Nedarim — Blatt 25a
1Dieser erwiderte: Wer schwört, schwört in unserem Sinne, und wir denken dabei nicht an Ameisen. –
2Schwört man etwa nicht in seinem eigenen Sinne, es wird ja gelehrt: Wenn [das Gericht] einen schwören läßt, spricht man zu ihm: Wisse, daß wir dich nicht auf Grund eines Vorbehaltes in deinem Herzen schwören lassen, sondern in unserem Sinne und im Sinne des Gerichtes. Dies schließt wohl den Fall aus, wenn er an Spielmarken denkt und sie Geldnennt.
3Wenn er nun ‘in unserem Sinne’ sagt, so kann ja mancher in seinem eigenen Sinne schwören!? –
4Nein, dies schließt den vor Raba [sich ereigneten Fall] mit dem Rohrstabeaus. Einst kam jemand, der von seinem Nächsten Geld forderte, vor Raba, und er sprach zum Schuldner: Geh, bezahle es ihm. Dieser erwiderte: Ich habe es bereits bezahlt. Da sprach Raba zu ihm: So komm und schwöre, daß du es ihm bezahlt hast.
5Da ging er fort und tat das Geld in einen Rohrstab, und auf diesen gestützt kam er vor das Gericht. Alsdann sagte er zum Gläubiger, daß er ihm den Rohrstab halte, und nahm die Torarolle und schwor, daß er ihm alles zurückgezahlt, was er von ihm erhalten hatte.
6Als der Gläubiger darüber in Zorn geriet und den Rohrstab zerbrach, wurde das Geld auf die Erde geschüttet, und es stellte sich heraus, daß er die Wahrheit beschwor. –
7Aber kann man denn nicht in seinem eigenen Sinne schwören, es wird ja gelehrt: Ebenso finden wir bei unserem Meister Moše, der, als er Jisraél in A͑rboth Moab schwörenließ, zu ihnen sprach: Wisset, daß ich euch nicht in eurem Sinne schwören lasse, sondern in meinem Sinne und im Sinne Gottes, denn es heißt:aber nicht euch allein &c.
8Moše sprach wohl zu Jisraél wie folgt: vielleicht tut ihr etwas und sagt, ihr habt in eurem Sinne [geschworen]? Daher sagte er zu ihnen: in meinem Sinne. Dies schließt wohl die Möglichkeit aus, sie könnten Götzen mit dem Namen Gottbelegt haben. Demnach kann man in seinem eigenen Sinne schwören!? –
9Nein, Götzen werden tatsächlich Gott genannt, denn es heißt:und an allen Göttern von Miçrajim &c. –
10Er hätte sie doch sollen schwören lassen, die Gebote zu halten!? – Es könnten die Gebote des Königs verstanden werden. –
11Er hätte sie doch sollen schwören lassen, alle Gebote zu halten!? – Es könnte das Gebot der Çiçith verstanden werden, denn der Meister sagte, das Gebot der Çiçith wiege alle Gebote der Tora auf. –
12Er hätte sie doch sollen schwören lassen, die Tora zu halten!? – Es könnte eine Lehre verstanden werden. – Er hätte sie doch sollen schwören lassen, die Lehren zu halten. – Es könnte verstanden werden: die Lehre vom Speisopfer, die Lehre vom Sündopfer und die Lehre vom Schuldopfer. – Er hätte sie doch sollen schwören lassen, die Lehren und die Gebote zu halten!? – Unter Lehre könnte man die Lehre über das Speisopfer und unter Gebote die Gebote des Königs verstehen. –
13Er hätte sie doch sollen schwören lassen, die ganze Tora zu halten!? – Unter ‘ganze Tora’ könnte man [die Unterlassung] des Götzendienstes verstehen, denn es wird gelehrt, der Götzendienst ist so streng, daß, wenn jemand ihn verleugnet, es ebenso sei, als würde er sich zur ganzen Tora bekennen. –
14Er hätte sie doch sollen schwören lassen, [das Verbot] des Götzendienstes und die ganze Tora zu halten!? Oder auch, die sechshundertdreizehn Gesetzezu halten!? – Vielmehr unser Meister Moše wählte eine einfachere Wendung.
15WENN ICH NICHT EINE SCHLANGE WIE EIN ÖLPRESSBALKEN GESEHEN HABE. Gibt es denn so etwas nicht, zur Zeit des Königs Sapor war ja eine Schlange, der man dreizehn SäckeStroh vorwarf, die sie verschlang!? Šemuél erwiderte: Eine gerippte. – Alle Schlangen sind ja gerippt!? – Wir meinen eine, deren Rücken geripptist. –
16Sollte er doch lehren: eine gerippte!? – Er lehrt etwas nebenbei, daß nämlich ein Ölpreßbalken oben gerippt ist. – In welcher Hinsicht ist dies von Bedeutung? – Beim Kauf und Verkaufe, wenn jemand seinem Nächsten einen Ölpreßbalken verkauft, so ist [der Kauf] gültig, wenn er oben gerippt ist, sonst aber nicht.
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.