Pessachim — Blatt 56a
1SIE ASSEN AM ŠABBATH ABGEFALLENE FRÜGHTE, UND SIE LIESSEN DEN ECKENLASS VOM GRÜNKRAUT; DIES UNTERSAGTEN IHNEN DIE WEISEN.
2GEMARA. Die Rabbanan lehrten: Sechs Verfügungen traf der König Ḥizqijahu, in dreien stimmte man ihm bei, in dreien stimmte man ihm nicht bei. Er schleifte die Gebeine seines Vatersauf einer Strickbahre, und man stimmte ihm bei; er zertrümmerte die kupferneSchlange, und man stimmte ihm bei; er versteckte das Heilmittelbuch, und man stimmte ihm bei.
3In dreien stimmte man ihm nicht bei: er zerschlug die Tempeltürenund schickte sie dem Könige von Ašur, und man stimmte ihm nicht bei; er sperrte das Wasser des (Ober)gihon ab, und man stimmte ihm nicht bei; er machte den Nisan im Nisanzum Schaltmonat, und man stimmte ihm nicht bei.
4SIE PFROPFTEN DATTELPALMEN DEN GANZEN TAG &C. Wie macht man dies? R. Jehuda erwiderte: Man holt eine feuchte Myrte, Lorbeermet und Gerstenmehl, das noch keine vierzig Tage im Gefäße ist; dies alles kocht man in einem Gefäße und gießt es in das Herz der Dattelpalme. Jeder [Baum], der sich innerhalb vier Ellen befindet, mit dem man nicht ebenso verfährt, verdorrt sofort. R. Aḥa, Sohn des Raba, erklärte: Man steckt einen männlichen Trieb in einen weiblichen Stamm.
5SIE LEIERTEN DAS ŠEMA͑ HERUNTER. Wie machten sie es? R. Jehuda erwiderte: Sie sprachen [den Vers:]Höre, Jisraél, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einzig, und hielten nichtinne. Raba erwiderte: Sie hielten wohl inne, nur lasen sie: heute in deinemHerzen, was sich so anhört, als sollten [die Worte Gottes] nur heute in deinem Herzen sein, nicht aber morgen in deinem Herzen sein. Die Rabbanan lehrten: Wie leierten sie das Šema͑ herunter? Sie lasen [den Vers:] Höre, Jisraél, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einzig, und hielten nicht inne – so R. Meír; R. Jehuda sagte: Sie hielten wohl inne, nur lasen sie nicht [den Absatz] ‘Gepriesen sei der Name seiner königlichen Herrlichkeit für immer und ewig’. –
6Weshalb lesen wir ihn? – Nach einer Auslegung des R. Šimo͑n b.Laqiš,
7denn R. Šimo͑n b.Laqiš sagte:Da berief Ja͑qob seine Söhne und sprach: Versammelt euch, damit ich euch verkünde; Ja͑qob wollte seinen Söhnen das Ende der Tage offenbaren, da wich die Göttlichkeit von ihm. Hierauf sprach er: Vielleicht befindet sich, behüte und bewahre, ein Makelbehafteter an meinem Lager, wie auch Abraham der Jišma͑él und meinem Vater der E͑sav entstammte? Da erwiderten ihm seine Söhne: Höre, Jisraél, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einzig; wie er in deinem Herzen einzig ist, so ist er auch in unserem Herzen einzig. In dieser Stunde begann unser Vater Ja͑qob und sprach: Gepriesen sei der Name seiner königlichen Herrlichkeit für immer und ewig.
8Die Rabbanan sprachen: Was machen wir nun: sagen wir es, so sagte es ja Moše nicht, sagen wir es nicht, so sagte es ja Ja͑qob!? Darauf ordneten sie an, es leise zu sagen. R. Jiçḥaq sagte: In der Schule R. Amis sagten sie ein Gleichnis: Die Tochter eines Königs roch den Duft von würzigen Speisen; sollte sie essagen, so schämte sie sich, sollte sie es nicht sagen, so litt sie Qual. Da brachten es ihr ihre Diener heimlich.
9R. Abahu sagte: Später ordnete man an, es laut zu sagen, wegen der Redereiender Minäer. In Nehardea͑ aber, wo keine Minäer vorhanden sind, sagt man es noch jetzt leise.
10Die Rabbanan lehrten: Sechs Dinge taten die Leute von Jeriḥo, drei mit Billigung der Weisen und drei ohne Billigung der Weisen. Folgende mit Billigung der Weisen: sie pfropften Dattelpalmen den ganzen Tag, sie leierten das Šema͑ herunter und sie mähten vor [der Darbringung] der Schwingegarbe. Folgende ohne Billigung der Weisen: sie schoberten [das Getreide] vor [der Darbringung] der Schwingegarbe, sie brachen Lücken in ihre Gemüse- und Obstgärten, damit die Armen in den Jahren der Dürre an Šabbathen und an Festen die abgefallenen Früchte essen können, und sie erlaubten Triebe von Johannisbrotbäumen und Sykomoren des Heiligtums-so R. Meír.
11R. Jehuda sprach zu ihm: Wenn sie dies mit Billigung der Weisen getan haben, so sollte auch jeder andere dies tun dürfen!? Vielmehr, diese und jene ohne Billigung der Weisen, nur hatten sie ihnen drei verwehrt und drei nicht verwehrt.
12Folgende verwehrten sie ihnen nicht: sie pfropften Dattelpalmen den ganzen Tag, sie leierten das Šema͑ herunter, und sie schoberten [das Getreide] vor [der Darbringung] der Schwingegarbe; folgende aber verwehrten sie ihnen: sie erlaubten Triebe von Johannisbrotbäumen und Sykomoren des Heiligtums, sie brachen Lücken in ihre Gemüse- und Obstgärten, damit die Armen in den Jahren der Dürre an Šabbathen und Festen die abgefallenen Früchte essen können, und sie ließen den Eckenlaß von Grünkraut; dies verwehrten ihnen die Weisen. –
13Ist R. Jehuda denn der Ansicht, das Mähen sei ohne Billigung der Weisen erfolgt, wir haben ja gelernt, die Leute von Jeriḥo mähten vor [der Darbringung] der Schwingegarbe mit Billigung der Weisen und schoberten vor [der Darbringung] der Schwingegarbe ohne Billigung der Weisen, und die Weisen verwehrten es ihnen nicht.
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.