Pessachim — Blatt 108a

1Zwischen diesenBechern darf man, wenn man will, [noch außerdem] trinken, nicht aber zwischen dem dritten und dem vierten. Wieso dürfte man trinken, wenn du sagen wolltest, [der Wein] sättige, man ißt ja dann das Ungesäuerte übersättigt? Vielmehr ist hieraus zu entnehmen, [der Wein] mache Appetit.

2R. Šešeth pflegte den ganzen Vorabend des Pesaḥfestes im Fasten zu verbringen. Demnach ist R. Šešeth der Ansicht, unsere Mišna spreche vom großen Vespergebete, wegen des Pesaḥopfers, weil man [die Mahlzeit] ausdehnen und die Herrichtung des Pesaḥopfers unterlassen könnte,

3und er hält es mit dem, was R. Oša͑ja im Namen R. Elea͑zars gesagt hat, nach Ben Bethera sei das am Morgen des vierzehnten [Nisan] auf seinen Namen geschlachtete Pesaḥopfer tauglich, weil die Zeit des Pesaḥopfers morgens beginnt und der ganze Tag dafür bestimmt ist,

4denn er ist der Ansicht,zwischen den Abenden heiße: zwischen dem vorangehenden und kommenden Abend. –

5Nein, anders R. Šešeth, der verweichlicht war; wenn er morgens gegessen hätte, würde er abends keinen Appetit zum Essen gehabt haben.

6SELBST DER ÄRMSTE IN JISRAÉL &C. ES wurde gelehrt: Das Ungesäuerte benötigt des Anlehnens, das Bitterkraut benötigt nicht des Anlehnens; vom Weine wurde im Namen R. Naḥmans gelehrt, er benötige des Anlehnens, und [dagegen] wurde im Namen R. Naḥmans gelehrt, er benötige des Anlehnens nicht.

7Sie streiten aber nicht, denn eines gilt von den ersten zwei Bechern und eines gilt von den letzten zwei Bechern. Manche erklären es auf die eine Weise, und manche erklären es auf die andere Weise. Manche erklären es auf die eine Weise, daß nämlich die ersten zwei Becher des Anlehnens benötigen, weil bei diesen die Freiheit beginnt, die letzten zwei aber benötigen nicht des Anlehnens, weil diese schon vorüber ist.

8Manche erklären es auf die andere Weise, daß nämlich im Gegenteil die letzten zwei Becher des Anlehnens benötigen, weil bei diesen die Freiheit schon begonnen hat, die ersten zwei aber benötigen nicht des Anlehnens, weil man bei diesen noch [den Abschnitt] ‘Sklaven waren wir’liest. Da nun so gelehrt wird und anders gelehrt wird, so benötigen diese und jene des Anlehnens.

9Das Liegen auf dem Rücken heißt nicht angelehnt; das Anlehnen nach rechts heißt nicht angelehnt, außerdem ist dies gefährlich, da [die Speisen] eher in die Luftröhre als in die Speiseröhre gelangen könnten.

10Eine Frau bei ihrem Manne benötigt nicht des Anlehnens; ist sie eine vornehme Frau, so benötigt sie des Anlehnens. Ein Sohn bei seinem Vater benötigt des Anlehnens. Sie fragten: Wie verhält es sich mit einem Schüler bei seinem Lehrer? –

11Komm und höre: Abajje erzählte: Als wir beim Meister weilten, lehnten wir uns jeder auf die Kniee des anderen an; als wir aber zu R. Joseph kamen, sprach er zu uns: Ihr habt dies nicht nötig; die Ehrfurcht vor deinem Lehrer gleicht der Ehrfurcht vor dem Himmel.

12Man wandte ein: Man muß sich in jeder Gesellschaft anlehnen, auch ein Schüler in Gesellschaft seines Lehrers!? – Diese Lehre gilt vom Lehrling eines Handwerkers.

13Sie fragten: Wie verhält es sich mit einem Tischdiener? – Komm und höre: R. Jehošua͑ b.Levi sagte: Wenn der Tischdiener ein olivengroßes Stück Ungesäuertes gegessen hat, so hat er, falls er sich angelehnt hat, seiner Pflicht genügt. Nur wenn er sich angelehnt hat, sonst aber nicht.

14Schließe hieraus, daß er des Anlehnens benötigt. Schließe hieraus. Ferner sagte R. Jehošua͑ b.Levi: Auch Frauen sind zu den vier Bechern verpflichtet,

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.