Pessachim — Blatt 10b
1Wenn man [Gesäuertes] in einen Winkel hingelegt hat und in einem anderen Winkel findet, so besteht hierüber ein Streit zwischen R. Šimo͑n b.Gamliél und den Rabbanan. Es wird nämlich gelehrt: Wenn in einem Hause eine Axt abhanden gekommen ist, so ist das Haus unrein, denn man nehme an, ein Unreiner sei da hineingekommenund habe sie fortgenommen; R. Šimo͑n b.Gamliél sagt, das Haus sei rein, denn man nehme an, er habe sie jemandem geborgt und vergessen, oder aus jenem Winkel genommen und in diesen Winkel gelegt und vergessen. –
2Wer spricht hier von einem Winkel!? –
3[Diese Lehre] ist lückenhaft und muß wie folgt lauten: Wenn eine Axt in einem Hause abhanden gekommen ist, so ist das Haus unrein, denn man nehme an, ein Unreiner sei da hineingekommen und habe sie fortgenommen; ebenso ist das Haus unrein, wenn man sie in einen Winkel hingelegt hat und in einem anderen findet, denn man nehme an, ein Unreiner sei da hineingekommen und habe sie aus jenem Winkel genommen und in diesen gelegt. R. Šimo͑n b. Gamliél sagt, das Haus sei rein, denn man nehme an, er habe sie jemandem geborgt und vergessen beziehungsweise aus jenem Winkel genommen und in diesen gelegt und vergessen.
4Raba sagte: Wenn eine Maus mit einem Brote im Maule [in ein Haus] hineingegangen ist und man da nachher Brocken findet, so muß es durchsucht werden, weil eine Maus [das Brot] nicht zu zerbröckeln pflegt. Ferner sagte Raba: Wenn ein Kind mit einem Brote in der Hand [in ein Haus] hineingegangen ist und man da nachher Brocken findet, so braucht es nicht durchsucht zu werden, weil ein Kind [das Brot] zu zerbröckeln pflegt.
5Raba fragte: Wie ist es, wenn eine Maus mit einem Brote im Maule [in ein Haus] hineingegangen und eine Maus mit einem Brote im Maule aus diesem herausgekommen ist: sagen wir, die herausgekommen, sei dieselbe, die hineingegangen war, oder ist es eine andere?
6Und wie ist es, wenn du entscheidest, die herausgekommen, sei dieselbe, die hineingegangen war, wenn eine weiße Maus mit einem Brote im Maule [in ein Haus] hineingegangen und eine schwarze Maus mit einem Brote im Maule aus diesem herausgekommen ist: diese ist bestimmt eine andere, oder hat sie es jener weggenommen?
7Und wie ist es, wenn du entscheidest, Mäuse nehmen einander nichts weg, wenn eine Maus mit einem Brote im Maule [in ein Haus] hineingegangen und ein Wiesel mit einem Brote im Maule herausgekommen ist: das Wiesel kann es bestimmt der Maus weggenommen haben, oder ist es ein anderes, denn wenn es der Maus es weggenommen hätte, so würde es auch die Maus selbst im Maule gehabt haben?
8Und wie ist es, wenn du entscheidest, das Wiesel würde, falls es der Maus es weggenommen hätte, auch die Maus selbst im Maule gehabt haben, wenn eine Maus mit einem Brote im Maule [in ein Haus] hineingegangen und ein Wiesel mit einem Brote und einer Maus im Maule herausgekommen ist: ist es hierbei entschieden dieselbe, oder müßte sich, wenn es dieselbe wäre, das Brot im Maule der Maus befinden, oder hat sie es vor Schreck fallen lassen und [das Wiesel] es aufgehoben? – Dies bleibt unentschieden.
9Raba fragte: Wie ist es, wenn ein Brot sich an der Decke befindet: muß man eine Leiter holen und es herunterholen, oder ist dies nicht nötig; sagen wir, die Rabbanan haben einen nicht soweit belästigt, denn da man es allein nicht herunterholen kann, wird man es zu essen nicht verleitet, oder aber kann man, da es herunterfallen könnte, es zu essen verleitet werden?
10Und wie ist es, wenn du entscheidest, man könne, da es herunterfallen könnte, es zu essen verleitet werden, wenn ein Brot sich in einer Grube befindet: muß man eine Leiter holen und es heraufholen, oder ist dies nicht nötig; hierbei kann man es selbst nicht heraufholen, oder aber kann man, da man wegen irgend einer Angelegenheit hinabsteigen könnte, es zu essen verleitet werden?
11Und wie ist es, wenn du entscheidest es zu essen verleitet werden, wenn ein Brot sich im Maule einer Schlange befindet: muß man einen Schlangenbeschwörer holen, der es ihr wegnehme, oder ist dies nicht nötig;
12haben die Rabbanan einen nur persönlich bemüht, nicht aber auch mit seinem Gelde, oder gibt es hierbei keinen Unterschied? – Dies bleibt unentschieden.
13R. JEHUDA SAGT, MAN DURCHSUCHE [NACH GESÄUERTEM] IN DER NACHT ZUM VIERZEHNTEN, AM MORGEN DES VIERZEHNTEN UND BEI DER FORTSCHAFFUNG. DIE WEISEN SAGEN, HAT MAN NICHT IN DER NACHT ZUM VIERZEHNTEN DURCHSUCHT, SO DURCHSUCHE MAN AM VIERZEHNTEN,
14HAT MAN NICHT AM VIERZEHNTEN DURCHSUCHT, SO DURCHSUCHE MAN AM FESTE, UND HAT MAN NIGHT AM FESTE DURCHSUCHT, SO DURCHSUCHE MAN NACHDEM FESTE. WAS MANZURÜCKLÄSST, VERSTECKE MAN, DAMIT NICHT HINTERHER EINE DURCHSUCHUNG NÖTIG SEI.
15GEMARA. Was ist der Grund R. Jehudas? R. Ḥisda und Rabba b.Hona erklärten beide: Entsprechend den drei ‘Fortschaffungen’ in der Tora: Es darf bei dir kein Gesäuertes und es darf bei dir kein Sauerteig zu sehen sein, sieben Tage hindurch soll in eueren Wohnungen kein Sauerteig zu finden sein, nur sollt ihr am ersten Tage allen Sauerteig aus eueren Wohnungen fortschaffen,
16R. Joseph wandte ein: R. Jehuda sagte, wer an diesen drei Fristen nicht durchsucht hat, durchsuche nicht mehr. Demnach streiten sie, bis wann mandurchsuche!?
17Mar Zuṭra lehrte es wie folgt: R. Jehuda sagte, wer an einer dieser drei Fristen nicht durchsucht hat, durchsuche nicht mehr. Demnach streiten sie, ob man noch später durchsuche!? –
18Vielmehr, R. Jehuda meint es ebenfalls, falls man nicht durchsucht hat,
19und ihr Streit besteht in folgendem: einer ist der Ansicht, [man durchsuche] nur vor Inkrafttreten des Verbotes und nicht nach Inkrafttreten des Verbotes, weil man davon zu essen verleitet werden könnte, und die Rabbanan sind der Ansicht, man berücksichtige dies nicht. –
20Berücksichtigt denn R. Jehuda, man könnte davon zu essen verleitet werden, wir haben ja gelernt: Sobald die Schwingegarbe dargebracht war, gingen sie hinaus und fanden die Straßen Jerušalems voll mit Mehl und Rostähren;
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.