Pessachim — Blatt 68a

1Wer einer Menstruierenden beiwohnt, gleicht einem Leichenunreinen. In welcher Hinsicht: wollte man sagen, hinsichtlich der Unreinheit, so heißt es ja sowohl bei dem einen als auch bei dem anderen ausdrücklich, daß sie sieben Tage dauert;

2doch wohl hinsichtlich des Lagers, und wenn im Schlußsatze hinsichtlich des Lagers, wahrscheinlich auch im Anfangssatze hinsichtlich des Lagers!? – Wieso denn, dieser so und jener anders.

3Man wandte ein: [Die Unreinheit] des Aussätzigen ist schwerer als die des Flußbehafteten, und die des Flußbehafteten ist schwerer als die des Leichenunreinen; ausgeschlossen ist der Samenergußbehaftete, denn die des Leichen unreinen ist schwerer als seine.

4Wovon ausgeschlossen: doch wohl ausgeschlossen aus der Kategorie der Flußbehafteten und in die Kategorie der Leichenunreinen eingereiht. Schwerer als dessen [Unreinheit] ist die des Leichen unreinen, und dieser darf sogar in das levitische Lager kommen!? –

5Nein, ausgeschlossen aus dem Lager der Leichenunreinen, und er kommt in das Lager der Flußbehafteten, obgleich die [Unreinheit] des Leichen unreinen schwerer ist und er dennoch in das levitische Lager kommen darf, denn er gehört zu dem, dem er gleicht.

6Ein Jünger rezitierte vor R. Jiçḥaq b. Evdämi:Er soll aus dem Lager hinausgehen, das ist das Lager der Gottheit; er soll in das Lager nicht kommen, das ist das levitische Lager. Hieraus, daß der Samenergußbehaftete aus zwei Lagern hinaus muß.

7Da sprach dieser zu ihm: Du hast ihn nicht hereingebracht und schickst ihn hinaus!? Eine andere Lesart: Noch hast du ihn nicht hinausgeschickt und du sprichst vom Hereinkommen!? Sage vielmehr: aus dem Lager, das ist das levitische Lager, er soll in das Lager nicht kommen, das ist das Lager der Gottheit.

8Rabina wandte ein: Vielleicht bezieht sich beides auf das Lager der Gottheit, daß man nämlich dieserhalb ein Gebot und Verbot übertrete!? – Demnach sollte die Schrift sagen: er soll aus dem Lager hinausgehen und in dieses nicht kommen, wenn es aber heißt: in das Lager, so schließe hieraus, daß sich dies auf ein zweites Lager bezieht.

9DAS AUSKRATZEN DER EINGEWEIDE &C. Was ist dies für ein Auskratzen der Eingeweide? R. Hona erklärte: Sie wurden mit einem Messer ausgekratzt. R. Ḥija b. Rabh erklärte: Wegen des Schleimes der Därme, der durch den Druck des Messers entfernt wird.

10R. Ilea͑ sprach: Was ist der Grund des Ḥija b. Rabh? Es heißt:und von den Trümmern der Fetten werden die Wanderer sich nähren. – Wieso geht dies daraus hervor? – Nach der Paraphrase R. Josephs: das Vermögen der Frevlerwerden die Frommen in Besitz nehmen.

11Lämmer werden dort wie auf ihrer Trift weiden. Menasja b. Jirmeja erklärte im Namen Rabhs: Wie ihnen verheißenwurde. – Was ist ihnen verheißen worden? Abajje erwiderte: Und von den Trümmern der Fetten werden die Wanderer sich nähren. Raba sprach zu ihm: Einleuchtend wäre deine Erklärung, wenn es von den Trümmernhieße, es heißt ja aber: und von den Trümmern, demnach ist es ja ein Satz für sich!?

12Vielmehr, sagte Raba, nach R. Ḥananél im Namen Rabhs, denn R. Ḥananél sagte im Namen Rabhs: Dereinst werden die Frommen Tote beleben. Hier heißt es: Lämmer werden dort wie auf ihrer Trift weiden, und dortheißt es: sie werden in Bašan und Gilea͑d weiden wie in den Tagen der Vorzeit;

13Bašan ist Elisa, der aus Bašan stammt, denn es heißt:Šaphaṭ in Bašan, und ferner heißt es:hier ist Eliša͑, der Sohn Šaphaṭs, der Wasser auf die Hände Elijahus gegossen, und Gilea͑d ist Elijahu, denn es heißt:da sprach Elijahu der Tišbite, von den Einwohnern Gilea͑ds &c.

14R. Šemuél b. Naḥmani sagte im Namen R. Jonathans: Dereinst werden die Frommen Tote beleben, denn es heißt:noch werden Greise und Greisinnen in den Straßen Jerušalems sitzen, jeder seinen Stab in der Hand vor Fülle an Tagen, und ferner heißt es:lege meinen Stab auf das Antlitz des Knaben.

15U͑la wies auf einen Widerspruch hin: Es heißt:vernichten wird er den Tod für immer, [dagegen] heißt es:als Hundertjährige werden die Jünglinge sterben!? – Das ist kein Widerspruch; eines gilt von Jisraéliten, und eines gilt von den weltlichen Völkern. – Was sollen da die weltlichen Völker!? – Es heißt:Fremde werden dastehen und euere Herden weiden, und Fremdenkinder werden euere Ackerer und Winzer sein.

16R. Ḥisda wies auf einen Widerspruch hin: Es heißt:der Mond wird sich schämen und die Sonne zu Schanden werden, [dagegen] heißt es: des Mondes Licht wird dem Lichte der Sonne gleichen und siebenfach das Licht der Sonne, wie das Licht der sieben Tage!? – Das ist kein Widerspruch; eines in der zukünftigen Welt und eines in den messianischen Tagen. –

17Wie ist es aber nach Šemuél zu erklären, welcher sagt, zwischen dieser Welt und den messianischen Tagen werde es keinen anderen Unterschied als die Knechtschaft der Regierungen geben!? – Beides in der zukünftigen Welt, dennoch besteht kein Widerspruch; eines spricht vom Lager der Gottheit und eines vom Lager der Frommen.

18Raba warf eine Frage auf: Es heißt:ich töte und mache lebendig, und es heißt:ich verwunde und schaffe Heilung; wenn er sogar lebendig macht, um wieviel mehr schafft er Heilung!? Vielmehr, der Heilige, gepriesen sei er, sprach: die ich getötet habe, mache ich lebendig, wie ich Heilung denen schaffe, die ich verwundet habe.

19Ebenso wird gelehrt: Ich töte und mache lebendig; man könnte glauben, Tod dem einen und Leben einem anderen, wie es in der Welt zugeht, so heißt es: ich verwunde und schaffe Heilung; wie Verwundung und Heilung an einer Person, ebenso Tod und Leben an einer Person. Hieraus eine Erwiderung gegen diejenigen, die sagen, die Auferstehung der Toten befinde sich nicht in der Tora. Eine andere Erklärung: Zuerst belebe ich sie, die ich getötet, nachher heile ich, die ich verwundet.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.