Nidda — Blatt 31a

1Welcher Schriftvers deutet hierauf?Vom Leibe meiner Mutter her bist du mein Befreier. — Wieso ist es erwiesen, daß Befreien den Begriff ‘schwören’ hat? — Es heißt:befreie dich von deinem Haarschmuckeund wirf ihn fort.

2Ferner sagte R. Elea͑zar: Das Kind im Leibe der Mutter gleicht einer Nuß in einer Schale Wasser; tippt man darauf mit dem Finger, so rutscht sie hin und her.

3Die Rabbanan lehrten: In den ersten drei Monaten wohnt das Kind in der untersten Wohnung, in den mittelsten wohnt es in der mittelsten Wohnung und in den letzten wohnt es in der obersten Wohnung. Kommt seine Zeit zum Herauskommen, so dreht es sich um und kommt heraus. Das sind die Schmerzen des Weibes.

4Das ist es, was wir gelernt haben: Die Schmerzen des Weibessind größer als die des Mannes.

5Hierzu sagte R. Elea͑zar: Welcher Schriftvers deutet hierauf?Da ich entstand im Verborgenen, gewirkt ward in den Tiefen der Erde; es heißt nicht gewohnt habe, sondern gewirkt wurde. —

6Wieso sind die Schmerzen des Weibes größer als die des Mannes? — Er auf seine Begattungsartund sie auf ihre Begattungsart; sie muß sich mit dem Gesichteumdrehen, er braucht sich nicht mit dem Gesichte umzudrehen.

7Die Rabbanan lehrten: In den ersten drei Monaten ist der Geschlechtsakt unzuträglich für das Weib und unzuträglich für das Kind, in den mittelsten ist er unzuträglich für das Weib und zuträglich für das Kind, in den letzten ist er zuträglich für das Weib und zuträglich für das Kind, denn dadurch wird das Kind zart und munter.

8Es wird gelehrt: Wenn jemand den Geschlechtsakt um den neunzigsten Tag vollzieht, so ist es ebenso, als würde er Blut vergießen. — Woher weiß man dies? Vielmehr, sagte Abajje, vollziehe man den Geschlechtsakt unbeschränkt, und:der Herr behütet die Einfältigen.

9Die Rabbanan lehrten: Drei Gemeinschafter sind am Menschenbeteiligt: der Heilige, gepriesen sei er, sein Vater und seine Mutter. Sein Vater säet das Weiße an ihm, woraus die Knochen, die Sehnen, die Nägel, das Hirn in seinem Kopfe und das Weiße am Auge entstehen; seine Mutter säet das Rote an ihm, woraus die Haut, das Fleisch, die Haare und das Schwarze am Auge entstehen; und der Heilige, gepriesen sei er, gibt ihm Geist und Seele, Gesichtsform, das Sehen des Auges, das Hören des Ohres, das Reden des Mundes, das Gehen der Füße, Kenntnis, Einsicht und Verstand.

10Kommt seine Zeit, aus der Welt zu scheiden, so nimmt der Heilige, gepriesen sei er, seinen Teil, und den Teil seines Vaters und seiner Mutter läßt er ihnen zurück. R. Papa sagte: Das ist es, was die Leute zu sagen pflegen: nimm das Salz, und wirf das Fleisch vor die Hunde.

11R. Ḥenana b. Papa trug vor: Es heißt:er tut Großes, das nicht zu fassen, und Wunder, die nicht zu zählen. Komm und sieh, wie anders ist die Handlungsweise des Heiligen, gepriesen sei er, als die Handlungsweise eines [Menschen aus] Fleisch und Blut. Ein [Mensch aus] Fleisch und Blut legt eine Sache in einen verbundenen Schlauch mit der Mündung nach oben, und doch ist es zweifelhaft, ob sie darin verwahrt bleibt oder nicht verwahrt bleibt; aber der Heilige, gepriesen sei er, bildet die Geburt im Leibe des Weibes, der offen ist mit der Mündung nach unten, und doch bleibt sie verwahrt.

12Eine andere Auslegung. Ein Mensch legt seine Sachen auf die Wagschale, und je schwerer sie sind, desto tiefer sinken sie hinunter, aber der Heilige, gepriesen sei er, [bildet die Geburt im Leibe des Weibes], und je schwerer sie wird, desto höher steigt sie nach oben.

13R. Jose der Galiläer trug vor: Es heißt:ich preise dich, daß ich so wundervoll ausgezeichnet bin; wunderbar sind deine Werke, und meine Seele erkennt es wohl. Komm und sieh, wie anders ist die Handlungsweise des Heiligen, gepriesen sei er, als die Handlungsweise eines [Menschen aus] Fleisch und Blut. Ein Mensch tut Saaten in das Beet, und jede kommt nach ihrer Art hervor; aber der Heilige, gepriesen sei er, bildet die Geburten im Leibe des Weibes, und alle kommen sie in derselben Art hervor.

14Eine andere Auslegung. Ein Färber tut verschiedene Ingredienzen in den Kessel, und aus allen kommt eine einzige Farbe hervor; aber der Heilige, gepriesen sei er, bildet die Geburten im Leibe des Weibes, und jede kommt nach ihrer Art hervor.

15R. Joseph trug vor: Es heißt:ich danke dir, o Herr, daß du mir gezürnt hast, nun wendet sich dein Zorn und du tröstest mich. Wovon spricht der Schriftvers?

16Von zwei Menschen, die zum Handel ausgereist waren; einem geriet aber ein Dorn in den Fuß, und er begann zu lästern und zu fluchen; als er aber nach Tagen hörte, daß das Schiff seines Nächsten im Meere untergegangen sei, begann er zu danken und zu preisen. Darum heißt es: nun wendet sich dein Zorn und du tröstest mich.

17Das ist es, was R. Elea͑zar gesagt hat: Es heißt:er allein tut Wunder, und gepriesen sei sein herrlicher Name ewiglich; selbst der, dem das Wunder geschehen, kennt das Wunder nicht.

18R. Ḥanina b. Papa trug vor: Es heißt:mein Gehen und mein Liegen richtest du, mit all meinen Wegen bist du vertraut. Dies lehrt, daß der Mensch nicht vom ganzen Tropfen erschaffen wird, sondern nur vom feinsten darin. In der Schule R. Jišma͑éls wurde gelehrt: Wie wenn ein Mensch auf der Tenne worfelt; er sucht das Eßbare heraus und läßt den Abfall zurück.

19So auch R. Abahu, denn R. Abahu wies auf einen Widerspruch hin. Es heißt:du hast mich mit Kraft ausgesucht, und es heißt:der Gott, der mich mit Kraft umgürtet!? David sprach vor dem Heiligen, gepriesen sei er: Herr der Welt, du hast mich ausgesucht und mich gespornt.

20R. Abahu trug vor: Es heißt:Wer zählt den Staub Ja͑qobs, mißt die Lagerstätte Jisraéls. Dies lehrt, daß der Heilige, gepriesen sei er, dasitzt und die Lagerstätten Jisraéls zählt, [indem er spricht:] Wann endlich kommt der Samentropfen, aus dem der Fromme geschaffen wird.

21Dieser Sache wegen erblindete das Auge des ruchlosen Bilea͑m. Er sprach nämlich: Der rein und heilig ist, dessen Diener rein und heilig sind, sollte darauf schauen!? Sofort erblindete sein Auge, wie es heißt:Spruch des Mannes geschlossenen Auges.

22Das ist es, was R. Joḥanan gesagt hat. Es heißt:Er lag bei ihr jene Nacht; dies lehrt, daß der Heilige, gepriesen sei er, bei jener Sache behilflich war, denn es heißt:Jissakhar, ein Esel knochig: der Esel hat dies Jissakhar veranlaßt.

23R. Jiçḥaq sagte im Namen R. Amis: Hat das Weib zuerst Erguß, so gebiert sie einen Knaben, hat der Mann zuerst Erguß, so gebiert sie ein Mädchen, denn es heißt:wenn ein Weib Samen bringt und einen Knaben gebiert.

24Die Rabbanan lehrten: Früher sagten sie, wenn das Weib zuerst Erguß hat, gebäre sie einen Knaben, und wenn der Mann zuerst Erguß hat, gebäre sie ein Mädchen; die Weisen erklärten diesaber nicht, bis R. Çadoq kam, und dies erklärte.Das sind die Söhne Leás, die sie Ja͑qob gebar in Paddan Aram, und seine Tochter Dina. Er nennt die männlichen [Kinder] anschließend an die Frau und die weiblichen anschließend an den Mann.

25Und die Söhne Ulams waren starke Männer, die den Bogen spannen, und sie hatten viele Söhne und Söhnessöhne. Liegt es denn in der Hand eines Menschen, viele Söhne und Söhnessöhnezu haben?

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.