Pessachim — Blatt 3a
1Wenn [eine Frau] beim Lichte des einundachtzigsten Tagesfehlgebiert, so braucht sie nach der Schule Šammajs kein besonderes Opfer darzubringen; die Schule Hillels verpflichtet dazu.
2Die Schule Hillels sprach zur Schule Šammajs: Womit ist es beim Lichte des einundachtzigsten anders als am einundachtzigsten Tage: wenn sie einander hinsichtlich der Unreinheit gleichen, wieso sollten sie einander nicht auch hinsichtlich des Opfers gleichen!? Wenn nun die Schule Hillels zur Schule Šammajs sagte, beim Lichte des einundachtzigsten sollte es ebenso sein wie am einundachtzigsten Tage, so ist ja zu entnehmen, daß ‘Licht’ der Abend sei!? Schließe hieraus.
3Man wandte ein: Man könnte glauben, esdürfe auch beim Lichte des dritten Tages gegessen werden, und dies wäre auch durch einen Schluß zu folgern: manche Schlachtopfer werden an einem Tage gegessen, und das Heilsopfer wird an zwei Tagen gegessen, wie jene auch in der dem Tage folgenden Nacht, ebenso dieses in der dem Tage folgenden Nacht,
4so heißt es:am Tage, an dem ihr es opfert, und tags darauf muß es gegessen werden; was aber bis zum [dritten] Tage übrigbleibt; nur an diesem Tage darf es gegessen werden, nicht aber beim Lichte des dritten.
5Man könnte glauben, [das Übriggebliebene] sei sofort zu verbrennen, und dies wäre auch durch einen Schluß zu folgern: manche Schlachtopfer werden einen Tag und eine Nacht gegessen, und das Heilsopfer wird zwei Tage und eine Nacht gegessen, wie bei jenen sofort nach [der Frist] des Essens die Verbrennung erfolgt, ebenso erfolge auch bei diesem die Verbrennung sofort nach [der Frist] des Essens,
6so heißt es: was aber am dritten Tage vom Opferfleische übrigbleibt, soll im Feuer verbrannt werden; man verbrenne es am Tage, nicht aber verbrenne man es nachts. Wenn er nun sagt, man könnte glauben, es dürfe beim Lichte des dritten [Tages] gegessen werden, so ist ja unter ‘Licht’ der Abend [zu verstehen]!? Schließe hieraus. –
7Komm und höre: Beim Lichte des Versöhnungstages spreche man im Gebete sieben [Segenssprüche] und das Sündenbekenntnis, im Morgengebete spreche man sieben [Segenssprüche] und das Sündenbekenntnis, im Zusatzgebete spreche man sieben [Segenssprüche] und das Sündenbekenntnis, im Nachmittagsgebete spreche man sieben [Segenssprüche] und das Sündenbekenntnis, und im Abendgebete spreche man den Auszug aus dem Achtzehngebete. R. Ḥanina b. Gamliél sagt im Namen seiner Vorfahren, man spreche das vollständige Achtzehngebet, weil man im [Segensspruche] ‘der Erkenntnis verleiht’ den Unterscheidungssegen einschalten muß. Demnach ist ‘Licht’ der Abend!? Schließe hieraus. –
8Komm und höre: In der Schule Šemuéls wurde gelehrt: In der Nacht zum vierzehnten [Nisan] suche man bei Lampenlicht das Gesäuerte zusammen. Demnach ist ‘Licht’ der Abend!? –
9Vielmehr, R. Hona und R. Jehuda stimmen überein, daß ‘Licht’ der Abend sei; sie streiten nicht, sondern einer erklärt, nach [dem Sprachgebrauche] seiner Ortschaft, und einer erklärt nach [dem Sprachgebrauche] seiner Ortschaft. In der Ortschaft R. Honas nannte man [den Abend] ‘Dämmerung’, und in der Ortschaft R. Jehudas nannte man ihn ‘Nacht’. –
10Weshalb lehrt unser Tanna nicht ‘Nacht’!? – Er wählt einen euphemistischen Ausdruck. Dies nach R. Jehošua͑ b. Levi, denn R. Jehošua͑ b. Levi sagte: Nie bringe man einen unpassenden Ausdruck aus dem Munde; so machte auch die Schrift eine Umschreibung von acht Buchstaben, nur um keinen unpassenden Ausdruck (aus dem Munde) hervorzubringen, denn es heißt:vom Vieh, das rein ist, und vom Vieh, das nicht reinist.
11R. Papa sagte: Neun, denn es heißt: wenn einer unter dir ist, der nicht rein ist, infolge eines nächtlichen Begegnisses. Rabina sagte: Zehn, auch das Vav im [Worte] ṭahor [rein]. R. Aḥa b.Ja͑qob sagte: Sechzehn, denn es heißt:er dachte, es sei ein Zufall, er ist nicht rein, denn er hat sich nicht reinigen lassen.
12In der Schule R. Jišma͑éls wurde gelehrt: Stets führe der Mensch eine euphemistische Sprache; so gebraucht auch [die Schrift] beim flußbehafteten Manne[den Ausdruck] ‘reiten’ und bei der flußbehafteten Frau [den Ausdruck] ‘sitzen’. Ferner heißt es:du wähltest eine schlaue Sprache. Ferner heißt es:was meine Lippen wissen, sprechen sie lauteraus. –
13Wozu das ‘ferner’? – Man könnte einwenden, dies gelte nur von der Tora, nicht aber bei Rabbanitischem, so komm und höre: ferner heißt es: du wähltest eine schlaue Sprache. Weiter könnte man einwenden, dies gelte nur vom Rabbanitischen, nicht aber von weltlichen Dingen, so heißt es ferner: was meine Lippen wissen, sprechen sie lauter aus. –
14Wird denn bei einer Frau nicht [der Ausdruck] ‘reiten’ gebraucht, es heißt ja:hierauf brachen Ribqa und ihre Dienerinnen auf und ritten auf den Kamelen!? – Bei Kamelen ist dies üblich, wegen der Angst. – Es heißt ja aber:da nahm Moše seine Frau und seine Kinder und ließ sie auf einem Esel reiten!? – Da war es
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.