Pessachim — Blatt 118a

1Welcher ist der Segen über das Lied? – R. Jehuda sagt, [der Segen auf] ‘Es rühmen dich, Herr, unser Gott’; R. Joḥanan sagt [der Segen auf] ‘Der Odem alles Lebenden’. Die Rabbanan lehrten: Nach dem vierten [Becher] beende man das Loblied und spreche das große Loblied – so R. Tryphon. Manche sagen, [den Psalm]Der Herr ist mein Hirt, mir wird nichts mangeln. –

2Welches ist das große Loblied? – R. Jehuda sagt, vonDanket bisAn den Flüssen Babels; R. Joḥanan sagt, vonStufenlied bis An den Flüssen Babels; R. Aḥa b. Ja͑qob sagt, vonDenn der Herr hat Ja͑qob erwählt bis An den Flüssen Babels. –

3Weshalb heißt es das große Loblied? R. Joḥanan erwiderte : Weil der Heilige, gepriesen sei er, in der Höhe des Weltalls weilt und jedem Geschöpfe seine Nahrung verabreicht.

4R. Jehošua͑ b. Levi sagte: Auf wen beziehen sich diese sechsundzwanzig Dankverse? Auf die sechsundzwanzig Generationen, die der Heilige, gepriesen sei er, vor der Verleihung der Tora auf seiner Welt erschaffen und in seiner Gnadeernährt hatte.

5R. Ḥisda sagte: Es heißt : danket dem Herrn, denn er ist gütig; danket dem Herrn, daß er die Schuld des Menschen von der [ihm gewährten] Güte einzieht. [Er nimmt] vom Reichen seinen Ochsen, vom Armen sein Schaf, von der Waise ihr Ei und von der Witwe ihre Henne.

6R. Joḥanan sagte : Der Erwerb des Menschen ist doppelt so schwer als die Geburt, denn von der Geburt heißt es:mit Schmerz, von der Nahrung aber heißt es:mit Sehmerzen.

7Ferner sagte R. Joḥanan: Der Erwerb des Menschen ist schwieriger als die Erlösung, denn von der Erlösung heißt es:der Engel, der mich von allen Nöten errettete, nur ein Engel, vom Erwerb aber heißt es: der Gott, der mich ernährt hat.

8R. Jehošua͑ b. Levi sagte: Als der Heilige, gepriesen sei er, zu Adam sprach : Dornen und Disteln soll sie dir hervorbringen, flössen seine Augen Tränen, und er sprach vor ihm: Herr der Welt, ich und mein Esel sollen nun aus einer Krippe essen! Als er aber zu ihm sagte:Im Schweiße deines Angesichtes sollst du Brot essen, beruhigte er sich.

9Reš Laqiš sagte : Wohl wäre uns, wenn es dabei gebliebenwäre. [Abajje sagte:] Noch sind wir dem nicht entgangen, denn wir essen ja Kräuter vom Felde.

10R. Šezbi sagte im Namen des R. Elea͑zar b. A͑zarja: Der Erwerb des Menschen ist so schwierig, wie die Spaltung des Schilfmeeres, denn es heißt:der allem Fleische Speise gibt, und nahe [vorher] heißt es: der das Schilfmeer in Stücke zerschnitt.

11R. Elea͑zar b. A͑zarja sagte: Der Stuhlgang des Menschen ist so schwer, wie der Todestag und wie die Spaltung des Schilfmeeres, denn es heißt: es eilt der Niedergedrücktesich zu entfesseln, und darauf folgt: er wühlt das Meer auf, und seine Wogen brausen.

12Ferner sagte R. Šešeth im Namen des R. Elea͑zar b. A͑zarja: Wenn jemand die Feste schändet, so ist dies ebenso, als würde er Götzendienst treiben, denn es heißt:du sollst dir kein gegossenes Gottesbild machen, und darauf folgt : das Fest des Ungesäuerten sollst du halten.

13Ferner sagte R. Šešeth im Namen des R. Elea͑zar b. A͑zarja: Wer Verleumdung spricht, Verleumdung anhört oder falsches Zeugnis wider seinen Nächsten ablegt, verdient, daß man ihn vor die Hunde werfe, denn es heißt : ihr sollt es vor die Hunde werfen, und darauf folgt :du sollst kein falsches Gerücht entgegennehmen, und man lese [auch] : entgegennehmen lassen.

14Wozu brauchen wir, wo das große Loblied vorhanden ist, dieseszu lesen!? – Weil in diesem folgende fünf Dinge enthalten sind: Der Auszug aus Miçrajim, die Spaltung des Schilfmeeres, die Verleihung der Tora, die Auferstehung der Toten und die Leiden der messianischen Zeit.

15Der Auszug aus Miçrajim, denn es heißt :als Jisraél aus Miçrajim zog. Die Spaltung des Schilfmeeres, denn es heißt :das Meer sah und floh. Die Verleihung der Tora, denn es heißt : die Berge tanzten wie die Widder. Die Auferstehung der Toten, denn es heißt:ich werde vor dem Angesichte des Herrn wandeln.

16Die Leiden der messianischen Zeit, denn es heißt:nicht uns, Herr, nicht uns. R. Joḥanan sagte: Es heißt: nicht uns, Herr, nicht uns, das ist die Knechtschaft der Regierungen. Manche lesen: R. Joḥanan sagte: Nicht uns, Herr, nicht uns, das ist der Krieg von Gog und Magog.

17R. Naḥman b.Jiçḥaq erwiderte: Weil in diesem die Rettung der Seelen der Frommen aus dem Fegefeuer enthalten ist, denn es heißt:ach, Herr, errette meine Seele. Ḥizqija erwiderte: Weil in diesem das Hinabsteigen der Frommenin den Schmelzofen und deren Heraufsteigen aus diesem enthalten ist.

18Ihr Hinabsteigen, denn es heißt: nicht uns, Herr, nicht uns, dies sagte Ḥananja; deinem Namen gib Ehre, dies sagte Mišaél; um deiner Gnade, um deiner Treue willen, dies sagte A͑zarja; weshalb sollen die Völker sprechen, dies sagten sie allesamt.

19Ihr Heraufsteigen aus dem Schmelzofen, denn es heißt:lobet den Herrn, alle Völker, dies sagte Ḥananja; preiset ihn, alle Nationen, dies sagte Mišaél ; denn mächtig ist über uns seine Gnade, dies sagte A͑zarja; und die Treue des Herrn währt ewig, Halelujah, dies sagten sie allesamt.

20Manche sagen, [den Vers:] die Treue des Herrn währt ewig, sagte Gabriél. Als nämlich der ruchlose Nimrod unseren Vater Abraham in den Schmelzofen warf, sprach Gabriél vor dem Heiligen, gepriesen sei er: Herr der Welt, ich will hinabsteigen, [den Schmelzofen] kühlen und diesen Frommen aus dem Schmelzofen retten. Da sprach der Heilige, gepriesen sei er, zu ihm: Ich bin einzig auf meiner Welt, und er ist einzig auf seiner Welt, es geziemt sich, daß der Einzige selber den Einzigen rette. Da aber der Heilige, gepriesen sei er, kein Geschöpf um sein Verdienst kommen läßt, sprach er : Es soll dir beschieden sein, drei seiner Nachkommen zu retten.

21R. Šimo͑n der Šilonite trug vor: Als der ruchlose Nebukhadneçar Ḥananja, Mišaél und A͑zarja in den Schmelzofen warf, trat der Hagelfürst Jurqemi vor den Heiligen, gepriesen sei er, und sprach: Herr der Welt, ich will hinabsteigen, den Schmelzofen kühlen und diese Frommen aus dem Schmelzofen retten. Da sprach Gabriél zu ihm: Nicht darin besteht die Macht des Heiligen, gepriesen sei er. Du bist der Hagelfürst, und jeder weiß, daß Wasser das Feuer lösche; vielmehr will ich, der ich Feuerfürst bin, hinabsteigen und ihn innen kühlen

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.