Nidda — Blatt 53a

1Rabbi sagte: Die Worte des R. Jehuda b. Agra sind einleuchtend in dem Falle, wenn sie sich nicht untersucht hat, und die Worte der Weisen in dem Falle, wenn sie sich untersucht hat. –

2Was heißt untersucht und was heißt nicht untersucht? Raba erwiderte: Ich fand die Jünger der Schule Rabhs, die dasaßen und sagten: Hier handelt es sich um den Fall, wenn sie sich selbst untersuchtund ihr Hemd nicht untersucht hat, aber auch sich selbst nur bei der Dämmerung des R. Jehudaund nicht bei der Dämmerung des R. Jose untersucht hat.

3Die Rabbanan sind der Ansicht, die Dämmerung des R. Jose gehöre zur Nacht, und diese hat sich bei der Dämmerung des R. Jehuda untersucht, und R. Jose vertritt seine Ansicht, denn er sagt, über die Dämmerung bestehe ein Zweifel.

4Da sprach ich zu ihnen: Hielte sie die ganze Dauer der Dämmerung die Hand an dieser Stelle, so würdet ihr Recht haben, so aber kann sie beim Fortnehmen der Hand wahrgenommen haben. Da sprachen sie zu mir: Wir sprechen eben von dem Falle, wenn sie die ganze Dauer der Dämmerung die Hand an dieser Stelle gehalten hat.

5«Rabbi sagte: Die Worte des R. Jehuda b. Agra sind einleuchtend in dem Falle, wenn sie sich nicht untersucht hat.» Was heißt sich nicht untersucht:

6wollte man sagen, sich untersucht bei [der Dämmerung] des R. Jehuda und sich nicht untersucht bei der des R. Jose, demnach wäre R. Jehuda der Ansicht, sie müsse berücksichtigen, auch wenn sie sich nach beiden untersucht hat, so hat sie sich ja untersucht.

7Doch wohl sich nicht untersucht, weder nach R. Jehuda noch nach R. Jose. Wenn sie sich aber bei [der Dämmerung] des R. Jehuda und nicht bei der des R. Jose untersucht hat, braucht sie nicht zu berücksichtigen;

8demnach gehört nach Rabbi die Dämmerung des R. Jose zur Nacht. Wie ist demnach der Schlußsatz zu erklären: und die Worte der Weisen, wenn sie sich untersucht hat. Was heißt sich untersucht:

9wollte man sagen, sich untersucht bei [der Dämmerung] des R. Jehuda und sich nicht untersucht bei der des R. Jose, demnach wären die Rabbanan der Ansicht, sie brauche nicht zu berücksichtigen, auch wenn sie sich nach beiden nicht untersucht hat, so hat sie sich ja nicht untersucht.

10Doch wohl sich untersucht, sowohl nach R. Jehuda als auch nach R. Jose. Wenn sie sich aber bei [der Dämmerung] des R. Jehuda untersucht und bei der des R. Jose nicht untersucht hat, muß sie berücksichtigen;

11demnach ist nach Rabbi die Dämmerung des R. Jose zweifelhaft. Somit befindet sich Rabbi in einem Widerspruche mit sich selbst!? –

12Er meint es wie folgt: die Worte des R. Jehuda b. Agra leuchten den Rabbanan ein in dem Falle, wenn sie sich überhaupt nicht untersucht hat, weder bei [der Dämmerung] des R. Jehuda noch bei der des R. Jose, denn auch die Weisen streiten gegen ihn nur über den Fall, wenn sie sich untersucht hat bei [der Dämmerung] des R. Jehuda und nicht bei der des R. Jose, wenn sie sich aber überhaupt nicht untersucht hat, pflichten sie ihm bei. –

13Ich will auf einen Widerspruch hinweisen: Die einen Blutfleck findet, hat, wenn es eine große Wahrnehmungist, zu berücksichtigen, und wenn es eine kleine Wahrnehmungist, nicht zu berücksichtigen. Dies sind die Worte des R. Jehuda b. Agra im Namen des R. Jose.

14Rabbi sagte: Ich hörte von ihm, daß sie ob so oder so zu berücksichtigen habe, und wie er mir sagte, aus diesem Grunde: ist etwa eine Menstruierende, die sich nicht von der Vesperzeit abin Reinheit getrennthat, nicht im Zustande der Unreinheit!? Und seine Worte sind einleuchtend in dem Falle, wenn sie sich untersucht hat.

15Was heißt sich untersucht: wollte man sagen, sich untersucht bei [der Dämmerung] des R. Jehuda und nicht bei der des R. Jose, demnach wäre R. Jehuda b. Agra der Ansicht, sie brauche nicht zu berücksichtigen, auch wenn sie sich weder bei der des R. Jehuda noch bei der des R. Jose untersucht hat; aber sie hat sich ja nicht untersucht.

16Doch wohl, wenn sie sich untersucht hat sowohl bei [der Dämmerung] des R. Jehuda als auch bei der des R. Jose. R. Jehuda b. Agra ist also der Ansicht, wenn sie sich bei [der Dämmerung] des R. Jehuda und nicht bei der des R. Jose untersucht hat, brauche sie nicht zu berücksichtigen.

17Demnach gehört die Dämmerung des R. Jose nach R. Jehuda b. Agra zur Nacht. Somit befindet sich R. Jehuda b. Agra in einem Widerspruche mit sich selbst!?

18Allerdings würde, wenn nicht Rabbi, kein Widerspruch bestehen, denn eines gilt von dem Falle, wenn sie sich bei [der Dämmerung] des R. Jehuda und nicht bei der des R. Jose untersucht hat, und eines von dem Falle, wenn sie sich bei der des R. Jehuda und bei der des R. Jose untersucht hat, aber nach Rabbi besteht ja ein Widerspruch!? –

19Zwei Tannaím streiten über die Ansicht des R. Jehuda b. Agra. Ein Tanna ist der Ansicht, wenn die Dämmerung des R. Jehuda zuende ist,

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.