Pessachim — Blatt 86b
1Man könnte glauben, man dürfe es auch in zwei Gesellschaften essen, so heißt es: in einem Hause soll es gegessen werden. —
2Worin besteht ihr Streit? — R. Jehuda ist der Ansicht, die überlieferte [Schreibart]sei maßgebend, und R. Šimo͑n ist der Ansicht, die Lesart sei maßgebend.
3Wenn sie [bei Tisch] sitzen und eine Scheidewand zwischen ihnen gezogen wird, so dürfen sie nach demjenigen, welcher sagt, das Pesaḥopfer dürfe in zwei Gesellschaften gegessen werden, weiter essen, und nach demjenigen, welcher sagt, das Pesaḥopfer dürfe nicht in zwei Gesellschaften gegessen werden, nicht weiter essen.
4Wenn sie [getrennt bei Tisch] sitzen und die Scheidewand zwischen ihnen entfernt wird, so dürfen sie nach demjenigen, welcher sagt, der Essende dürfe an zwei Stellen essen, weiter essen, und nach demjenigen, welcher sagt, der Essende dürfe nicht an zwei Stellen essen, nicht weiter essen.
5R. Kahana saß und lehrte dies evident, da sprach R. Aši zu ihm: Du solltest es lieber als Frage vortragen: gilt die Entfernung einer Scheidewand oder die Errichtung einer Scheidewand als Teilung der Räume, und sie gelten als zwei Gesellschaften, oder nicht? (Die Frage bleibt unentschieden.)
6EINE BRAUT DARF DAS GESICHT WEGWENDEN &C. Aus welchem Grunde? R. Ḥija b. Abba erwiderte im Namen R. Joḥanans: Weil sie sich geniert.
7R. Hona, Sohn des R. Nathan, kehrte einst bei R. Naḥman b. Jiçḥaq ein, und als sie ihn nach seinem Namen fragten, erwiderte er: Rabh Hona. Da sprachen sie zu ihm: Möge sich der Meister auf das Lager setzen. Nachdem er sich gesetzt hatte, reichten sie ihm einen Becher, den er bei der ersten [Aufforderung] nahm und in zwei Zügen trank, auch wandte er [beim Trinken] das Gesicht nicht weg.
8Hierauf fragten sie ihn: Weshalb nennst du dich Rabh Hona? Dieser erwiderte: Ich bin Träger dieses Namens. — Weshalb setztest du dich aufs Lager, als du dazu aufgefordertwurdest? Dieser erwiderte: ‘Was alles der Hausherr sagt, befolge, nur nicht: gehe’. —
9Weshalb nahmst du gleich bei der ersten [Aufforderung]den Becher? Dieser erwiderte: Man lasse sich nötigen von einem Geringeren, nicht aber lasse man sich nötigen von einem Großen. — Weshalb hast du ihn in zwei Zügen getrunken? Dieser erwiderte: Es wird gelehrt, wer seinen Becher in einem Zuge trinkt, sei gierig, wer in zwei Zügen, sei gesittet, und wer in drei Zügen, sei hochmütig. — Weshalb wandtest du das Gesichtnicht ab? Dieser erwiderte: Wir haben gelernt, eine Braut wende ihr Gesicht weg.
10Einst kehrte R. Jišma͑él b. R. Jose bei R. Šimo͑n, dem Sohne des R. Jose b. Laqonja, ein, und als man ihm einen Becher reichte, nahm er ihn bei der ersten [Aufforderung] und trank ihn in einem Zuge. Da sprachen sie zu ihm: Hält denn der Meister nichts von [der Lehre], wer seinen Becher in einem Zuge trinkt, sei gierig? Dieser erwiderte: Dies sagten sie nicht [von uns, wo] dein Becher klein, dein Wein süß und mein Bauch großist.
11R. Hona sagte: Mitglieder einer Gesellschaft müssen je dreieintreten und dürfen auch einzeln fortgehen. Rabba sagte: Dies nur, wenn sie zur üblichen Tischzeit kommen. Auch nur dann, wenn sie den Tischdiener davonin Kenntnis gesetzt haben.
12Rabina sagte: Man muß ihm eine Vergütung geben, und der letzte gebe noch mehr. Die Halakha ist aber nicht wie er.
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.