Pessachim — Blatt 78a
1Vielmehr, das ist kein Widerspruch; eines gilt von einem Privatopfer und eines von einem Gemeindeopfer.
2Es ist anzunehmen, daß unsere Mišna nicht die Ansicht R. Joses vertritt, denn es wird gelehrt: R. Elie͑zer sagt, das Stirnblatt mache die Speiseteile wohlgefällig; R. Jose sagt, das Stirnblatt mache die Speiseteile nicht wohlgefällig.
3[Der Fragende] glaubte, daß R. Jose, da er ebenfalls sagt, das Stirnblatt mache die Speiseteile nicht wohlgefällig, der Ansicht R. Jehošua͑s sei, daß beides erforderlich ist, somit vertritt unsere Mišna nicht die Ansicht R. Joses. —
4Nein, R. Jose ist der Ansicht R. Elie͑zers, welcher sagt, das Fleisch ohne das Blut [sei tauglich]. —
5In welcher Hinsicht macht das Stirnblatt die Speiseteile nicht wohlgefällig!? — In welcher Hinsicht sagt R. Elie͑zer, auch nach deiner Auffassung, das Stirnblatt mache sie wohlgefällig: nach seiner Ansicht ist ja das Blut ohne das Fleisch [tauglich], was ist denn an den Speiseteilen wohlgefällig zu machen!?
6Vielmehr besteht ihr Streit darin, ob es Verwerfliches werden könne, und ob es der Veruntreuungenthoben sei. R. Elie͑zer ist der Ansicht, das Stirnblatt mache es wohlgefällig, somit gilt es als reines [Opfer], kann Verwerfliches werden und ist der Veruntreuung enthoben;
7und R. Jose ist der Ansicht, das Stirnblatt mache es nicht wohlgefällig, somit gilt es nicht als reines [Opfer], kann nicht Verwerflichcs werden und ist der Veruntreuung nicht enthoben.
8R. Mari wandte ein: Angenommen R. Jose ist der Ansicht R. Elie͑zers: allerdings stimmt dies bei den Schlachtopfern, von denen das Blut, bei der Schwingegarbe, von der die Handvoll, bei den Schaubroten, von denen die Schalen [Weihrauch dargebracht werden],
9wie ist es aber hinsichtlich der zwei Brotezu erklären!?
10Wolltest du erwidern, dies beziehe sich auf [die Opfer], die mit diesen dargebracht werden, so sind diese ja Gemeinde-Heilsopfer, somit sind es vier Dinge, während wir ‘fünf’ gelernt haben!? —
11Vielmehr, R. Jose ist der Ansicht, die Unreinheit werde bei Gemeindeopfern aufgehoben. —
12Es wird gelehrt: Sowohl diesen als auch jenenbesprenge man während aller sieben Tagemit [dem Entsündigungswasser] von allen Entsündigungsopfern, die dort vorhandenwaren — so R. Meír; R. Jose sagt, nur am dritten und am siebenten Tage.
13Wozu ist, wenn du sagst, R. Jose sei der Ansicht, bei Gemeindeopfern werde die Unreinheit aufgehoben, das Besprengen überhaupt nötig!? — Am richtigsten ist vielmehr, unsere Mišna vertritt nicht die Ansicht R. Joses.
14R. Papa sprach zu Abajje: Kann R. Jose denn den Schuldschein zu Gunsten beider Parteien auslegen!? Es wird gelehrt: R. Jose sagte: Mir leuchtet die Ansicht R. Elie͑zers bei Schlachtopfern und die Ansicht R. Jehošua͑s bei Schlachtopfern ein, die Ansicht R. Elie͑zers bei Speisopfern und die Ansicht R. Jehošua͑s bei Speisopfern.
15Die Ansicht R. Elie͑zers bei Schlachtopfern, denn er sagt, das Blut sei auch ohne Fleisch [tauglich]. Die Ansicht R. Jehošua͑s bei Schlachtopfern, denn er sagt, ohne Blut kein Fleisch und ohne Fleisch kein Blut. Die Ansicht R. Elie͑zers bei Speisopfern, denn er sagt, die Handvoll sei auch ohne das Zurückbleibende [tauglich]. Die Ansicht R. Jehošua͑s bei Speisopfern, denn er sagt, ohne Zurückbleibendes keine Handvoll und ohne Handvoll kein Zurückbleibendes!?
16Dieser erwiderte: Er sagt, [der Streit] leuchte ihm ein; auf Schlachtopfer bezugnehmend, sagt er, es leuchte ihm ein, daß sie auch über Speisopfer streiten, wie sie über Schlachtopfer streiten, und auf Speisopfer bezugnehmend sagt er, es leuchte ihm ein, daß sie auch über Schlachtopfer streiten, wie sie über Speisopfer streiten.
17Jener entgegnete: Erklärlich ist es, daß er auf Schlachtopfer bezugnehmend sagt, es leuchte ihm ein, daß sie auch über Speisopfer streiten, wie sie über Schlachtopfer streiten, denn die [angezogenen] Schriftverse sprechen hauptsächlich von Schlachtopfern; wieso aber kann er auf Speisopfer bezugnehmend sagen, es leuchte ihm ein, daß sie auch über Schlachtopfer streiten, wie sie über Speisopfer streiten, die [angezogenen] Schriftverse sprechen ja hauptsächlich von Schlachtopfern!? —
18Vielmehr, das ist kein Einwand; [er meint es wie folgt:] die Ansicht R. Elie͑zers leuchtet mir ein in dem Falle, wenn es unrein geworden ist, und die Ansicht R. Jehošua͑s, wenn es abhanden gekommen oder verbrannt worden ist. —
19Wenn es unrein geworden ist, wohl deshalb, weil das Stirnblatt es wohlgefällig macht, aber wir wissen ja, daß R. Jose der Ansicht ist, das Stirnblatt mache die Speiseteile nicht wohlgefällig!? —
20Vielmehr, das ist kein Einwand; [er meint es wie folgt:] die Ansicht R. Elie͑zers leuchtet mir ein, bei einem Gemeindeopfer und die Ansicht R. Jehošua͑s bei einem Privatopfer. —
21Bei einem Gemeindeopfer wohl deshalb, weil bei einem Gemeindeopfer die Unreinheit aufgehoben wird; aber erstens wissen wir, daß R. Jose der Ansicht ist, bei einem Gemeindeopfer werde die Unreinheit nur verdrängt, und zweitens: ist es denn bei einem Gemeindeopfer nur nach R. Elie͑zer tauglich und nicht auch nach R. Jehošua͑,
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.