Pessachim — Blatt 113b

1Einst rezitierte ein Jünger diese Lehre vor Raba und R. Saphra, und das Gesicht R. Saphras erglänzte. Da sprach Raba zu ihm: Nicht etwa einer wie der Meister, sondern wie R. Ḥanina und R. Oša͑ja. Diese waren Schuster und wohnten im Jisraélland in einer Hurengasse; sie fertigten Schuhe für die Huren und brachten sie ihnen nach Hause, und während diese sie anschauten, erhoben sie ihre Augen nicht, um sie zu betrachten. Wenn jemand schwor, schwor er wie folgt: Beim Leben der heiligen Rabbanan im Jisraélland.

2Drei liebt der Heilige, gepriesen sei er: wer nicht in Zorn gerät, wer sich nicht betrinkt, und wer nicht auf seinem Rechte besteht. Drei haßt der Heilige, gepriesen sei er : wer anders mit dem Munde spricht, als er im Herzen denkt, wer für einen Zeugnis ablegen kann und dies unterläßt, und wer an seinem Nächsten Schändliches gesehen hat, und allein als Zeuge gegen ihn auftritt.

3So geschah es einst, daß Ṭobija eine Sünde beging, worauf Zigod zu R. Papa kam und allein gegen ihn Zeugnis ablegte. Da ließ R. Papa Zigod prügeln. Dieser sprach: Ṭobija hat eine Sünde begangen und Zigod erhält Prügel! Jener erwiderte: Freilich, es heißt :durch zwei Zeugen &c., und wenn du allein gegen ihn Zeugnis ablegst, bringst du ihn nur in üblenRuf.

4R. Šemuél b. R. Jiçḥaq sagte im Namen Rabhs : Jedoch darf er ihn hassen. Es heißt nämlich : wenn du siehst, daß der Esel deines Feindes unter seiner Last liegt; welcher Feind: wollte man sagen, ein nichtjüdischer Feind, so wird ja gelehrt, daß unter Feind, von dem sie sprechen, ein jisraélitischer Feind zu verstehen sei, nicht aber ein Feind von den weltlichen Völkern!?

5Also ein jisraélitischer Feind. Wieso aber darf man einen hassen, es heißt ja:du sollst nicht deinen Bruder im Herzen hassen!? Wollte man sagen, wenn Zeugen vorhanden sind, daß er Verbotenes begangen hat, so haßt ihn ja jeder, wieso nur dieser!? Doch wohl in dem Falle, wenn er an ihm Schändliches gesehen hat.

6R. Naḥman b. Jiçḥaq sagte: Es ist sogar Gebot, ihn zu hassen, denn es heißt :den Herrn fürchten ist hassen des Bösen. R. Aḥa, der Sohn Rabas, fragte R. Aši: Darf man es seinem Lehrer sagen, damit er ihn hasse? Dieser erwiderte: Wenn man weiß, daß man seinem Lehrer glaubwürdig wie zwei [Zeugen] ist, sage man es ihm, sonst aber sage man es ihm nicht.

7Die Rabbanan lehrten: Drei sind es, deren Leben kein Leben ist: die Mitleidigen, die Jähzornigen und die Empfindlichen. R. Joseph sprach: Dies alles ist bei mir vereinigt.

8Die Rabbanan lehrten: Drei hassen einander, und zwar : Hunde, Hähne und Geber. Manche sagen, auch die Huren, und manche sagen, auch die babylonischen Schriftgelehrten.

9Die Rabbanan lehrten: Drei lieben einander, und zwar:Proselyten, Sklaven und Raben.

10Vier verträgt der Verstand nicht, und zwar: den hochmütigen Armen, den unterschlagenden Reichen, den buhlerischen Greis und den grundlos über die Gemeinde sich erhebenden Verwalter, Manche sagen, auch den, der sich einmal und zweimal von seiner Frau scheiden ließ und sie wieder heiratet. –

11Und der erste Tanna!? – Zuweilen kommt es vor, daß ihre Morgengabe sehr groß ist, oder daß er von ihr Kinder hat, sodaß es bei der Scheidung nicht bleiben kann.

12Fünf Dinge gebot Kenaa͑n seinen Kindern: Liebet einander, liebet den Raub, liebet die Unzucht, hasset eueren Herrn und sprechet nie die Wahrheit.

13Sechs Eigenschaften werden dem Pferde nachgesagt: es liebt die Unzucht, es liebt den Krieg, es ist hochmütig, es verachtet den Schlaf, es ißt viel und scheidet wenig aus, und manche sagen, es will auch seinen Herrn im Kriege töten.

14Sieben sind vom Himmel mit dem Banne belegt, und zwar: wer keine Frau hat, wer eine Frau und keine Kinder hat, wer Kinder hat, sie aber nicht für das Studium der Tora erzieht, wer keine Tephillin am Kopfe und am Arme hat, wer keine Çiçith am Gewande hat, wer keine Mezuza an der Tür hat, und wer keine Schuhe an den Füßen hat. Manche sagen, auch wer an einem Gastmahle gelegentlich einer gottgefälligen Handlung nicht Anteil nimmt.

15Rabba b. Bar Ḥana sagte im Namen des R. Šemuél b. Martha im Namen Rabhs im Namen des R. Jose aus Huçal: Woher, daß man die Chaldäer nicht befragen darf? Es heißt: du sollst dich ganz an den Herrn, deinen Gott, halten.

16Woher, daß man seinem Genossen, von dem man weiß, daß er in nur einer Sache bedeutender ist, Ehren erweisen muß? Es heißt:weil er von ausnehmendem Geiste erfüllt war &c.

17[Eine Wöchnerin,] die schon Reinheit erlangthat, darf dennoch den Beischlaf noch nicht ausüben. – Wie lange? Rabh erwiderte: einen Halbtag.

18Es wird gelehrt: Joseph aus Huçal und Joseph aus Çereda sind identisch. Isib. Gur Arje, Isi b. Jehuda, Isi b. Gamliél und Isi b. Mahalalél sind identisch. – Wie ist sein richtiger Name? – Sein richtiger Name ist Isi b.A͑qabja. R. Jiçḥaq b. Ṭabla, R. Jiçḥaq b. Ḥaqla und R. Jiçḥaq b. Elea͑ sind identisch.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.