Nidda — Blatt 16b
1GEMARA. Die Rabbanan lehrten: Obgleich sie gesagt haben, wer den Geschlechtsakt vor dem Scheine des Lichtes vollzieht, sei abscheulich, sagt die Schule Šammajs dennoch, sie brauche zu jedem Geschlechtsakte zwei Wischlappen oder sie vollziehe den Geschlechtsakt beim Scheine des Lichtes. Die Schule Hillels sagt, sie habe mit zwei Wischlappen für die ganze Nacht genug.
2Es wird gelehrt: Die Schule Šammajs sprach zu der Schule Hillels: Nach euerer Ansichtist ja zu berücksichtigen, sie könnte beim ersten Geschlechtsakte einen senfgroßen Tropfen ausstoßen und er beim zweiten Geschlechtsakte mit Samen bedeckt werden!?
3Die Schule Hillels erwiderte: Auch nach euerer Ansicht ist ja zu berücksichtigen, der Speichel kann ja noch im Mundezerrieben werden!?
4Diese erwiderte: Es ist nicht gleich, ob er einmal zerrieben wird oder er zweimal zerrieben wird.
5Es wird gelehrt: R. Jehošua͑ sagte: Mir leuchten die Worte der Schule Šammajs ein. Seine Schüler sprachen zu ihm: Meister, du hast es uns ausgedehnt. Er erwiderte ihnen: Ich will es euch auf dieser Welt ausdehnen, damit euere Tage in der zukünftigen Welt ausgedehnt werden.
6R. Zera sagte: Aus den Worten von diesen allen lernen wir, daß ein Mann von Seelenicht den Geschlechtsakt vollziehe und wiederhole.
7Raba sagt, man dürfe den Geschlechtsakt vollziehen und wiederholen, denn jene Lehre spricht von der Reinheit.
8Ebenso wird auch gelehrt: Dies nur hinsichtlich der Reinheit, ihrem Manne aber ist sie erlaubt. Ferner gilt dies nur von dem Falle, wenn er sie in der Annahme der Reinheit zurückgelassen hat, wenn er sie aber in der Annahme der Unreinheit zurückgelassen hat, bleibt sie solange in ihrem Zustande, bis sie zu ihm sagt, sie sei rein.
9R. Abajje sagte im Namen des R. Ḥija b. Aši im Namen Rabhs: Wenn sie sich [vorher] mit einem Wischlappen untersucht hat und er abhanden gekommen ist, so ist ihr der Geschlechtsakt verboten, bis sie sich untersucht hat. R. Ila wandte ein: Darf sie denn, wenn er vorhanden ist, den Geschlechtsakt nicht vollziehen, auch wenn sie es nichtweiß!? Somit darf sie auch jetzt den Geschlechtsakt vollziehen.
10Raba erwiderte ihm: Für diese ist der Beweis vorhanden, für jene ist der Beweis nicht vorhanden.
11R. Joḥanan sagte: Es ist verboten, den Geschlechtsverkehr am Tage zu pflegen. R. Hamnuna Sprach: Hierauf deutet folgender Schriftvers:es schwinde der Tag, an dem ich geboren ward, und die Nacht, in der gesprochen ward: empfangen ist ein Männliches; die Nacht ist für die Empfängnis bestimmt, der Tag aber ist nicht für die Empfängnis bestimmt.
12Reš Laqiš sagte: Hieraus:wer seinen Wandel schändet, stirbt — Wofür verwendet Reš Laqiš den Vers des R. Joḥanan? — Diesen verwendet er für eine Auslegung des R. Ḥanina b. Papa, denn R. Ḥanina b. Papa trug vor: Der Engel, der über die Schwangerschaft gesetzt ist, heißt Nacht. Er holt den Tropfen, legt ihn vor den Heiligen, gepriesen sei er, und spricht vor ihm: Herr der Welt, was soll aus diesem Tropfen werden: ein Held oder ein Schwächling, ein Weiser oder ein Tor, ein Reicher oder ein Armer.
13Er sagt aber nicht: ein Frevler oder ein Gerechter. Dies nach R. Ḥanina, denn R. Ḥanina sagte: Alles wird durch den Himmel [bestimmt], ausgenommen die Gottesfurcht, denn es heißt:und nun, Jisraél, was verlangt der Herr, dein Gott, von dir, als daß du fürchtest &c. —
14Und R. Joḥanan!? — Der Schriftvers könnte ja lauten ein Männliches empfangen, wenn es aber empfangen ist ein Männliches heißt, so besagt dies: die Nacht ist für die Empfängnis bestimmt, der Tag aber ist nicht für die Empfängnis bestimmt. —
15Wofür verwendet R. Joḥanan den Vers des Reš Laqiš!? — Diesen verwendet er für folgendes. Im Buche des Ben Sira steht geschrieben: Drei, die ich hasse, und vier, die ich nicht liebe: ein Fürst, der in Gasthäusern weilt, — manchelesen: ein Fürst, der schwatzt, und manche lesen: ein Fürst, der zankt, —
16wer sich auf den Höhen der Stadt niederläßt, wer das Glied anfaßt und uriniert, und wer in das Haus seines Nächsten plötzlich eintritt. R. Joḥanan sagte: Selbst in sein eigenes Haus.
17R. Šimo͑n sagte: Vier, die der Heilige, gepriesen sei er, haßt, und ich liebe sie nicht: wer plötzlich in sein Haus eintritt, und um so mehr in das Haus seines Nächsten, wer das Glied anfaßt und uriniert,
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.