Pessachim — Blatt 77a
1Ich will dir sagen, die Ziegenböcke des Neumonds müssen besonders aufgezählt werden; man könnte glauben, [diese nicht,] da bei ihnen [das Wort] ‘Fest’ nicht gebraucht wird, so lehrt er uns, daß auch der Neumond ‘Fest’ heiße.
2Dies nach Abajje, denn Abajje sagte: Der Tamuz jenes Jahreswar vollzählig, denn es heißter hat ein Fest gegen mich ausgerufen, daß man meine Jünglinge zermalme.
3Sie werden also alle aus [dem Worte] ‘Fest; gefolgert; woher dies? — Die Rabbanan lehrten:Da sagte Moše die Festzeiten des Herrn; was lehrt dies? Wir wissen esnur vom beständigen Opfer und vom Pesaḥopfer, bei denen es zur Zeit heißt: zur Zeit, auch am Šabbath, zur Zeit, auch in Unreinheit;
4woher dies auch von anderen Gemeindeopfern? Es heißt:diese sollt ihr dem Herrn an eueren Festzeiten herrichten.
5Woher wissen wir, auch die Schwingegarbe, und was damit dargebracht wird, die zwei Brote, und was damit dargebracht wird, einzuschließen? Es heißt: da sagte Moše den Kindern Jisraél die Festzeiten des Herrn; die Schrift bestimmte eine Festzeit für sie alle. —
6Wozu braucht dies von allen [besonders gesagt zu werden]? — Dies ist nötig; würde der Allbarmherzige es nur vom beständigen Opfer geschrieben haben, so könnte man glauben, nur das beständige Opfer, weil es beständig ist und vollständig dargebracht wird, nicht aber das Pesaḥpfer, so lehrt er uns.
7Würde der Allbarmherzige es nur vom Pesaḥopfer geschrieben haben, [so könnte man glauben,] nur das Pesaḥopfer, [dessen Unterlassung] mit der Ausrottung belegt ist, nicht aber das beständige Opfer, [dessen Unterlassung] nicht mit der Ausrottung belegt ist, so lehrt er uns.
8Würde der Allbarmherzige es nur von diesen beiden geschrieben haben, so könnte man glauben, nur diese, weil sie eine erschwerende Seite haben, das beständige Opfer ist beständig und wird vollständig dargebracht, und [die Unterlassung] des Pesaḥopfers ist mit der Ausrottung belegt, nicht aber andere Gemeindeopfer; daher schrieb der Allbarmherzige: diese sollt ihr dem Herrn an eueren Festzeiten herrichten.
9Würde der Allbarmherzige nur geschrieben haben: diese sollt ihr dem Herrn an eueren Festzeiten herrichten, so könnte man glauben, nur andere Gemeindeopfer, die zur Sühne dargebracht werden, nicht aber die Schwingegarbe und die zwei Brote, die nicht zur Sühne dargebracht werden, sondern nur Erlaubnis erwirkensollen, so lehrt er uns.
10Und würde der Allbarmherzige es nur von der Schwingegarbe und den zwei Broten geschrieben haben, so könnte man im Gegenteil glauben, nur die Schwingegarbe und die zwei Brote, die so bedeutend sind, daß sie Erlaubnis erwirken, nicht aber jene, so lehrt er uns.
11Sie glaubten, nach aller Ansicht werde für die Gemeinde die Unreinheit nur verdrängt, wonach das Stirnblattzur Wohlgefälligmachung [des Opfers] erforderlich ist,
12denn außer R. Jehuda gibt es keinen Tanna, der der Ansicht wäre, die Unreinheit werde für die Gemeinde aufgehoben. Es wird nämlich gelehrt: Das Stirnblatt macht [das Opfer] wohlgefällig, einerlei ob es an [des Hochpriesters] Stirn ist oder nicht — so R. Šimo͑n; R. Jehuda sagt, ist es an seiner Stirn, mache es [das Opfer] wohlgefällig, ist es nicht an seiner Stirn, mache es [das Opfer] nicht wohlgefällig.
13R. Šimo͑n sprach zu ihm: Vom Hochpriester am Versöhnungstage ist ja zu beweisen: es ist dann nicht an seiner Stirn, dennoch macht es [das Opfer] wohlgefällig!?
14Dieser erwiderte: Laß den Versöhnungstag, an dem für die Gemeinde die Unreinheit aufgehoben wird. Demnach ist R. Šimo͑n der Ansicht, die Unreinheit werde für die Gemeinde nur verdrängt.
15Ferner sind alle der Ansicht, das Stirnblatt mache die Speiseteilenicht wohlgefällig, denn außer R. Elie͑zer gibt es keinen Tanna, der der Ansicht wäre, das Stirnblatt mache die Speiseteile wohlgefällig. Es wird nämlich gelehrt: R. Elie͑zer sagt, das Stirnblatt mache die Speiseteile wohlgefällig; R. Jose sagt, das Stirnblatt mache die Speiseteile nicht wohlgefällig.
16Es ist anzunehmen, daß unsere Mišna nicht die Ansicht R. Jehošua͑s vertritt, denn es wird gelehrt:Du sollst deine Brandopfer herrichten, das Fleisch und das Blut. R. Jehošua͑ sagte: Ohne Blut kein Fleischund ohne Fleisch kein Blut.
17R. Elie͑zer sagte: Das Blut [ist brauchbar], auch wenn das Fleisch nicht vorhanden ist, denn es heißt:das Blut deiner Schlachtopfer soll ausgegossen werden; wie aber halte ich aufrecht [den Schriftvers]: du sollst deine Brandopfer herrichten, das Fleisch und das Blut? Dies besagt, daß, wie das Blut geschüttet ebenso auch das Fleisch geworfen werde;
18zwischen der Rampe und dem Altar befand sich nämlich ein kleiner Zwischenraum. —
19Und R. Jehošua͑, es heißt ja: das Blut deiner Schlachtopfer soll ausgegossen werden!? — Er kann dir erwidern: gleich darauf folgt ja: das Fleisch sollst du essen. —
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.