Pessachim — Blatt 77b

1Wozu sind beide Schriftverse nötig!? — Einer [spricht] vom Brandopfer und der andere vom Heilsopfer. Und beide sind nötig. Würde der Allbarmherzige es nur vom Brandopfer geschrieben haben, so könnte man glauben, weil es beim Brandopfer strenger ist, indem es vollständig dargebracht wird, nicht aber gelte dies vom Heilsopfer, das nicht streng ist.

2Und würde der Allbarmherzige es nur vom Heilsopfer geschrieben haben, so könnte man im Gegenteil glauben, weil es bei diesem zwei Verzehrungengibt, nicht aber gelte dies vom Brandopfer, bei dem es keine zwei Verzehrungen gibt. Daher lehrt er [beide]. —

3Und R. Elie͑zer, es heißt ja: das Fleisch sollst du essen!? — Er kann dir erwidern: jener deutet darauf, daß das Fleisch nicht eher zum Essen erlaubt ist, als bis das Blut gesprengt worden ist. —

4Demnach kann ja der ganze [Schriftvers] darauf deuten; woher daß das Blut auch ohne Fleisch [tauglich ist]!? —

5Er kann dir erwidern: demnach sollte ja der Allbarmherzige zuerst schreiben: das Fleisch sollst du essen, und nachher: das Blut deiner Schlachtopfer soll ausgegossen werden, wie es auch vorher heißt: du sollst deine Brandopfer herrichten, das Fleisch und das Blut; wenn aber der Allbarmherzige zuerst vom Blute der Opfer spricht, so ist hieraus zu entnehmen, daß das Blut auch ohne Fleisch [tauglich ist], und ebenso ist hieraus zu entnehmen, daß das Fleisch nicht eher zum Essen erlaubt ist, als bis das Blut gesprengt worden ist. —

6[Woher weiß] R. Jehošua͑, daß das Fleisch nicht eher zum Essen erlaubt ist, als bis das Blut gesprengt worden ist!? — Dies ist [durch einen Schluß] vom Leichteren auf das Schwerere zu folgern: wenn die Opferteile, die, wenn nicht vorhanden, kein Hindernisbilden, ein Hindernis bilden, wenn sie vorhandensind, um wieviel mehr bildet das Blut, das, auch nicht vorhanden, ein Hindernis bildet, ein Hindernis, wenn es vorhanden ist. —

7Und R. Elie͑zer!? — Die Schrift bemüht sich auch, das zu schreiben, was durch einen Schluß vom Leichteren auf das Schwerere zu folgern wäre. — Und R. Jehošua͑!? — Was daraus zu deuten ist, deute man.

8Es ist nun anzunehmen, daß unsere Mišna nicht die Ansicht R. Jehošua͑s vertritt, denn wieso könnte man nach seiner Ansicht, daß beideserforderlich sei, und daß ferner das Stirnblatt die Speiseteile nicht wohlgefällig mache, [das Opfer] in Unreinheit darbringen!? —

9Du kannst auch sagen, sie vertrete die Ansicht R. Jehošua͑s, denn er ist der Ansicht, das Stirnblatt mache die Opferteilewohlgefällig. —

10Einleuchtend ist dies hinsichtlich der Schlachtopfer, die Opferteile haben, wie ist es aber hinsichtlich der Schwingegarbe und der zwei Brote, die keine Opferteilehaben, zu erklären!? — Ich will dir sagen: nur von den Schlachtopfern sagt R. Jehošua͑, beides sei erforderlich, nicht aber von den Speisopfern. —

11Sagt er es etwa nicht von den Speisopfern, wir haben ja gelernt, daß, wenn das Zurückbleibendeunrein geworden oder abhanden gekommen ist, [das Opfer] nach der AnsichtR. Elie͑zers tauglich und nach der Ansicht R. Jehošua͑s untauglich sei!? —

12Nach seiner Ansicht und nicht nach seiner Ansicht; nach der Ansicht R. Jehošua͑s, daß beides erforderlich sei, und nicht nach der Ansicht R. Jehošua͑s, denn R. Jehošua͑ sagt dies nur von Schlachtopfern und nicht von Speisopfern, und dieser Tanna sagt dies auch von Speisopfern. —

13Wer ist der Tanna, der seiner Ansicht ist und noch erschwerender als er!? Ferner wird ja gelehrt: R. Jose sagte: Mir leuchtet die Ansicht R. Elie͑zers bei Speisopfern und Schlachtopfern ein, und die Ansicht R. Jehošua͑s bei Schlachtopfern und Speisopfern.

14Die Ansicht R. Elie͑zers bei Schlachtopfern, denn er sagt, das Blut [sei tauglich] auch ohne Fleisch. Die Ansicht R. Jehošua͑s bei Schlachtopfern, denn er sagt, ohne Blut kein Fleisch und ohne Fleisch kein Blut. Die Ansicht R. Elie͑zers bei Speisopfern, denn er sagt, die Handvoll [sei tauglich] auch wenn Zurückbleibendes nicht mehr da ist. Die Ansicht R. Jehošua͑s bei Speisopfern, denn er sagt, ohne Handvoll kein Zurückbleibendes und ohne Zurückbleibendes keine Handvoll. —

15Vielmehr R. Jehošua͑ ist der Ansicht, das Stirnblatt mache [die Opferteile] und die Speiseteile wohlgefällig. —

16Wieso ist esdemnach nach der Ansicht R. Jehošua͑s untauglich!? — Dies bezieht sich auf den Fall, wenn das Zurückbleibende abhanden gekommen oder verbrannt worden ist. —

17Demnach gilt der Fall vom Unreinwerden nur nach R. Elie͑zer, und nach diesem ist es ja selbstverständlich: wenn es nach R. Elie͑zer tauglich ist, falls das Zurückbleibende abhanden gekommen oder verbrannt worden ist, wo es nicht mehr vorhanden ist, um wieviel mehr, wenn es unrein geworden ist, wo es noch vorhanden ist!? Doch wohl nach R. Jehošua͑, und er lehrt, es sei untauglich.

18Ferner wird ja gelehrt, R. Jehošua͑ sagt, man sprenge das Blut aller in der Tora genannten Schlachtopfer, einerlei ob das Fleisch unrein geworden und das Fett erhalten ist, oder das Fett unrein geworden und das Fleisch erhalten ist, nicht aber, wenn beides unrein geworden ist, somit ist R. Jehošua͑ der Ansicht, das Stirnblatt mache weder die Opferteile noch die Speiseteile wohlgefällig!? —

19Vielmehr, tatsächlich vertritt unsere Mišna die Ansicht R. Jehošua͑s, dennoch besteht hier kein Widerspruch; das eine von vornherein, das andere, wenn bereits geschehen. R. Jehošua͑ sagt diesnur von vornherein, nicht aber, wenn bereits [dargebracht]. —

20Woher entnimmst du, daß R. Jehošua͑ zwischen von vornherein und bereits geschehen unterscheidet? — Es wird gelehrt: Ist das Fleisch unrein oder untauglich geworden, oder ist es außerhalb der Vorhängegekommen, so ist [das Blut], wie R. Elie͑zer sagt, zu sprengen, und wie R. Jehošua͑ sagt, nicht zu sprengen; jedoch pflichtet R. Jehošua͑ bei, daß, wenn es gesprengt worden ist, [das Opfer] wohlgefällig sei. —

21Erstens heißt es da: untauglich geworden, wenn bereits geschehen, und ferner heißt es hier: fünf Dinge werden dargebracht, auch von vornherein!? —

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.