleicht habe ich, behüte und bewahre, die Hände der Sünder unterstützt!? Dieser erwiderte: Du hast [dadurch] dein Leben gerettet.
12Da wunderte sich R. Joḥanan: [der Schriftvers:] der Herr wird dir ein zürnendes Herz geben, gilt ja von Babylonien!? Jener erwiderte: In jener Stunde
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.