Nidda — Blatt 3a
1Beide folgern es von der Ehebruchsverdächtigten.
2Die Rabbanan sind der Ansicht, hierbei sei es wie bei der Ehebruchsverdächtigten: bei der Ehebruchsverdächtigten ist es zweifelhaft, und wird als entschiedenbehandelt, ebenso ist es hierbei zweifelhaft, und als entschieden zu behandeln. —
3Wenn von der Ehebruchsverdächtigten, so sollte es auch der Ehebruchsverdächtigten gleichen: wie die Ehebruchsverdächtigte auf öffentlichem Gebiete reinist, ebenso sollte es auch hierbei auf öffentlichem Gebiete rein sein!? —
4Was soll dies: da erfolgt es wegen des Sichverbergens, und auf öffentlichem Gebiete gibt es kein Sichverbergen, hierbei aber erfolgt es ja wegen des Fehlens, und es ist einerlei, ob es auf öffentlichem Gebiete fehlt oder auf Privatgebiet fehlt.
5Wolltest du einwenden, auf öffentlichem Gebiete gilt ja jede zweifelhafte Unreinheit als rein, so gleicht diese, da zwei suspekthafte Momentevorhanden sind, der entschiedenen Unreinheit.
6R. Šimo͑n ist ebenfalls der Ansicht, hierbei sei es wie bei der Ehebruchsverdächtigten: wie die Ehebruchsverdächtigte auf öffentlichem Gebiete rein ist, ebenso ist es auch hierbei auf öffentlichem Gebiete rein. —
7Wenn von der Ehebruchsverdächtigten, so sollte es doch, wie die Ehebruchsverdächtigte auf Privatgebiet als entschieden unrein gilt, auch hierbei auf Privatgebiet entschieden unrein sein!? —
8Was soll dies: da ist ja hierfür ein Anhalt vorhanden, denn er hat sie verwarnt, sie aber hat sich verborgen, welcher Anhalt aber ist hierfürhierbei vorhanden!?
9Wenn du aber willst, sage ich: folgendes ist der Grund R. Šimo͑ns.
10Er folgert vom Beginne der Unreinheit auf den Schluß der Unreinheit: wie es bei Beginn der Unreinheit, wenn es zweifelhaft ist, ob er [das Unreine] berührt hat oder nicht berührt hat, auf öffentlichem Gebiete rein ist, ebenso ist es bei Schluß der Unreinheit, wenn es zweifelhaft ist, ob er untergetaucht ist oder nicht untergetaucht ist, auf öffentlichem Gebiete rein. —
11Und die Rabbanan!? — Was soll dies: da befand sich die Person bis dahin im Zustande der Reinheit, und des Zweifels wegen versetze man sie nicht in Unreinheit, hierbei aber befand sich die Person im Zustande der Unreinheit, und des Zweifels wegen bringe man sie nicht aus der Unreinheit. —
12Womit ist es hierbei anders als bei [der Lehre] von der Durchgangsgasse. Wir haben nämlich gelernt: Das in einer Durchgangsgasse gefundene Kriechtier verunreinigt rückwirkend, es sei denn, er sagt, er habe die ganze Durchgangsgasse untersucht, und da war kein Kriechtier, oder bis zum Fegen. —
13Auch da ist es, da Kriechtiere in dieser sind und Kriechtiere von anderwärts kommen, ebenso, als wären zwei suspekthafte Momente vorhanden.
14Wenn du aber willst, sage ich: folgendes ist der Grund Šammajs: weil die Frau es selber spürt. — Und Hillel!? — Sie kann beim Spüren geglaubt haben, es sei Urin. —
15Und Šammaj, es kann ja im Schlafe [erfolgt sein]!? — Wenn im Schlafe, so erwacht sie durch das Mißbehagen, wie dies beim Spüren von Urin der Fall ist. —
16Es gibt ja blöde!? — Bei einer Blöden pflichtet Šammaj bei. — Er lehrt ja: alle Frauen!? — Alle vernünftigen Frauen. —
17Sollte er doch lehren: Frauen!? — Dies schließt die Ansicht R. Elie͑zers aus. R. Elie͑zer sagte nämlich, nur vier Frauenund nicht mehr, daher lehrt er: alle Frauen. —
18Es gibt ja noch den Fall von den Blutflecken!? Es wäre also anzunehmen, daß die Lehre von den Blutflecken nicht die Ansicht Šammajs vertritt? Abajje erwiderte: Šammaj pflichtet beim Falle von den Blutflecken bei. — Aus welchem Grunde? — Mit [geschlachtetem] Geflügel befaßte sie sich nicht, auf dem Schlächtermarkte war sie nicht, woher sonst kommt dieses Blut?
19Wenn du aber willst, sage ich: folgendes ist der Grund Šammajs: wäre vorher Blut vorhanden gewesen, so würde es hervorgekommen sein. — Und Hillel!? — Die Wände des Muttermundes hielten es zurück. — Und Šammaj!? — Die Wände des Muttermundes halten das Blut nicht zurück. —
20Wie ist es aber in dem Falle, wenn eine beim Geschlechtsverkehr Watte verwendet!? Abajje erwiderte: Šammaj pflichtet in dem Falle bei, wenn sie beim Geschlechtsverkehr Watte verwendet.
21Raba erwiderte: Auch Watte schrumpft durch den Schweiß zusammen. Jedoch pflichtet Raba in dem Falle bei, wenn die Watte eingepreßt ist. —
22Welchen Unterschied gibt es zwischen diesen Erklärungenund jener Erklärung? —
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.