Nedarim — Blatt 77b
1einer Kammer des Lehrhauses stehend und nachts.
2Rabba sagte im Namen R. Naḥmans: Die Halakha ist, die Auflösung von Gelübden kann erfolgen stehend, durch einen einzelnen, nachts, am Šabbath, durch Verwandte, und [am Šabbath], auch wenn dafür am Tage Zeit war. –
3Wieso stehend, es wird ja gelehrt: Da stieg R. Gamliél vom Esel, hüllte sich ein, setzte sich nieder und löste ihm sein Gelübdeauf!? – R. Gamliél ist der Ansicht, man gebe ihm keine Anleitungzum Bereuen, vielmehr muß das Gelübde annulliert werden, und dies erfordert ein Nachdenken, daher setzte er sich nieder; R. Naḥman aber ist der Ansicht, man gebe ihm eine Anleitung zum Bereuen, somit kann es auch stehend erfolgen.
4Raba sprach zu R. Naḥman: Hat der Meister jenen Jünger gesehen, der aus dem Westen kam und erzählte, die Rabbanan hätten sich mit dem Sohne des R. Hona b. Abin befaßt und ihm sein Gelübde aufgelöst, indem sie zu ihm sprachen: geh, bete um Erbarmen für deine Seele, denn du hastgesündigt. R. Dimi, der Bruder R. Saphras, lehrte nämlich: Wer ein Gelübde tut, auch wenn er es hält, heißt Sünder. R. Zebid sagte: Hierauf deutet folgender Schriftvers:wenn du zu geloben vermeidest, wird an dir keine Sünde sein; wenn du aber nicht vermeidest, ist eine Sünde vorhanden.
5Es wird gelehrt: Wenn jemand zu seiner Frau sagt: jedes Gelübde, das du tust: ich will nicht, daß du gelobest, [oder:] es sei kein Gelübde, so hat er nichts gesagt; [sagt er:] du hast recht getan, ichhätte es ebenso getan, hättest du nicht gelobt, so würde ich dich mit dem Gelübde belegt haben, so sind seine Worte gültig.
6Man sage am Šabbath nicht zu seiner Frau: es sei dir aufgehoben, es sei nichtig, wie man zu ihr am Wochentage sagt, vielmehr sage man ihr: nimmund iß, nimm und trink, und das Gelübde wird von selbst nichtig. R. Joḥanan sagte: Jedoch muß man im Herzen [das Gelübde] als nichtig erklären.
7Es wird gelehrt: Die Schule Šammajs sagt, am Šabbath erkläre man es im Herzen als nichtig, am Wochentage bringe man es mit den Lippen hervor; die Schule Hillels sagt, an diesem und an jenem erkläre man es im Herzen als nichtig, und man brauche es nicht mit den Lippen hervorzubringen.
8R. Joḥanan sagte: Wenn der Gelehrtedie Formel des Ehemannes oder der Ehemann die Formel des Gelehrtengebraucht, so hat er nichts gesagt.
9Es wird nämlich gelehrt:Das ist das Wort; der Gelehrte kann [ein Gelübde] auflösen, nicht aber kann der Ehemann esauflösen. Man könnte nämlich [folgern:] wenn der Gelehrte, der es nicht aufheben kann, es auflösen kann, wie sollte der Ehemann, der es aufheben kann, es nicht auflösen können!? Daher heißt es:
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.