Pessachim — Blatt 116b

1WER AM PESAḤFESTE ÜBER FOLGENDE DREI DINGE NICHT SPRICHT, GENÜGT NICHT SEINER PFLICHT, UND ZWAR: DAS PESAḤOPFER, DAS UNGESÄUERTE UND DAS BITTERKRAUT. DAS PESAḤOPFER [ISST MAN], WEIL GOTT DIE HÄUSER UNSERER VORFAHREN IN MIÇRAJIM ÜBER-SPRUNGEN [PASAḤ] HAT;

2DAS UNGESÄUERTE, WEIL UNSERE VORFAHREN IN MIÇRAJIM ERLÖSTWURDEN; DAS BITTERKRAUT, WEIL DIE MIÇRIJIM DAS LEBEN UNSERER VORFAHREN IN MIÇRAJIM VERBITTERT HATTEN.

3IN JEDEM ZEITALTER IST JEDER VERPFLICHTET, SICH VORZUSTELLEN, ALS SEI ER SELBST AUS MIÇRAJIM GEZOGEN, DENN ES HEISST:an jenem Tage sollst du deinem Sohne also erzählen: Wegen dessen, was der Herr an mir getan hat, als ich aus Miçrajim zog.

4DARUM SIND WIR VERPFLICHTET ZU DANKEN, ZU RÜHMEN, ZU LOBEN, ZU VERHERRLICHEN, ZU ERHEBEN, ZU VEREHREN, ZU PREISEN, ZU ERHÖHEN UND ZU HULDIGEN VOR DEM, DER UNSEREN VÄTERN UND UNS ALL DIESE WUNDER GETAN; DER UNS GEFÜHRT AUS KNECHTSCHAFT ZU FREIHEIT, AUS KUMMER ZUR FREUDE, AUS TRAUER ZUR FESTLICHKEIT, AUS FINSTERNIS ZU GROSSEM LICHTE UND AUS SKLAVEREI ZUR ERLÖSUNG; LASSET UNS VOR IHM SPRECHEN : Preiset Gott.

5WIE WEIT LESE MAN? DIE SCHULE ŠAMMAJS SAGT: BIS:Die Mutter der Kinder frohlockt, DIE SCHULE HILLELS SAGT, BIS: Den Kiesel in einen Wasserquell. MAN SCHLIESSE MIT DER ERLÖSUNGSFORMEL. R. TRYPHON SAGT: ‘DER UNS UND UNSERE VORFAHREN AUS MIÇRAJIM ERLÖST HAT’, OHNE WEITERE SCHLUSSFORMEL.

6R. A͑QIBA SAGT: ‘SO MÖGE DER HERR, UNSER GOTT UND DER GOTT UNSERER VORFAHREN, UNS ANDERE FEIERTAGE UND FESTE, DIE UNS ENTGEGENKOMMEN, IN FRIEDEN ERREICHEN LASSEN; ERFREUT ÜBER DEN BAU DEINER STADT, JUBELND IN DEINEM DIENSTE. DORT WERDEN WIR VON DEN PESAḤOPFERN UND VON SCHLACHTOPFERN ESSEN &C., BIS: ‘GEPRIESEN SEIEST DU, O HERR, DER DU JISRAÉL ERLÖST HAST’.

7GEMARA. Raba sagte: Man muß auch sagen: ‘Und uns hat er von dort herausgeführt’. Raba sagte: Das Ungesäuerte muß manhochheben, das Bitterkraut muß man hochheben, das Fleisch braucht man nicht hochzuheben, und noch mehr: dies würde sogar den Anschein haben, als äße man Geheiligtes außerhalb.

8R. Aḥa b. Ja͑qob sagte : Ein Blinder braucht die Haggada nicht herzusagen, denn hierbei heißt es wegen dieses und dortheißt es dieser, unser Sohn, wie dort ein Blinder ausgeschlossen ist, ebenso ist auch hierbei ein Blinder ausgeschlossen. –

9Dem ist aber nicht so, Meremar erzählte ja, er habe die Jünger der Schule R. Josephs gefragt, wer die Haggada bei R. Joseph hersage, und sie erwiderten ihm, R. Joseph, [ferner fragte er,] wer die Haggada bei R. Šešeth hersage, und man erwiderte ihm, R. Šešeth!? – Diese Rabbanan sind der Ansicht, das Ungesäuerte sei in der Jetztzeit nur eine rabbanitische Pflicht. –

10Demnach wäre R. Aḥa b. Ja͑qob der Ansicht, das Ungesäuerte sei in der Jetztzeit eine Pflicht der Tora, und R. Aḥab. Ja͑qob selbst sagte ja, das Ungesäuerte sei in der Jetztzeit eine rabbanitische Pflicht!? – Er ist der Ansicht, die Rabbanan haben all ihre Bestimmungen denen der Tora gleichgestellt. –

11Dies gilt ja auch nach R. Šešeth und R. Joseph, daß nämlich die Rabbanan all ihre Bestimmungen denen der Tora gleichgestellt haben!? –

12Ist dies denn [stichhaltig]? Dort sollte es ‘es ist unser Sohn’ heißen, wenn es aber ‘dieser unser Sohn’ heißt, so schließt dies einen Blinden aus, hierbei aber kann es ja nicht anders als ‘dieses’ heißen und bezieht sich vielmehr auf das Ungesäuerte und das Bitterkraut.

13DARUM SIND WIR VERPFLICHTET.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.