Nedarim — Blatt 3b

1daß das Nazirat das Nazirat erfasse. –

2Woher entnimmt derjenige, welcher sagt, die Tora gebrauche eine landläufige Redewendung, und [die Worte] ein Nazirgelübde, gesondert zu sein deuten darauf, daß die Ansätze von Gelübdeformeln den Gelübdeformeln gleichen, daß das Nazirat das Nazirat erfasse!? Einleuchtend ist es, wenn er der Ansicht desjenigen ist, welcher sagt, das Nazirat erfasse nicht das Nazirat, woher aber entnimmt er dies, wenn er der Ansicht desjenigen ist, welcher sagt, das Nazirat erfasse das Nazirat!?

3Die Schrift könnte ja lizor sagen, wenn es aber lehazir heißt, so ist beides zu entnehmen.

4Im Westen erklärten sie: Mancher folgert hinsichtlich der Ansätze aus [den Worten] ein Gelübde gelobt, und mancher folgert es aus [den Worten]alles, was aus seinem Munde kam, soll er tun.

5Der Meister sagte: Und wie ferner beim Gelübde ein Verbot des Entweihens und des Versäumens besteht. Allerdings kann beim Gelübde das Verbot des Entweihens vorkommen, wenn er nämlich [gelobt] hat: er werde diesen Leib essen, und ihn nicht gegessen hat, so übertrat er das Verbot, sein Wort zu entweihen;

6wieso aber kann beim Nazirat das Verbot des Entweihens vorkommen: sobald er sagt, er wolle Nazir sein, ist er Nazir, und verstößt, wenn er ißt, gegen das Verbot des Essens, und wenn er trinkt, gegen das Verbot des Trinkens!? Raba erwiderte: Er übertritt beides. –

7Wieso kann beim Nazirat das Verbot des Versäumens vorkommen; sobald er sagt, er wolle Nazir sein, ist er Nazir, und verstößt, wenn er ißt, gegen das Verbot des Essens!? – Wenn er gesagt hat, er wolle Nazir sein, sobald er es wünschen wird. – Wenn er ‘sobald er es wünschen wird’ gesagt hat, kann ja das Verbot des Versäumens nicht erfolgen!?

8Raba erwiderte: Wenn er gesagt hat, er wolle aus der Welt nicht scheiden, ohne Nazir gewesen zu sein; er ist von dieser Stunde an Nazir [zu sein verpflichtet]. Wie in folgendem Falle. Wenn [ein Priester] zu seiner Frau sagt: da hast du deinen Scheidebrief, auf daß er eine Stunde vor meinem Tode [Gültigkeit erlange], so darf sie fortan keine Hebe mehr essen. Wir sagen also, er kann jede Stunde sterben, ebenso ist er hierbei sofort Nazir, denn wir sagen, er kann jetzt sterben.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.