Pessachim — Blatt 28a

1Da trat R. Jehuda zurück und folgerte einen anderen Schluß: beim Übriggebliebenen gilt das Verbot des Übriglassens, und beim Gesäuerten gilt das Verbot des Übriglassens, wie nun das Übriggebliebene zu verbrennen ist, ebenso ist auch das Gesäuerte zu verbrennen.

2Sie erwiderten ihm: Das Schwebe-Schuldopfer und das des Zweifels wegen dargebrachte Geflügel-Sündopfer nach deiner Ansicht beweisen es: bei diesen gilt das Verbot des Übriglassens, sie sind nach unserer Ansicht zu verbrennen und nach deiner Ansicht zu begraben. Da schwieg R. Jehuda.

3R. Joseph sagte: Das ist es, was die Leute sagen: der von ihm selber gefertigte Löffel verbrennt dem Meister[die Zunge] mit Senf.

4Abajje sagte: Im von ihm selber [gefertigten] Fesselblocke sitzt der Meister; mit seinem eigenen Händewerke wird ihm vergolten.

5Raba sagte: Mit seinem eigenen Pfeile wird der Pfeilmacher getötet; mit seinem eigenen Händewerke wird ihm vergolten.

6DIE WEISEN SAGEN, MAN DÜRFE ES AUCH ZERBRÖCKELN UND STREUEN &C. Sie fragten: Wie meinen sie es: man zerbröckle es und streue es in den Wind, oder man zerbröckle es und werfe es ins Meer, oder aber: man zerbröckle es und streue es in den Wind, oder man werfe es ins Meer, in seinem Befunde? Desgleichen haben wir von Götzen gelernt: R. Jose sagt, man zermalme ihn und streue ihn in den Wind oder werfe ihn ins Meer. Hierzu fragten sie ebenfalls: Wie meint er es: man zermalme ihn und streue ihn in den Wind, oder man zermalme ihn und werfe ihn ins Meer, oder aber: man zermalme ihn und streue ihn in den Wind, oder man werfe ihn ins Meer, in seinem Befunde?

7Rabba erwiderte: Es leuchtet ein, daß man einen Götzen, der ins Salzmeer zu werfen ist, nicht zu zermalmen brauche, und Gesäuertes, das auch in jedes andere Gewässer geworfen werden darf, zerbröckeln müsse. R. Joseph sprach zu ihm: Im Gegenteil, das Entgegengesetzte leuchtet ja ein: Der Götze, der nicht zerweicht, muß zertrümmert werden, Gesäuertes aber, das ohnehin zerweicht, braucht nicht zerbröckelt zu werden.

8Es gibt eine Lehre übereinstimmend mit Rabba, und es gibt eine Lehre übereinstimmend mit R. Joseph. Es gibt eine Lehre übereinstimmend mit Rabba: Befindet man sich in einer Wüste, so zerbröckle man es und streue es in den, Wind; befindet man sich auf einem Schiffe, so zerbröckle man es und werfe es ins Meer. Es gibt eine Lehre übereinstimmend mit R. Joseph: Befindet man sich in einer Wüste, so zermalme man ihn und streue ihn in den Wind; befindet man sich auf einem Schiffe, so zermalme man ihn und werfe ihn ins Meer.

9[Aus diesen Lehren] ist ja hinsichtlich des Zermalmens ein Einwand gegen Rabba und hinsichtlich des Zerbröckelns ein Einwand gegen R. Joseph zu entnehmen!?– Gegen Rabba ist hinsichtlich des Zermalmens kein Einwand zu erheben, denn eines gilt vom Salzmeer und eines von anderen Gewässern; gegen R. Joseph ist hinsichtlich des Zerbröckelns kein Ein wand zu erheben, denn eines gilt von Weizen und eines von Brot.

10GESÄUERTES EINES NICHTJUDEN, WORÜBER DAS PESAḤFEST DAHINGEGAN-GEN IST, IST ZUR NUTZNIESSUNG ERLAUBT, DAS EINES JISRAÉLITEN IST ZUR NUTZNIESSUNG VERBOTEN, DENN ES HEISST : kein Sauerteig soll bei dir zu sehen sein.

11GEMARA. Wessen Ansicht vertritt unsere Mišna: nicht die des R. Jehuda, nicht die des R. Šimo͑n und nicht die R. Jose des Galiläers!? – Wieso dies? – Es wird gelehrt: Beim Gesäuerten übertritt man vor der Zeitund nach der Zeit ein Verbot, während der Zeit übertritt man ein Verbot und verfällt der Ausrottung – so R. Jehuda.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.